Kommentar Polizistenmord Prozess Kusel (Foto: SWR)

Gänsehaut, Wut und Unverständnis

21 Verhandlungstage im Polizistenmord-Prozess gehen nicht spurlos vorbei

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AUTOR/IN
Alexandra Dietz
Bild von Alexandra Dietz, Redakteurin im SWR Studio Kaiserslautern (Foto: SWR)

Vor zehn Monaten wurden auf einer Landstraße bei Kusel zwei Polizisten erschossen, vor fünf Monaten begann der Prozess gegen den Täter, der am Mittwoch verurteilt wurde. SWR-Reporterin Alexandra Dietz berichtete die ganze Zeit über den Fall und schildert hier - mit etwas Abstand zum Urteil - ihre Eindrücke.

Ich erinnere mich noch als wäre es gestern: Es ist der 31. Januar 2022 früh am Morgen - es ist ein kalter, nasser und grauer Januartag - zwei Polizeibeamte werden mit Kopfschüssen getötet.

Knapp ein halbes Jahr später, am 21. Juni 2022 beginnt am Landgericht Kaiserslautern der aufsehenerregendste Prozess, den ich je miterlebt habe. In Handschellen betritt Andreas S. den Gerichtssaal, mit einem Aktenordner in der Hand. Er wirkt auf mich so normal wie der Nachbar von nebenan, trägt eine rote Hose, ein graues Hemd, eine FFP2-Maske, eine Brille. Er sieht gepflegt aus, ist aufmerksam, während die Staatsanwaltschaft die Anklage verliest. Zweifacher Mord, tätlicher Angriff auf Vollstreckungsbeamte und gewerbsmäßige Wilderei. Er zeigt null Regung, zumindest nach außen.

Angeklagter wirkt selbstsicher bei seiner Aussage

Und dann die erste große Überraschung. Andreas S. sagt aus, er habe keinen Mord begangen und schon gar nicht zwei. Er beschuldigt den Mitangeklagten Florian V. des Mordes an der jungen Polizeibeamtin Yasmin B. und behauptet, er habe sich nur gewehrt und sich selbst verteidigt, als Alexander K. das Feuer eröffnet hat. Er wirkt selbstsicher mit seinen lautstarken schauspielerischen Einlagen und Schreien, die durch Mark und Bein gehen und auch heute noch nachhallen. "Hör uff, hör uff!", will er in der Tatnacht geschrien haben.

Was dann folgt sind 20 zum Teil ewig lange Prozesstage, an denen 110 Zeugen und 13 Sachverständige gehört werden innerhalb der Beweisaufnahme. Details der Schussanalysen, Beschreibungen der Wunden von Gutachtern und Gerichtsmedizinern, Aussagen über Einschusslöcher, die ausgebohrt und mit Kinderpflastern überklebt wurden. Das alles hat mir immer wieder einen Schauer über den Rücken laufen lassen. Die Entfernung bei den abgegebenen Kopfschüssen macht mich nachdenklich: Wer richtet andere Menschen auf so bestialische Art und Weise hin? Wie kann dieser Mensch gleichzeitig ein liebevoller Vater sein, wie Zeugen es ausgesagt haben?

Eindrücke aus dem Gerichtssaal hallen nach

Die ekligen und blutigen Details sollen hier weiter kein Thema sein, auch wenn sie mir oft auch nach Feierabend durch den Kopf gegangen sind. Die Frage, die mich bis heute umtreibt - WARUM diese Tat!? Um Wilderei zu verdecken und weiter Geld mit dem illegalen Schießen von Wild zu machen? Das ist für mich absurd, verrückt, widerwärtig! Mir fehlen einfach die Worte und das passiert selten.

Was bleibt, ist ein fader Beigeschmack. Sachlich und ohne Emotionen über einen Menschen zu berichten, den gefühlt halb Deutschland hasst, war zuweilen eine große Herausforderung. Besonders, wenn Andreas S. mal wieder stundenlang über seiner Ansicht nach "Fehlern" in den Ermittlungen berichtete. Akribisch, fast schon pedantisch hat er alle Akten - mehrere tausend Seiten - in seiner mit Kartons vollgestellten Zelle durchleuchtet, vermeintliche Widersprüche in Aussagen gesucht.

Er wollte klüger sein als alle - seine Anwälte, die Richter und auch die Presse. Er wollte allen glauben machen, dass der Mitangeklagte Florian V. zuerst geschossen hat. Das hat er nicht geschafft. Auch wenn ich zugeben muss: ICH hatte zwischendurch durchaus Zweifel, dass der Mitangeklagte 33-jährige Arbeitslose unter Drogeneinfluss in der Situation nicht doch ausgerastet und in Panik geraten ist. ABER nein, das Gericht hat entschieden und hat Andreas S. Ausführungen nicht geglaubt.

Gedanken sind bei den Hinterbliebenen der erschossenen Polizisten

Meine Gedanken gelten jetzt - nach Abschluss des Prozesses - den Hinterbliebenen, Freunden und Kollegen der getöteten Polizisten Yasmin B. und Alexander K. Ich wünsche ihnen von Herzen Kraft für die bevorstehende Weihnachtszeit, Mut, wieder nach vorne zu schauen und viel Verständnis im privaten und gesellschaftlichen Umfeld für ihre Situation - denn dieses Loch, das der Doppelmörder ihnen ins Herz gerissen hat, wird nie geschlossen werden.

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