Ein Arzt steht an einem Intensivbett und beugt sich über einen Patienten, der beatmet wird.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Matthias Balk)

Unabhängig von Corona

Viel Arbeit auf den Intensivstationen in der Westpfalz

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Zahlen der Intensivmediziner-Vereinigung Divi zeigen, dass Rheinland-Pfalz innerhalb eines Jahres rund ein Viertel seiner Intensivbetten verloren hat. Eine SWR-Recherche zeigt: Auf die Westpfalz trifft das nicht zu.

Mitten in der vierten Corona-Welle schlug in der vergangenen Woche diese Meldung hohe Wellen: Nach Angaben von DIVI stehen in Rheinland-Pfalz derzeit etwas über 1.000 Intensivbetten zur Verfügung - während es vor einem Jahr noch mehr als 1.300 waren. Wenn man also rein auf die Zahlen schaut, wurde trotz Pandemie ein Viertel der Intensivbetten im Land abgebaut. Doch um diese Nachricht einordnen zu können, gilt es mehrere Punkte zu beachten.

Zu wenig Pflegepersonal in Westpfälzer Krankenhäusern

Die Intensivmediziner-Vereinigung DIVI nennt als Grund für den Rückgang der Intensivbetten-Kapazität den Mangel an Pflegekräften. In der Praxis werden also in den seltensten Fällten tatsächlich Intensivbetten "abgebaut". Es gibt in den Krankenhäusern schlicht nicht genug Personal, um mehr Patienten auf den Intensivstationen betreuen und alle Betten belegen zu können. Das bestätigen auch SWR-Nachfragen bei den Krankenhäusern in der Westpfalz.

An allen Standorten des Westpfalz-Klinikums (Kaiserslautern, Rockenhausen, Kirchheimbolanden, Kusel), dem städtischen Krankenhaus in Pirmasens und dem Nardini Klinikum (Zweibrücken und Landstuhl) gibt es nach eigenen Angaben zahlreiche freie Stellen. Aus dem Westpfalz-Klinikum heißt es sogar, man würde sofort jeden einstellen, der die Kriterien erfüllt. Die Personalsituation sei angespannt und es sei nicht einfach, Pflegepersonal zu finden.

Intensivbetten werden teilweise vorrübergehend abgemeldet

Warum es auch in der Westpfalz, wenn auch nur vorrübergehend, dazu kommen kann, dass Intensivbetten nicht zur Verfügung stehen, erklärt Pflegedirektor Thomas Frank vom Nardini Klinikum so: "Im Alltag kann es situativ vorkommen, dass Betten stundenweise abgemeldet werden, wenn beispielsweise durch Notfälle oder große Operationen die Kapazitätsgrenzen erreicht sind oder Betten wegen kurzfristigen Personalausfalls nicht betrieben werden können".

Das Westpfalzklinikum in Kaiserslautern (Foto: SWR)
Das Westpfalz-Klinikum verfügt in Kaiserslautern über 44 Intensivbetten.

Auch ein Sprecher des Westpfalz-Klinikums sagte, es könne immer mal sein, dass tageweise weniger Betten in Betrieb seien.

So viele Intensivbetten gibt es in der Westpfalz

Trotz der angespannten Personalsituation wurden die Intensiv-Kapazitäten in den Krankenhäusern der Westpfalz innerhalb des vergangenen Jahres nicht verringert - im Gegenteil. Das städtische Krankenhaus Pirmasens hat seine Intensivstation nach eigenen Angaben zu Beginn der Pandemie um vier Betten auf aktuell 16 erweitert. Das Nardini Klinikum möchte die Intensivstation am Standort Zweibrücken ebenfalls um vier Betten vergrößern und ist nach Angaben von Pflegedirektor Thomas Frank deshalb auch bereits in Gesprächen mit dem Gesundheitsministerium. In Zweibrücken gebe es derzeit neun Intensivbetten, in Landstuhl zehn.

An den Standorten des Westpfalz-Klinikums ist die Zahl der Intensivbetten im Vergleich zum vergangenen Jahr gleich geblieben. Am Hauptstandort in Kaiserslautern gibt es 44 Intensivbetten, in Kusel 16 und in Kirchheimbolanden und Rockenhausen jeweils sechs.

Corona-Patienten brauchen intensivere Betreuung

Doch die Tatsache, dass den Kliniken in der Region diese Anzahl an Betten zur Verfügung steht, heißt nicht, dass sie sie auch alle gleichermaßen belegen können. So macht es zum Beispiel einen großen Unterschied, ob in einem Intensivbett ein Patient nach einer komplizierten Operation überwacht wird, oder ein Corona-Patient beatmet werden muss.

Pirmasens kann nicht alle Intensivbetten gleich belegen

So verfügt das städtische Krankenhaus in Pirmasens zwar über 16 Intensivbetten. "Wenn wir aber 16 Patienten haben, die beatmet werden müssen, können wir das nicht leisten", sagt Carsten Henn, Chefarzt der Intensivmedizin in Pirmasens. Die Intensivstation laufe bereits auf Hochtouren. Im Worst Case würde das bedeuten, dass die sogenannte Individualmedizin stark eingeschränkt werden müsste und zum Beispiel planbare Operationen verschoben werden. In Pirmasens würde man dann zum Beispiel verstärkt Anästhesisten auf der Intensivstation einsetzen.

Krankenhäuser müssen Kosten im Blick behalten

Zwar betonen alle Krankenhäuser in der Westpfalz, dass sie im Notfall weitere Kapazitäten für Corona-Patienten schaffen könnten. Doch wenn es tatsächlich soweit kommt, dass der normale Klinikbetrieb deshalb stark beeinträchtigt wird, ist das aus finanzieller Sicht ein Problem. "Da es derzeit keinen finanziellen Ausgleich für eine Reduzierung des Klinikbetriebs gibt, müssen wir aus wirtschaftlichen Gründen den Normalbetrieb fortführen und gegebenenfalls bei Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen kurzfristig reagieren", erklärt Pflegedirektor Thomas Frank vom Nardini Klinikum.

Pflegeberuf muss attraktiver werden

Schon vor der Pandemie war die Lage im Gesundheitswesen angespannt und Jobs in der Pflege nicht besonders attraktiv. Alle Krankenhäuser stehen vor der großen Herausforderung, in Zukunft genug Personal zu finden, um alle Patientinnen und Patienten gut versorgen zu können.

Das Westpfalz-Klinikum will beispielsweise bald einen Pool von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aufbauen, die nach einem neuen Modell arbeiten und sich ihre Arbeitszeit komplett selbst einteilen können. So sollen Beruf, Familie und Freizeit besser miteinander vereinbart werden können.

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