Aris Donzelli (Foto: SWR)

Doku "DAS DURCHSTOSSENE HERZ"

So erlebte ein SWF-Reporter das Flugtagunglück 1988 in Ramstein

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Janina Schreiber
Bild von Janina Schreiber, Redakteurin im SWR Studio Kaiserslautern (Foto: Annkatrin Gentges)

Als junger Journalist war Aris Donzelli vor 34 Jahren für den damaligen SWF beim Flugtag auf der Air Base in Ramstein. Eigentlich ein Routinetermin, der den heute 63-Jährigen geprägt hat.

Es war eigentlich ein großes Volksfest am 28. August 1988, über das der damals 29-jährige Journalist Aris Donzelli berichten sollte: Der Flugtag auf der Air Base in Ramstein mit einer Kunstflugvorführung der italienischen Staffel "Frecce Tricolori" als Höhepunkt. Doch der Tag endete in einer Katastrophe: Drei Flugzeuge der Kunststaffel kollidierten und stürzten in die Zuschauermenge. 70 Menschen starben, tausende wurden verletzt. Bis heute kann sich der nun 63-jährige Donzelli daran erinnern.

SWR Aktuell: Herr Donzelli, Sie erinnern sich noch sehr gut an den 28. August 1988, einen Sonntag. Mit welchem Gefühl sind Sie an diesem Morgen auf die Air Base gefahren?

Aris Donzelli: Es war ein heißer Sommertag. Eigentlich die perfekte Voraussetzung, um ein Volksfest wie den Flugtag zu feiern. Der Routinetermin war eine gute Möglichkeit, mich zu beweisen. Ich war noch recht neu im Team. Schon im Vorfeld hatte ich die Berichterstattung zum Flugtag gemacht und mit Bürgerinitiativen gesprochen. Die kritisierten dabei auch die Zurschaustellung von Kriegsgerät. Ich konnte das nachvollziehen. Deshalb hatte ich schon ein komisches Gefühl auf dem Weg dorthin.

SWR Aktuell: Im Nachhinein beschreiben viele Zeitzeuginnen und -zeugen dieses mulmige Gefühl…

Donzelli: Ja, wobei es dafür keinen Anlass gab, eigentlich sollte das ein Flugtag wie jeder andere werden. Deshalb war auch unsere interne Absprache eher Routine: Bis 16 Uhr sollte ich einen ersten Radiobericht absetzen. Nur für den Notfall hatte man mir eine Telefonnummer für den SWF in Baden-Baden mitgegeben, der an den Sonntagen bei so etwas übernimmt. Aber an dem Morgen dachte ich ja nicht, dass ich diese Nummer wirklich brauchen würde.

Vorbericht von Aris Donzelli (Foto: SWR)
Schon im Vorfeld zum Flugtag auf der Air Base in Ramstein hatte es Protest gegeben: Bürgerinitiativen kritisierten die Zur-Schau-Stellung von Kriegsgerät und den Fluglärm. Das bildet Aris Donzelli 1988 in seiner Berichterstattung ab.

SWR Aktuell: Die Bilder der Katastrophe selbst sind oft gezeigt worden. Wie haben Sie den Flugtag bis zu diesem Moment erlebt?

Donzelli: Da war eine ausgelassene Stimmung, mehrere hunderttausend Menschen hatten sich da neben dem Rollfeld versammelt. Und die haben diese Vorführungen von Kampfjets gefeiert. Ich fand das beängstigend. Einer dieser Kampfjetpiloten ließ das Flugzeug nicken. Das heißt, er stellte das Flugzeug frontal zu der Meute und drückte auf Gas und Bremse, sodass die Flugzeugnase sich nach unten und oben neigte. Der Moderator beschrieb das über die Lautsprecher mit blumigen Worten. Die Zuschauer jubelten! Aber ich hatte ein schlechtes Gefühl: Wenn er die Bremse losgelassen hätte, wäre er in die Zuschauer gerast. Das war ja auch ein wahnsinniger Lärm da von den Flugzeugen. Ich habe das Ende des Tages wirklich herbeigesehnt.

Aris Donzelli (Foto: SWR)
Als junger Journalist kommt Aris Donzelli zum damaligen SWF in Kaiserslautern. Er berichtet über aktuelle Termine aus der Region - auch der Flugtag in Ramstein war so ein Termin. Zwei Jahre später fängt er in der Sportredaktion des ZDF an.

SWR Aktuell: Und das Ende kam dann auch, allerdings anders als erwartet…

Donzelli: Die ganze Zeit hatte ich neben einem Eiswagen auf dem Rollfeld das Geschehen beobachtet. Als nachmittags dann die "Frecce Tricolori" als letzter Programmpunkt in die Luft starteten, ging ich Richtung Pressezentrum, um meinen Bericht an das Studio abzusetzen. Als ich gerade den Fuß auf die erste Treppenstufe setze, machte es hinter mir Bum Bum. Also drehe ich mich um und sehe diesen Flugzeugrest, umhüllt von einem Flammenmeer in diesen Eiswagen krachen, an dem ich vorher gestanden habe.

