Der Hauptangeklagte Andreas S. bestreitet vor Gericht weiterhin, die beiden Polizisten ermordet zu haben. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa/dpa-Pool | Uwe Anspach)

Achter Verhandlungstag am Landgericht

Prozess zu mutmaßlichen Polizistenmorden: "Pass auf, dass wir uns nachts nicht im Wald begegnen"

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Janina Schreiber
Bild von Janina Schreiber, Redakteurin im SWR Studio Kaiserslautern (Foto: Annkatrin Gentges)
Christoph Heck
Bild von Christoph Heck, Redakteur im SWR Studio Kaiserslautern (Foto: SWR)

Am Landgericht Kaiserslautern ist am Donnerstag der Prozess zu den tödlichen Schüssen auf zwei Polizisten bei Kusel fortgesetzt worden. Der Hauptangeklagte sorgte sogar unter seinen Freunden für Angst.

Am Ende des achten Prozesstags war es erneut der Hauptangeklagte selbst, der die Aufmerksamkeit auf sich zog. Andreas S. forderte ein neues Gutachten zu den tödlichen Schüssen auf die beiden Polizisten. Er ist sich sicher, dass im Erdreich noch Schrotkugeln liegen würden. Diese würden die Vorwürfe gegen ihn entkräften: "Herr Richter, dann ist klar, dass ich mit der Schrotflinte gar nicht geschossen habe. Wie soll ich ums Eck schießen?", spielte S. darauf an, dass der Fundort der Kugeln und der Platz, wo er selbst während der Tat gestanden haben soll, nicht zusammenpassen.

Staatsanwalt: "So reden Sie nicht mit mir!"

Der leitende Oberstaatsanwalt Stefan Orthen entgegnete, dass das Gutachten zu den Schüssen nicht ohne Grund im März angefertigt wurde. Die Bäume hätten keine Blätter mehr gehabt, das Wetter ungefähr dasselbe wie am Tattag. Dennoch besteht Andreas S. weiter auf ein neues Gutachten. Schließlich wird es dem Staatsanwalt zu bunt: "So reden Sie nicht mit mir und jetzt setzen Sie sich wieder hin!“ Davon lässt sich der Hauptangeklagte nicht einschüchtern. Er kehrt zwar zurück zum Platz, entgegnet aber: "Herr Staatsanwalt, ich möchte hier nur die Wahrheit zu Tage fördern."

Andreas S. soll anderen Jäger bedroht haben

Zuvor hatte am Nachmittag ein weiterer befreundeter Jäger vor Gericht ausgesagt. Der Zeuge hatte dem Hauptangeklagten 2017 ein Alibi gegeben, als dieser im Saarland wegen Jagdwilderei angeklagt war. Die beiden seien Freunde gewesen. Der Kontakt mit Andreas S. sei im vergangenen Jahr aber weniger geworden. Auslöser dafür sei eine Entenjagd im kleinen Kreis gewesen, zu der er S. nicht eingeladen habe. Der 39-Jährige habe sich ausgeschlossen gefühlt. S. habe das Gespräch mit dem Zeugen gesucht. Als dieser ihm die Freundschaft gekündigt hatte, habe S. ihm gedroht: "Pass auf, dass wir uns nicht nachts im Wald begegnen."

Hauptangeklagter bei Jägern bekannt wie ein "bunter Hund"

Der Zeuge beschreibt den Hauptangeklagten vor Gericht als "bunten Hund" in der Jägerschaft. Er sei ein "eindrucksvoller Typ" gewesen, der immer die Geselligkeit geschätzt habe. Selbst als er 2020 seinen Jagdschein verloren hatte, sei er zu den Jagden gekommen, habe alle erlegten Tiere gekauft und für die Verpflegung gesorgt.

Auch Freunde und Bekannte hatten Angst vor Andreas S.

Am Vormittag hatten bereits zwei befreundete Jäger von Andreas S. als Zeugen ausgesagt. Einer der Männer erzählte, dass es allgemein bekannt gewesen sei, dass der Hauptangeklagte gewildert habe. Tatsächlich hätte man auch versucht, das anzuzeigen, doch: "Viele von uns hatten einfach auch Angst, gegen ihn etwas zu machen." Andreas S. soll bei einer Jagd im Herbst 2021 vor anderen gesagt haben, er würde sich den Weg freischießen, wenn sich ihm jemand in den Weg stellen würde. "Die Konsequenz für ihn wäre gering gewesen, und die Angst hoch. Wir hatten ja auch nur den Verdacht."

