Bilder an der Wand im Wohnzimmer des Kaiserslauterer Frauenhauses (Foto: SWR)

"Vielleicht wäre ich heute tot"

Jedes Frauenhaus im Westen der Pfalz überfüllt

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AUTOR/IN
Janina Schreiber

Frauenhäuser sollen Schutzräume für Frauen und ihre Kinder sein, die von Gewalt bedroht oder betroffen sind. Doch es gibt wie in Kaiserslautern oder Pirmasens kaum freie Plätze.

Erst war die psychische Gewalt da, erklärt Alina. Ihr Mann habe ihr weniger Vertrauen geschenkt als seiner Familie, die Lügen geglaubt und seine eigene Frau schlecht gemacht. Doch dann eskalierten alltägliche Situationen immer häufiger und er beginnt schließlich, Alina zu schlagen. Alina ist nicht ihr richtiger Name, weil es ihr auch nach zwanzig Jahren noch immer schwer fällt, offen über ihre Vergangenheit zu reden.

"Ich werde nie vergessen, wie mein kleiner Sohn damals hinter dem Fenster gesessen und sich nicht getraut hat, mich wieder reinzulassen, aus lauter Angst, dass sein Vater auch ihn schlagen würde."

Vom Mann verprügelt und vor die Haustür gesperrt

Als Asylsuchende kommt die junge Iranerin zusammen mit ihrem Mann 2001 in den Landkreis Kaiserslautern. Eigentlich sollte die Flucht die Situation zwischen beiden entschärfen, so hofft Alina. Weit weg von der Familie hätten sie nur sich beide. Doch es kommt anders: Einmal prügelt ihr Mann sie und sperrt sie vor die Haustür. Nur mit einem T-Shirt bekleidet, sitzt die junge Frau in der Kälte. Alina erinnert sich: "Ich werde nie vergessen, wie mein kleiner Sohn damals hinter dem Fenster gesessen und sich nicht getraut hat, mich wieder hineinzulassen. Aus lauter Angst, dass sein Vater auch ihn schlagen würde."

Als Alinas Mann droht, mit dem gemeinsamen Sohn nach Amerika zu verschwinden, ist für die junge Iranerin Schluss: Mit der Hilfe einer Freundin aus der Nachbarschaft versucht sie einen Platz im Kaiserslauterer Frauenhaus zu bekommen. Doch die müssen sie vorerst ablehnen: Es gibt keinen Platz für Alina.

Anna Raab zeigt auf eine Karte.  (Foto: SWR)
Sozialarbeiterin Anna Raab zeigt auf der Karte im Flur des Frauenhauses in Kaiserslautern, woher die Bewohnerinnen kommen.

Frauenhäuser im Westen der Pfalz müssen Frauen ablehnen

So wie Alina geht es vielen von Gewalt betroffenen und bedrohten Frauen und ihren Kindern. Anna Raab ist Sozialarbeiterin und leitet das Frauenhaus in Kaiserslautern. Sie erklärt: "Wir sind aktuell wie fast immer voll belegt. Wir lehnen aber keine Frauen ab, sondern versuchen sie dann immer anders zu vermitteln."

"Zweck dieses Übereinkommens ist es, Frauen vor allen Formen von Gewalt zu schützen und Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu verhüten, zu verfolgen und zu beseitigen."

Dabei hat sich Deutschland bereits seit 2018 mit dem Inkrafttreten der Istanbul-Konvention verpflichtet, Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu bekämpfen. Der Grundsatz der Konvention in Artikel 1a lautet: "Zweck dieses Übereinkommens ist es, Frauen vor allen Formen von Gewalt zu schützen und Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt zu verhüten, zu verfolgen und zu beseitigen."

Kaiserslautern müsste 20 Familien aufnehmen können, derzeit sind es neun

Dazu gehört die Schaffung eines Familienplatzes für von Gewalt bedrohte Frauen und ihre Kinder. Die Task Force des Europarates empfiehlt, dass ein Frauenhaus eine Familie pro 10.000 Einwohner aufnehmen können muss. Das Frauenhaus in Kaiserslautern ist für die Stadt und den Kreis zuständig. Dieser Empfehlung der Task Force zufolge, müssten 20 bis 21 Familien dort Zuflucht finden können. Derzeit kann das Frauenhaus nach eigenen Angaben neun Familien unterbringen. In den Frauenhäusern im Donnersbergkreis und Pirmasens ist der Unterschied zwischen Empfehlung und Realität ähnlich hoch.

Karte der Frauenhäuser in der Westpfalz (Foto: Angaben der Frauenhäuser, Konferenz der Frauenhäuser (www.frauenhaeuser-rheinlandpfalz.de))
Insgesamt gibt es 18 Plätze in Frauenhäusern in der Westpfalz. Das sind weit weniger, als der Europarat in der Istanbul-Konvention empfiehlt. Sucht eine betroffene Frau Zuflucht in Frauenhäusern, sind die Zimmer meist schon belegt. Angaben der Frauenhäuser, Konferenz der Frauenhäuser (www.frauenhaeuser-rheinlandpfalz.de)

Der Stadt Kaiserslautern ist diese Diskrepanz auf Anfrage bewusst, wie ein Sprecher angibt. In Kürze werde eine neue Kollegin im Büro der Gleichstellungsbeauftragten ihren Dienst aufnehmen, die die Umsetzung der Istanbul-Konvention in der Stadt Kaiserslautern betreuen wird. Ob es dann auch mehr Plätze geben würde, könne die Stadt derzeit noch nicht beantworten.

Frauenhausplatz war "eine Rettung"

Alina nutzte die knapp viermonatige Wartezeit auf einen Platz im Frauenhaus damals sinnvoll: "In dieser Zeit habe ich schon mal meine Sachen sortiert, genau organisiert, was ich für mich und meinen Sohn mitnehmen würde", erklärt die Frau. Als Alina endlich einen Platz im Frauenhaus in Kaiserslautern bekommt, war das "Rettung in letzter Sekunde", wie es die gebürtige Iranerin heute nennt.

Mehr Frauenhausplätze zu schaffen, würde helfen, sagt Sozialarbeiterin Anna Raab. Rheinland-Pfalz sei auch nicht untätig. In der Eifel soll bald das 18. Frauenhaus im Land eröffnen. "Das ist aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein", so Raab. Sie plädiert dafür, dass die Politik langfristig die Wohnungsnot in den Fokus nehmen müsse: Sozialer Wohnungsbau für Familien und Frauen, die im Niedriglohnsektor arbeiten oder Sozialleistungen beziehen, damit die Frauen im Frauenhaus eine reale Chance hätten, auch eine eigene Wohnung zu finden.

"Vielleicht wäre ich heute tot"

Mit dem Netzwerk aus dem Frauenhaus gelingt nach knapp einem Jahr Alina genau das: Sie findet eine Wohnung im Kreis Kaiserslautern. Von ihrem damaligen Mann ist sie mittlerweile geschieden. Rückblickend weiß Alina nicht, was ohne die Hilfe und den Platz im Frauenhaus aus ihr geworden wäre: "Ich weiß nicht, was ich getan hätte, wenn das nicht funktioniert hätte. Vielleicht wäre ich heute tot."

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