Interview mit Kinderarzt Christian Neumann aus Zweibrücken (Foto: SWR, SWR)

Interview mit Zweibrücker Kinderarzt Christian Neumann

"Die Kinder haben in dieser Pandemie lange genug gelitten."

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Christian Neumann ist seit 26 Jahren Kinderarzt und betreibt eine Praxis in Zweibrücken. Der Sprecher des Berufsverbands für Kinder- und Jugendärzte spricht im SWR-Interview unter anderem darüber, für welche Kinder Booster-Impfungen sinnvoll sind.

SWR Aktuell: Herr Neumann, wie nehmen Sie als Kinderarzt die Corona-Lage wahr? Wie häufig erleben Sie infizierte Kinder in Ihrer Praxis?

Christian Neumann: Im Augenblick hat die Infektionswelle deutlich zugenommen. Wir sehen zunehmend kleine Kinder aus Kitas und Schulen, die sich infiziert haben und dann zum Abstrich kommen, um die Infektion nachzuweisen.

SWR Aktuell: Wie geht es diesen Kindern? Man hört immer wieder, dass der Krankheitsverlauf vor allem bei kleinen Kindern eher mild sein soll, aber auch einige Fälle von Long Covid sind mittlerweile bekannt. Wie verlaufen Corona-Infektionen bei Kindern nach Ihrer bisherigen Erfahrung?

Neumann: Man kann zurzeit ganz sicher sagen, umso jünger die Kinder sind, umso milder sind die Krankheitsverläufe. Gerade bei Kindergartenkindern ist der Befund oft Zufall, wenn man einen Schnelltest macht. Insgesamt muss man sagen, dass es keine schweren Verläufe gibt und mir persönlich sind auch keine Long-Covid-Fälle bekannt.

SWR Aktuell: Wie zeigt sich ein typischer COVID-19-Krankheitsverlauf bei einem Kind?

Neumann: Das Schwierige ist die Diagnostik. Die Verläufe unterscheiden sich gerade zu Beginn nicht von banalen Erkältungskrankheiten. Die Diagnose wird oft dann gestellt, wenn bekannt ist, dass sie Kontakt hatten zu erkrankten Kindern. Gerade kleinere Kinder reagieren vermehrt auch mit Magen-Darm-Infekten auf das Coronavirus.

SWR Aktuell: Was kann ich tun, wenn mein Kind Corona hat?

Neumann: Sie sollten das Kind einfach beobachten. So lange die Kinder munter und fit sind und spielen, besteht überhaupt kein Grund, sich Sorgen zu machen. Wenn sie müde sind, keinen Appetit haben und sich nicht konzentrieren können, dann muss sich das sicherlich ein Arzt anschauen. Natürlich empfiehlt es sich, wie bei allen viralen Infekten, sich gerade in den ersten Tagen nicht unbedingt körperlich zu belasten. Kleine Kinder muss man in aller Regel aber auch nicht bremsen. Sie haben ein sehr gutes Eigengespür für den Krankheitsverlauf, wenn die sich selbst einschränken, dann ist es oft so, dass sie von der Krankheit schwerer betroffen sind. Die merken das selber ganz gut.

SWR Aktuell: Wie regelmäßig sollten Kinder Ihrer Meinung nach getestet werden?

Neumann: Der Test ist ja nicht gerade angenehm für die Kinder. Reihentests halte ich nicht für sinnvoll, man muss gezielt testen, wenn Symptome da sind. Um wirklich alle Infektionen in Kitas und Schulen zu erkennen, müsste man regelmäßig alle Kinder testen. Aber das ist nicht zumutbar. Je kleiner die Kinder sind, desto traumatischer ist die Erfahrung, einen Test in Nase oder Rachen gemacht zu bekommen.

SWR Aktuell: Ab welchem Alter halten Sie es für sinnvoll, Kinder gegen Corona impfen zu lassen?

Neumann: Geimpft werden sollten nach Auffassung der Stiko (Ständige Impfkommission) alle Jugendlichen ab zwölf Jahren und alle Kinder von fünf bis zwölf Jahren, die chronische Erkrankungen wie Asthma, Herz-Kreislauf-Probleme oder Stoffwechselstörungen haben. Die sollte man auf jeden Fall impfen. Wenn in der Familie Mitglieder gefährdet sind, dann würde ich auch die Jüngeren zwischen fünf und zwölf impfen. Aber generell alle Kinder zu impfen, ist sicher über das Ziel hinaus geschossen, wenn man die leichten Verläufe durch Covid-19 bei Kindern insgesamt betrachtet. Das ist auch die Haltung des Berufsverbands, wir halten uns strikt an die Vorgaben der Stiko.

Impfung bei Jugendlichem (Foto: SWR)
Kinderarzt Christian Neumann impft einen jungen Patienten gegen das Coronavirus.

Es gibt aber auch immer wieder Eltern, die Kinder zwischen fünf und zwölf Jahren haben, für die es eigentlich noch keine Impf-Empfehlung gibt. Sie möchten dann gerne, dass ihre Kinder trotzdem geimpft werden, weil sie zum Beispiel besonders viel Angst vor einer Infektion haben und ihre Kinder ansonsten irgendwann nicht mehr in die Kita oder Schule schicken würden. Dadurch fehlen den Kindern dann die notwendigen Kontakte für ihre Entwicklung. Da überlege ich es mir dann genau, ob ich diese Eltern nicht auch unterstütze und ihre Kinder impfe. Das kommt häufiger vor, als man denkt. Ich würde schätzen, dass mittlerweile zwischen 30 und 50 Prozent der geimpften Kinder in diese Kategorie fallen. In Anbetracht der Tatsache, dass die Impfung von den Kindern sehr gut vertragen wird, gibt es eigentlich keinen Grund, den Eltern diese Impfung zu verwehren.