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SWR Aktuell: Das Flammenmeer, das Sie beschreiben, war eine Wolke aus brennendem Kerosin und noch glühenden Metallteilen. Die Zuschauer am Eiswagen wurden davon getroffen. Was haben Sie dann gemacht?

Donzelli: Ich bin wieder Richtung Rollfeld, wo mir schon mein Kameramann und seine Assistentin entgegenkamen. Ich erinnere mich an Bilder, die man eigentlich in ein Kriegsszenario einbetten würde, aber nicht auf ein Volksfest. Darauf war ich nicht vorbereitet: Tote Kinder, Menschen in Panik, denen Gliedmaßen fehlten, weil der Flugzeugrest einen Stacheldrahtzaun mitgerissen hatte. Es sind fürchterliche Bilder, die zum Glück im Laufe der Zeit in meinem Kopf verblassten.

"Ich erinnere mich an Bilder, die man eigentlich in ein Kriegsszenario einbetten würde, aber nicht auf ein Volksfest."

Die abstürzende Maschine rast beim Flugunglück von Ramstein am 28.8.1988 auf die Zuschauermenge zu. (Foto: SWR, picture alliance)
Die abstürzende Maschine rast beim Flugtag auf die Zuschauermenge neben dem Rollfeld zu. Als brennende Kerosinwolke nimmt sie im Sturz einen Stacheldrahtzaun mit. picture alliance

SWR Aktuell: Wie haben Sie es geschafft, weiterzuarbeiten – im Anblick dieser schrecklichen Bilder?

Donzelli: Ich habe funktioniert. Als Reporter war es meine Aufgabe, diese Eindrücke und Bilder einzusammeln und in Text zu verwandeln. Wie geplant habe ich dann den ersten Bericht für das Radio abgesetzt. Natürlich habe ich später oft gedacht: Ich hätte in der Situation mehr helfen müssen. Aber bei dem, was ich da gesehen habe, war Hilfe oft nicht möglich. Da kam ein komplett verbrannter Mensch auf mich zu, der lief noch, blickte mich leer an, fiel um und war tot. Die Arbeit und mein Fokus darauf waren im Nachhinein gesehen in der Situation für mich heilsam.

SWR Aktuell: Das Flugtagunglück hat gezeigt, wie wichtig die psychologische Nachbetreuung von Zeitzeugen ist. Die Psychologen Hartmut und Sybille Jatzko haben das durch ihre Arbeit danach ins Bewusstsein geholt. Würden Sie bei Ihnen von einem Trauma sprechen?

Donzelli: Tatsächlich gab es ein Erlebnis, an dem ich das bemerkte. Eine Woche nach dem Unglück berichtete ich sonntags von dem Gedenkgottesdienst in Kaiserslautern für die Opfer. Als ich am Montag darauf aufgewacht bin, hatte ich einen extrem hohen Puls. Ich dachte, der schießt mir durch die Decke. Das hatte ich so noch nie erlebt - ich war ein fitter, sportlicher junger Typ. Also bin ich zum Arzt, der bei mir einen Blutdruck von 180 zu 120 feststellte. Er fragte mich, ob ich in letzter Zeit etwas Schlimmes erlebt hatte. Und erst da wurde mir bewusst, dass mein Geist zwar versucht dieses Erlebnis wegzudrücken, mein Körper aber trotzdem darauf reagiert.

SWR Aktuell: Wie haben Sie es schließlich geschafft, mit dem Erlebten umzugehen?

Donzelli: In meinem privaten Umfeld habe ich immer wieder die Chance genutzt, darüber zu reden. Das hat mir am besten geholfen, damit umzugehen. Als Journalist habe ich diesen Flugtag generell kritisch hinterfragt. Auch das hat geholfen. Denn ich finde nicht, dass es so etwas braucht - auch in Anbetracht dessen, was bei Flugschauen doch immer wieder passiert.

SWR Aktuell: Inwiefern hat dieser Tag Ihr weiteres Leben verändert?

Donzelli: Genau an dem Tag, als ich beim Arzt saß und den hohen Blutdruck hatte, erreichte mich der Anruf einer ehemaligen Kollegin. Sie baute gerade die Sportredaktion von RIAS TV in Berlin auf und bot mir eine Stelle an. Erst wollte ich dort nicht hin. Doch dann sagte ich mir: Beim Sport, da hast du - in der Regel - keine Toten, keine runterfallenden Flugzeuge. Kurze Zeit später nahm ich die Stelle an. Also, dieser Flugtag hatte auch einen großen Einfluss auf meinen weiteren Berufsweg. Deshalb bin ich auch demütig, wenn ich manchmal noch an Ramstein vorbeifahre und an diesen Tag zurückdenke. Denn ich bin Zeitzeuge, aber im Vergleich zu so vielen anderen schrecklichen Schicksalen von diesem Tag bin ich dabei noch gut weggekommen.

Sybille Jatzko Hilfe für Menschen nach Katastrophen

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