Ambulante Pflege

Trend zu größeren Modellen in der Autoindustrie

Günstige Kleinwagen Mangelware - auch für Pflegedienste ein Problem

Stand
AUTOR/IN
Götz Kohlmann und Luca Schulz

Wer einen günstigen Kleinwagen in Deutschland kaufen will, hat es schwer. Die Auswahl an Modellen schwindet seit Jahren. Ein Trend, der viele vor Probleme stellt, etwa auch ambulante Pflegedienste.

Video herunterladen (10,1 MB | MP4)

Dominik Tretter vom Johanniter Landesverband bestätigt dem SWR, man merke diesen Mangel an Kleinwagen. Vor wenigen Jahren seien die Pflegerinnen und Pfleger der Johanniter in der Westpfalz vor allem mit einem Ford Ka oder einem Opel Adam unterwegs gewesen. Umgestiegen sei man nun auf den Ford Fiesta oder den Opel Corsa. Diese Autos seien deutlich größer und teurer in der Anschaffung und im Unterhalt. Zudem seien sie weniger wendig und die Parkplatzsuche sei schwieriger.

Ein Umstieg auf elektrische Kleinwagen komme bisher nicht in Frage. Zum einen seien die Autos teurer, zum anderen gebe es noch Probleme bei der Ladeinfrastruktur. Die Fahrzeuge seien auf einer Morgenrunde teils viele Kilometer unterwegs, stünden dann "kurz" über Mittag, bevor die Abendschicht folge. Das passe nicht mit der Ladeinfrastruktur und der Ladedauer zusammen.

E-Autos für Pflegedienste bisher keine Alternative

Auch Jens Hoche vom Pflegedienst "Meenzer Pflege" erzählt von deutlich verschlechterten Bedingungen. Er habe in den vergangenen Jahren etwa um die 50 Fahrzeuge angekauft. Die Autos würden immer größer, es fehlten spezielle preisgünstige Wagen. Das optimale Pflege-Auto aus seiner Sicht sei der Smart als Benziner gewesen. Sie hätten meist einjährige Smarts gekauft. Inzwischen seien aber auch Gebrauchtwagen deutlich teurer geworden. Und das Problem sei, dass Mercedes die Smart-Sparte dann rein elektrisch ausgelegt habe. Seit vier Jahren bekomme man da keinen Benziner mehr. Sie hätten auch einen Fuhrpark von acht Elektroautos gehabt; davon hätten sie jetzt noch zwei. Es gebe zu wenige Ladepunkte und die Reichweite reiche vor allem im Winter nicht aus für eine innerstädtische Pflegetour. Das seien am Tag 80 bis 120 Kilometer und der Smart schaffe im Winter nur 70.

Neben den Problemen mit Gebrauchtwagen kämen bei den Neuwagen die Lieferschwierigkeiten dazu, sagt Hoche, etwa aufgrund des Chipmangels. Man sei nun umgestiegen auf den Toyota Aygo, der aber für den Stadtverkehr fast schon zu groß sei. Da habe man zuletzt bis zu sechs Monate Lieferzeit gehabt. Sie hätten jetzt schon sechs neue Autos für das kommende Jahr bestellt, früher als sie sie eigentlich brauchten.

Die Caritas Mainz will nach eigenen Angaben in fünf bis zehn Jahren ganz auf E-Mobilität umgestellt haben. Man habe die Flotte bereits mit E-Autos ergänzt und dank Ladesäulen auf dem eigenen Gelände funktioniere das auch gut. Ansonsten komme man durch Leasing und zeitige Vorbestellungen von neuen Autos noch gut zurecht mit dem Angebot an Kleinwagen.

Kein Ka, kein Adam, bald kein Twingo und Fiesta mehr - und danach?

In der Klasse der Minis, wie sie das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) definiert, hatten Kunden 2012 noch die Wahl zwischen 24 verschiedenen Modellen, wie das "Handelsblatt" jüngst berichtete. Innerhalb eines Jahrzehnts hat sich diese Zahl halbiert. Beliebte Kleinstwagen wie der Ford Ka oder die Opel-Modelle Karl und Adam werden nicht mehr produziert. Auch den Renault Twingo erwischt es bald - und den Ford Fiesta. Von den zwölf verbliebenen Modellen laufen sechs Modellreihen in den kommenden Jahren aus – ohne direkten E-Nachfolger.

Kleinwagen eines Caritas-Pflegedienstes vor einem Haus (Archivbild)+
Meist im Kleinwagen unterwegs - ambulante Pflegedienste

Wie begründen Ford oder Opel die Einstellung von Modellen, die beliebt waren, etwa bei Stadtmenschen mit Parkplatznot oder auch bei Fahranfängern? Ein Ford-Sprecher teilt dazu dem SWR mit, mit dem Ford Ka oder dem Ford Fiesta lasse sich – zumindest wenn sie in Europa bzw. in Deutschland produziert würden – nur wenig Gewinn machen, wenn überhaupt.