SWR Aktuell: Haben Sie schon Fälle von Impfnebenwirkungen oder Long Covid bei Kindern festgestellt?

Neumann: Bei dem Kinderimpfstoff gibt es genau die gleichen Nebenwirkungen wie bei Erwachsenen, in etwas abgemildeter Form. Der Klassiker ist, dass der Arm mal ein, zwei Tage lang weh tut oder die Kinder auch mal Fieber haben. Bei meinen Patienten habe ich bisher keine größeren Impfnebenwirkungen festgestellt, aber das ist sicher nicht repräsentativ. Allerdings geht es auch meinen Kollegen im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Rheinland-Pfalz so.

Bisher sind in Rheinland-Pfalz, soweit ich das überblicken kann, auch keine Long-Covid-Fälle bekannt. Wobei man dazu sagen muss, dass Long Covid ein schwieriges Feld ist. Es gibt keine konkreten Diagnosekriterien, an denen man das festmachen kann. Die Müdigkeit und Abgeschlagenheit, die häufig als Hauptkriterien genommen werden, sind natürlich auch Dinge, die bei Kindern vorkommen, wenn sie ihre sozialen Kontakte nicht mehr pflegen können.

SWR Aktuell: Für wie sinnvoll halten Sie Booster-Impfungen bei Kindern und Jugendlichen?

Neumann: Ab dem zwölften Geburtstag ist die Booster-Impfung bei Jugendlichen sicher sehr sinnvoll. Ich betrachte sie vom Verlauf her genauso wie bei Erwachsenen auch. Der Impfschutz wird wie bei Erwachsenen rasch abnehmen, deshalb sollte man diese Jugendlichen zügig boostern, weil sie eine große Anzahl an Kontakten haben.

Bei den Kleinen gibt es im Moment noch gar keine Studien, die einen vernünftigen Antikörperverlauf prognostizieren können. Da kann man sich aus rein wissenschaftlicher Sicht im Augenblick noch gar nicht dazu äußern. Auf lange Sicht gesehen wird wahrscheinlich bei den Kindern mit chronischen Erkrankungen auch ein Booster in dieser Altersgruppe fällig werden.

SWR Aktuell: Haben Sie den Eindruck, dass die Kinder in dieser Pandemie genug geschützt werden oder müsste man da Ihrer Meinung nach noch mehr tun?

Neumann: Wenn man sich die Anzahl an Erkrankungen an Covid-19 im Moment anschaut und dann die Verläufe bei den kleinen Kindern, dann muss man sagen, es ist eigentlich aus Sicht der Kinder nicht unbedingt notwendig, sie alle aus Schulen und Kitas rauszuhalten. Eine normale Durchseuchung in den Kitas und Schulen würde ganz sicher nicht zu einem schwereren Verlauf führen und auch nicht dazu führen, dass es mehr Folgeerkrankungen gibt. Aber Kinder tragen es natürlich zu den Erwachsenen, vielleicht zu den Großeltern, die noch nicht geboostert sind. Deshalb werden die Kinder ständig aus den Schulen nach Hause geschickt, weil sie wieder einen Kontakt hatten und auf das Ergebnis ihres PCR-Tests warten müssen. Das erschwert den Verlauf der schulischen Laufbahn und auch die Kontakte im Kindergarten. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll, wenn wir die Kinder in den Kindergärten lassen könnten. Dazu wäre es aber notwendig, dass dort alle Erwachsenen und auch im Rest der Bevölkerung alle Erwachsenen endlich geimpft sind.

Kind mit Mundschutz wird während der Corona-Pandemie geimpft (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Laci Perenyi | Laci Perenyi)
Ein Kind bekommt die Impfung zum Schutz vor Corona. (Symbolbild). picture alliance / Laci Perenyi | Laci Perenyi

Aus Sicht unseres Verbandes wird wieder mal vergessen, dass Kinder, die nicht geimpft werden können und auch Kinder generell, die ständig ihre Kontakte einschränken müssen in dieser Pandemie, schon lange genug gelitten haben. Man schränkt diese Kontakte weiter ein, weil die Erwachsenen nicht ausreichend geimpft sind und damit sie sich nicht bei den Kindern anstecken. Das ist der falsche Weg. Allein aus diesem Grund befürwortet der Verband schon lange eine Impfpflicht bei Erwachsenen, damit die Kinder nicht mehr unter den Folgen der Pandemie leiden müssen.

SWR Aktuell: Sie sprechen an, dass die Kinder sich schon lange einschränken müssen. Merken Sie, dass das den Kindern zunehmend auch psychisch zu schaffen macht?

Neumann: Ja, das merkt man ganz deutlich. Gerade bei den Kindern, die sich in der Schule sowieso schwer tun. Wenn die jetzt wieder mal drei Wochen zu Hause waren oder Heimunterricht hatten, ist es irre schwierig, sie wieder in die Schule zu kriegen. Dass die Kinder teilweise nicht mehr in die Sportvereine können, können sie an der Gewichtszunahme bei den Kindern sehen. Mangelnde Bewegung und den ganzen Tag zu Hause zu sein, auch vermehrt vor dem Bildschirm zu sitzen, macht sich deutlich bemerkbar. Natürlich auch die Einschränkungen der sozialen Kontakte macht sich vor allem bei Jugendlichen enorm negativ bemerkbar.

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