Seit dem 16. Lebensjahr war Andreas S. auf der Jagd

Der Hauptangeklagte geht nach Angaben eines älteren Jägers, der ebenfalls mit ihm befreundet war, seit er 16 Jahre alt ist, auf die Jagd. Damals sei Andreas S. gemeinsam mit dem Zeugen, einem ehemaligen Landwirt, mit dem damals noch Jugendlichen jagen gewesen. Er habe nie einen besseren Schützen als den Hauptangeklagten gesehen. Auch beim Auseinandernehmen des Wildes sei der Hauptangeklagte ein Perfektionist gewesen, was Sauberkeit angeht.

"Ich kenne keinen besseren Schützen als ihn."

Warum hat Andreas S. keine Jagderlaubnis mehr erhalten?

Laut eines Zeugen des Saarforsts soll der Hauptangeklagte zeitweise insgesamt drei Reviere im Saarland gepachtet haben. Wiederholt soll S. gegen die Ordnung in den Revieren verstoßen haben. Beispielsweise soll er das Wild mit Backwaren angefüttert haben, was verboten war. Deshalb habe Saarforsten ihm die Pacht gekündigt und dann sei die Jagderlaubnis ohnehin ausgelaufen. Der Hauptangeklagte habe sich beim Förster dann telefonisch gemeldet und in einem Schreiben dem Zeugen vorgeworfen, er "verfolge Unschuldige". Der Förster sagt, davon habe er sich unter Druck gesetzt gefühlt.

Nachbar von Florian V.: "Er hat angeblich nie geschossen"

Auch der Nachbar des Mitangeklagten Florian V. wurde gehört. Er hatte nach der Rückkehr der Angeklagten am Morgen der Tat die Männer kurz im Hof getroffen. Mit dem zweiten Angeklagten, Florian V., habe er kurz gesprochen, während dieser den Kastenwagen sauber gemacht hatte. Auch den Hauptangeklagten habe er gegrüßt an diesem Morgen. Dieser habe aber nicht geantwortet. Schon ein paar Wochen vor der Tat habe der Zeuge Florian V. gefragt, ob er auch "mal geschossen hat?" Das habe dieser verneint.

Anwalt von Andreas S. will Verhandlung aussetzen

Zu Beginn des achten Prozesstages zu den getöteten Polizisten bei Kusel hat der Anwalt des Hauptangeklagten gefordert, die Verhandlung auszusetzen. Außerdem verlangte er die Mordanklage gegen seinen Mandanten fallen zu lassen. Ein wichtiger Zeuge, ein befreundeter Jäger von Andreas S., werde auch im Saarland in einem anderen Verfahren zu dem Fall befragt. Die Aussagen in diesem Verfahren bekommen die Anwälte von S. nach eigenen Angaben aber nicht mit, weshalb der Prozess in Kaiserslautern beeinflusst würde. Zum Beispiel könnte es Punkte geben, die den Mitangeklagten Florian V. belasten könnten. Die Staatsanwaltschaft sieht darin nur den Versuch, den Prozess zu verlängern.

Was die Verlobte von Florian V. zur Tat berichtet hat

Beim bislang letzten Prozesstag am vergangenen Donnerstag ging es unter anderem darum, was die Verlobte des mutmaßlichen Komplizen von Andreas S. bei der Vernehmung durch die Polizei erzählt hatte. Zudem präsentierten die Ermittler des Bundeskriminalamts den Tatort als virtuelle Nachbildung.

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Andreas S. weist den Doppelmord weiter von sich

Auch der Hauptangeklagte selbst äußerte sich am siebten Prozesstag erneut vor Gericht. Er beschrieb nochmals die Tatnacht aus seiner Sicht und erklärte erneut, dass er sich mit seinem Gewehr nur habe verteidigen wollen und dabei den Polizisten erschossen habe. Der Mitangeklagte Florian V. habe die Polizistin stattdessen ermordet.

Staatsanwaltschaft sicher: Florian V. hat nicht geschossen

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 39-jährigen vor, Ende Januar auf einer Kreisstraße im Kreis Kusel zwei Polizisten erschossen zu haben, um Jagdwilderei zu verdecken. Die Tat sorgte bundesweit für Entsetzen. Dem 33-jährigen Florian V. wirft die Staatsanwaltschaft Wilderei vor. Außerdem soll er geholfen haben, Spuren zu verwischen. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft soll er selbst nicht geschossen haben.

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