Afghanische Flüchtlinge in einem Hangar der US-Air base Ramstein (Foto: SWR)

Gerettete Afghanen in der Pfalz

Ramstein-Kommandeur: "Es geht um Menschlichkeit"

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Auf der US-Air Base in Ramstein spielen sich derzeit dramatische Szenen ab: Tausende Flüchtlinge aus Afghanistan kommen dort täglich an. Ihre Versorgung sei eine Herkulesaufgabe, sagt das US-Militär.

Hangar 5, Air Base Ramstein: Hunderte Meter Absperrgitter teilen die riesige Flugzeug-Halle in kleine Teilbereiche auf - ähnlich wie ein Flughafen-Terminal. Kleine Kinder spielen mit Bällen Fußball, Jugendliche drücken ihre Gesichter durch die Gitter und warten auf den Shuttle-Bus zum Flugzeug, das sie bald in Sicherheit in die USA bringen soll.

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"Wir hatten keine andere Wahl, wir mussten flüchten"

Akmal Atefi und 15 seiner Familienmitglieder haben es in Sicherheit geschafft - die Erleichterung steht ihm ins Gesicht geschrieben: "Wir sind der USA so dankbar, dass unsere Familie sicher ist", sagt Atefi. "Wir hoffen, dass wir bald irgendwo sein werden, wo wir eine bessere Zukunft für unsere Kinder haben werden." Es sei schwer, die Heimat zu verlassen, "aber wir hatten keine andere Wahl, wir mussten flüchten, weil unsere Leben in Gefahr waren."

Die Flucht sei für die Familie unter lebensbedrohlichen Umständen wie durch ein Wunder gelungen, erzählt der 38-Jährige aus Kabul: "Die Situation in Kabul war schrecklich, es war so gefährlich. Sie können sich nicht vorstellen, wie gefährlich die Taliban sind."

Afghanen werden nun in die USA gebracht

Auch sein Cousin Masood Hotaki hat es mit den vier Kindern und seiner Frau aus Afghanistan geschafft - er würde mit seiner Familie am liebsten in Deutschland bleiben, doch das geht nicht, weiß er: "Meine Familie ist hier, meine Eltern, meine Geschwister, mein Onkel, ich würde gerne in Deutschland bleiben, aber wir müssen in die USA. Trotzdem sind wir dankbar für die Rettung, denn wir sind jetzt sicher!"

In Hangar 1, 2 und 3 stehen mittlerweile tausende Feldbetten dicht an dicht. Auf ihnen sitzen Mütter, füttern, ihre Babys und Kleinkinder, die größeren versuchen sich mit Spielzeug abzulenken. Viele ruhen sich auch einfach nur von den Strapazen der Flucht aus.

Menschen suchen Kontakt in die Heimat

Die Männer sitzen meist in Gruppen zusammen, versuchen Kontakt mit den zurückgebliebenen Verwandten in Kabul aufzunehmen. Nicht bei allen gibt es gute Nachrichten, weiß Akmal Atefi: "Es sind so viele Menschen zum Flughafen-Gate gerannt und dann sind die Bomben explodiert und viele Menschen wurden verletzt und starben", so Atefi. Viele versuchten immer noch aus Afghanistan zu flüchten.

Derzeit hat die Air Base in Ramstein ihre Kapazitäts-Grenze erreicht. Nur wenn Flüge in Richtung USA abheben, können weitere Evakuierte aus Kabul auf dem Militärflugplatz der US Air Force landen.

US-Gesandte: Rettungsbrücke bleibt bestehen

Elizabeth Horst, Gesandte der US-Botschaft, bekräftigt, dass die Rettungsbrücke aus Afghanistan vorerst nicht gestoppt werden soll: "Wir müssen sichergehen, dass es genug Platz für die Menschen gibt und dass ihre Sicherheit hier auf der Air Base gewährleistet ist." Man mache also jedes Mal eine Pause mit den Evakuierungen nach Ramstein, bis wieder Platz für weitere Evakuierte aus Afghanistan sei.

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General Josh Olson - der Kommandeur der Air Base in Ramstein - spricht von einer Herkules-Aufgabe, garantiert aber seitens der US Air Force, dass man weiter so viele Menschen einfliege, wie möglich: "Oberste Priorität ist nach wie vor, das Leben all dieser Menschen zu retten." Das sei eine Rettungsaktion, die ihresgleichen suche. "Es ist absolut unglaublich, was unsere jungen Piloten, Soldaten und die US-Marines hier leisten", so Olsen. Es gehe um Menschlichkeit und darum, Menschen zu retten. "Und wir werden weitermachen!"

Ärzte behandeln Knochenbrüche und begleiten Geburten

Colonel Simon Ritchey ist Arzt auf der Air Base, er hat in den vergangen Tagen viele Knochenbrüche behandelt, Verletzungen gesehen und auch Babys zur Welt kommen sehen. Über die rund 20 Verletzten, die nach den Bombenanschlägen in Kabul im US-Militärkrankenhaus in Landstuhl behandelt werden, gibt es bislang keine Details.

Aber: "Den meisten Verletzten, die wir hier behandelt haben, geht es soweit gut", sagt Ritchey. "Wir behandeln alle, die aus den Flugzeugen kommen, wir fragen nicht woher sie kommen, was passiert ist oder wer sie sind. Alle werden gleich behandelt und wir geben hier unser Bestes, sie zu retten."

Bis das US-Außenministerium etwas anderes verlauten lässt, plant die US-Luftwaffe nach eigenen Angaben weiterhin, so viele schutzsuchende Menschen aus Afghanistan zu retten wie nur möglich.

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