Hersteller verweisen auf CO2-Grenzwerte und andere gesetzliche Vorgaben

Die Anpassung an neue gesetzliche Vorgaben sei bei Kleinfahrzeugen aufwendig und kostspielig. Als Beispiel nennt der Ford-Sprecher die künftige Euro 7-Norm, die weitreichende Entwicklungen an der Abgasreinigungsanlage erforderlich mache. Hinzu kommen neue EU-Vorschriften für Assistenzsysteme und Sicherheitsstandards.

Auch ein Opel-Sprecher verweist auf die strengen CO2-Grenzwerte. Man wolle das Unternehmen nachhaltig und zukunftsfähig aufstellen. Die Modelle Adam und Karl hätten auf Plattformen basiert, die nicht elektrifizierbar seien. Ab 2028 werde Opel in Europa ausschließlich elektrische Fahrzeuge verkaufen.

Die von der Politik geforderte CO2-Reduzierung setzt paradoxerweise den eigentlich ressourcen-schonenden Kleinstautos zu. SUV dürfen im rein rechnerischen Vergleich dank eines Gewichts-Bonus deutlich mehr des schädlichen Gases emittieren. Eine Aufrüstung der Kleinwagen - etwa mit Spritspartechnik - ist den Herstellern jedoch zu teuer.

Mehr Investitionen in höhere Fahrzeugklassen

Der SWR-Mobilitätsexperte Thorsten Link hält die CO2-Vorgaben der EU für ambitioniert. Diese erforderten technische Maßnahmen, die gerade Kleinwagen um 3.000 bis 5.000 Euro teurer machten. Die gesamte Entwicklung des Automobilmarkts führe dazu, dass die Hersteller mit den kleineren Wagen keine Gewinne mehr erzielten. Aber auch in der Kompaktklasse werde ausgedünnt, etwa in der A- und B-Klasse bei Mercedes. Audi habe den A1 gestrichen und auch der Abschied vom VW Golf stehe nach Ansicht vieler Experten bevor.

Der Markt für Kleinwagen werde auch teils den asiatischen Herstellern überlassen, doch ob deren Modelle den Weg nach Europa fänden, sei fraglich. Nach Ansicht von Link kann es also zum Beispiel für die Pflegedienste in Zukunft sehr schwierig werden. Die Hersteller investierten großteils in höhere Fahrzeugklassen. Die würden luxuriöser und technisch aufgewertet - ein Trend, der die nächsten Jahre andauern werde.

Wird das Auto zunehmend zum Luxusprodukt?

Wird das Auto immer mehr zu einem luxusträchtigen Produkt? Davon gehe er aus, sagt Link. Diesen Trend spüre man auch schon. Mercedes etwa verabschiede sich von der Volkstümlichkeit der Marke. Das gelte auch für Audi und BMW. Die Hersteller hätten den renditestarken Luxusmarkt im Visier. Damit mache man sich auch abhängig von Märkten, wo diese Fahrzeuge gefragt seien und die Käufer nicht nach den Preisen fragten. Er halte das für ein Risiko, so Link.

Ob die Autohersteller also künftig noch an Alltagsprobleme wie die Parkplatzsuche oder an Anforderungen bestimmter Berufssparten denken? Daran gibt es Zweifel. Von Ford heißt es etwa, man sei heute der größte verbliebene amerikanische Hersteller auf europäischem Boden. Und bei Amerika denke man an Freiheit, Abenteuer, Outdoor. Daher wolle Ford sich mit solchen Produkten platzieren, die positive Emotionen hervorriefen und die keine mehr oder weniger beliebig austauschbaren Allerweltsautos seien.

Prämien für E-Autos Das ändert sich 2023 für E-Auto-Käufer

Im kommenden Jahr ändern sich die Höhe und die Bedingungen für die Förderung beim Kauf eines Elektro-Fahrzeuges. Was sich ändert und ob sich ein Kauf dann noch lohnt – Antworten von Geli Hensolt.

Speyer

Personalmangel verschärft sich Hoher Krankenstand in Pflegeeinrichtungen der Pfalz

In manchen Pflegeeinrichtungen sind bis zu 40 Prozent der Pflegerinnen und Pfleger auf einen Schlag krank gemeldet. Manche Pflegebedürftige können nicht mehr versorgt werden.

Am Morgen SWR4 Rheinland-Pfalz

Kaiserslautern

Projekt am Westpfalz-Klinikum Mit Flex-Modell gegen Pflegekräfte-Mangel

Pflegekräfte sind rar und entsprechend gesucht. Das Westpfalz-Klinikum hat dabei ein neues Konzept: Ein sogenanntes Flexteam soll die Beschäftigten entlasten und zugleich neue dazugewinnen.

Am Morgen SWR4 Rheinland-Pfalz

Stand
AUTOR/IN
Götz Kohlmann und Luca Schulz