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Am Montag kehren die Kitas in Rheinland-Pfalz zum Regelbetrieb zurück. Während bei den Eltern Erleichterung herrscht, fühlen sich viele Einrichtungen nicht vorbereitet.

Ab Montag soll in den Kitas im Land so etwas wie Alltag eintreten: zurück zum Regelbetrieb aber unter Beachtung bestimmter Leitlinien. Dafür hatte das Land zusammen mit Gewerkschaften, Trägern und Interessenverbänden zum Beginn der Sommerferien zwei Richtlinien herausgegeben - zum einen "Hygiene-Empfehlungen für den Regelbetrieb" und zum anderen "Leitlinien in Zeiten von Corona".

Diese jetzt umzusetzen, stellt die Einrichtungen vor große Herausforderungen. Nur ganz wenige seien auf den Beginn des Regelbetriebs vorbereitet, sagt Volker Euskirchen, der zuständige Landesbezirksfachbereichsleiter von Verdi.

Das beginne schon damit, dass den Kitas viel zu wenig Zeit gegeben worden sei, um die Leitlinien umzusetzen. Die wurden nämlich zum Beginn der Sommerferien verschickt, also zu einer Zeit, in der auch viele Kitas für drei Wochen in die Pause gingen. Diesen sei jetzt nur noch eine Woche geblieben, um zu überlegen, wie diese Regelungen umzusetzen seien. Denn in der Praxis seien es die Einrichtungen selbst und nicht die Träger, denen diese Aufgabe zufalle, so Euskirchen.

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Kitas kämpfen auch mit Personalknappheit

"Ein schöner Urlaub war das nicht, wenn man nicht weiß, wie es danach weitergeht", sagt Sascha Brand, der Leiter einer Mainzer Kita. Auch seine Einrichtung war in den ersten drei Ferienwochen geschlossen. Sorge bereite ihm nun, wie er Regelbetrieb, Personalknappheit und Hygienemaßnahmen unter einen Hut bekommen soll.

Denn Regelbetrieb bedeutet: Die Kitas müssen wieder den vollen Betreuungsumfang anbieten, verkürzte Öffnungszeiten sind also im Normalfall keine Option. Außerdem muss keine feste Gruppenstruktur mehr eingehalten werden.

Brands Dilemma: Er sagt, er könne bei ständiger Durchmischung nicht die Hygienemaßnahmen und Maßnahmen, die die Nachverfolgung bei einer Infektion erleichtern, einhalten. Bleibe er bei festen Gruppen, reiche das Personal nicht mehr, da die Kita ja nun wieder länger geöffnet haben müsse.

Zusätzlich zu den organisatorischen Herausforderungen herrsche auch Verunsicherung beim Personal in Bezug auf die Infektionsgefahr. In Brands Kita gab es bereits einen Corona-Fall bei einer Erzieherin, die Gefahr habe man dort also klar vor Augen. Und durch die Reiserückkehrer bestehe nun ein Zusatzrisiko.

"Wenn es wieder losgeht, mag ich nicht mehr kommen", habe man ihm gesagt, erzählt Brand. Eine Kollegin wolle Sonderurlaub, da sie eine pflegebedürftige Mutter habe.

Verdi: Bei Kita-Personal gibt es noch viele Fragezeichen

Bei den Gewerkschaften kennt man die Sorgen der Kitas. Die Gedanken, die man sich in der Mainzer Kita macht, macht man sich nach Angaben des Verdi-Fachbereichsleiters Volker Euskirchen in Einrichtungen im ganzen Land. "Da gibt es noch viele Fragezeichen bis Montag."

Verdi kritisiert vor allem zwei Punkte an den Leitlinien für die Kitas. Zum einen wünscht man sich im besten Fall eine regelmäßige Testung des Kitapersonals. Vorgesehen ist hingegen die landesweit gültige anlassbezogene Testung, bei der nur im Infektionsfall Tests durchgeführt werden.

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Zum anderen solle eine unnötige Durchmischung in den Kitas im Hinblick auf die Infektionsgefahr vermieden werden, so Euskirchen. Im ersten Entwurf der Leitlinien war noch formuliert worden, dass von einer grundsätzlichen Durchmischung der Kinder ausgegangen werde. Dieser Passus sei auf Druck der Gewerkschaften gestrichen worden. Verboten ist die Durchmischung jedoch nicht.

Für Elternausschuss ist Regelbetrieb "richtiger Schritt"

Mit der Durchmischung gar kein Problem hat wiederum der Vorsitzende des Landeselternausschusses der Kitas in Rheinland-Pfalz, Andreas Winheller. "Die Kitas müssen ihren Job machen", sagt er. Und zwar ab Montag wieder im Prinzip genau wie in Vor-Corona-Zeiten.

Bei den Eltern herrsche große Erleichterung darüber, dass der Regelbetrieb wieder losgehe. "Die Kitaschließungen hatten erhebliche Auswirkungen auf die Kinder", sagt Winheller - von psycholgischen Beeinträchtigungen, fehlender Sozialisation, verzögertem Spracherwerb bis hin zum Erleben häuslicher Gewalt.

"Aufgeheizte Stimmung" zwischen Eltern und Kitas

Winheller sagt, er wolle nicht nur die Diskussion führen, ob ein Risiko in den Kitas bestehe. Vielmehr fordert er dazu auf, die Thematik ganzheitlich zu betrachten. Zum Wohle der Kinder müsse daher gelten: Betreuung hat Vorrang. Danach könnten im Rahmen dessen, was möglich ist und den Kitabetrieb nicht einschränkt, die Hygieneregeln umgesetzt werden. Aber eines müsse klar sein: Das Kitapersonal genieße keinen Vollkasko-Schutz.

Von einer "aufgeheizten Stimmung" zwischen Elternausschuss und Kitas spricht Volker Euskirchen von Verdi. Stattdessen sei es nun wichtig, auf die Bremse zu treten. "Man muss ein paar Wochen warten, dann wird sich vielleicht vieles einspielen. Es sei denn, es gibt eine zweite Welle. Dann haben wir ein Problem, aber dann haben auch alle ein Problem."

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