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Die Corona-Pandemie stellt alles auf den Kopf! Auch das Leben in den Kirchengemeinden. Ein Gespräch über eine herausfordernde Zeit mit Pfarrer Carsten Leinhäuser.

Schon seit einigen Wochen dürfen keine Gottesdienste mehr gefeiert werden. Gerade in der derzeitigen Karwoche und den anstehenden Osterfeiertagen ist das für Gläubige eine schwierige Situation. Carsten Leinhäuser ist katholischer Pfarrer in der Pfarrei Heilig Kreuz in Winnweiler im Donnersbergkreis und berichtet über seinen Alltag.

Herr Pfarrer Leinhäuser, nicht nur Schulen und Kindergärten sind derzeit wegen der Corona-Pandemie geschlossen, sondern auch die Kirchen. Haben Sie jetzt schon Urlaub?

"Ganz im Gegenteil! Die Gottesdienste in unseren Kirchen fallen zwar aus, aber gerade im Moment ist sehr viel Kommunikation angesagt. Es gibt sehr viele Fragen, die die Menschen haben, die wir beantworten. Wir überlegen, wie wir Menschen als Kirche gerade in dieser Zeit jetzt begleiten können, wie wir für sie da sein können und da ist gerade jetzt sehr, sehr viel zu tun."

"Gottesdienste werden im Internet und Fernsehen übertragen."

Carsten Leinhäuser

Wie halten Sie derzeit den Kontakt mit Ihren Gemeindemitgliedern? Schließlich lebt Kirche ja auch vom persönlichen Miteinander.

"Tatsächlich ist es in dieser Zeit sehr schwierig und ganz anders als normal. Denn im Normalfall sieht man sich von face-to-face, also von Angesicht zu Angesicht, das passiert jetzt nicht mehr, außer, dass man sich zufällig im Supermarkt trifft. Stattdessen haben wir Kontakt mit unseren Gemeindemitgliedern vor allem über die sozialen Netzwerke, per E-Mail oder auch per Telefon. Gottesdienste werden im Internet und Fernsehen übertragen. Jetzt gerade vor Ostern gehen ja aber auch eigentlich nochmal viele Katholiken beichten…"

...bieten Sie dafür Videokonferenzen an?

"Die Beichte ist tatsächlich nur im persönlichen und direkten Gespräch möglich. Das heißt, wenn jemand beichten möchte, muss man eben schauen, wie man sich irgendwie treffen kann und im Beichtgespräch gleichzeitig die Hygienevorschriften einhält und die Privatsphäre wahrt."

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
18:45 Uhr
Sender
SWR Fernsehen RP

Haben Sie sich für die Osterfeiertage etwas Besonderes überlegt? Wie kann Ihre Gemeinde mit Ihnen die Feiertage verbringen?

"Wir haben Jugendliche aus dem BDKJ (Bund der Deutschen Katholischen Jugend) Speyer und Menschen aus unseren Pfarreien aus ganz Deutschland eingeladen, uns Teile der Osterliturgie einzusenden - als Videofile, als Audiodatei oder als Bild. Da haben mehr als 100 Menschen mitgemacht und aus diesen kleinen Dateien haben wir zwei Gottesdienste zusammengestellt, die wir feiern, zu denen wir die Leute einladen. Und zwar einmal an Gründonnerstag um 19 Uhr auf YouTube im Internet und dann in der Osternacht auch um 19 Uhr am Karsamstag ebenfalls per YouTube. Die Links sind teilweise schon online und da müssen sich die Leute nur reinklinken und können dann mit uns zusammen, mit ganz vielen Kindern und Jugendlichen zusammen Gründonnerstag und die Osternacht feiern." (Anm. d. Red.: Die Gottesdienste sind auch nach Gründonnerstag bzw. Karfreitag weiterhin über die Links abrufbar.)

Haben Sie Tipps, wie man Karfreitag, Osternacht und Osterfeiertage zu Hause würdevoll gestalten kann?

"Wir laden einfach dazu ein, diese Kar- und Ostertage in der Familie, soweit das möglich ist, zu verbringen. Es gibt im Netz sowohl auf unserer Homepage aber auch sonst sehr viele Angebote, wo man trotzdem feiern kann. Zwar nur digital, aber immerhin. Und ansonsten genießt das gute Wetter, wenn es denn hoffentlich gut bleibt, versucht mit den Menschen in Kontakt zu bleiben, die euch lieb und wertvoll sind und versucht trotzdem zu feiern. Tipps dazu gibt es übrigens auch ganz viele im Netz."

Vielen Menschen macht die aktuelle Situation Angst. Sind Sie derzeit auch besonders als Seelsorger gefragt?

"Tatsächlich ist es so, dass es derzeit sehr viele Gespräche gibt, die eben online geführt werden. Sehr viele E-Mails, sehr viele Nachrichten in den sozialen Medien, wo es auch um seelsorgliche Themen geht."

Was treibt die Menschen besonders um?

"Was die Menschen umtreibt ist natürlich, dass manche Menschen vor allem aus der gefährdeten Gruppe Angst haben und nicht wissen, ob sie gesund bleiben. Andere haben Angst um die Menschen, die ihnen lieb sind und zur gefährdeten Gruppe gehören. Und ein ganz großes Thema ist natürlich bei vielen Menschen die Frage nach dem Arbeitsplatz, denn gerade in kleinen Betrieben steht derzeit viel auf der Kippe, die Betriebe wissen oft nicht mehr, wie es weiter gehen kann. Und selbst in großen Betrieben gibt es Kurzarbeit und die Menschen wissen gar nicht mehr, wie es um den Job bestellt ist in Zukunft."

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
14:05 Uhr
Sender
SWR2

Nach Ostern kommt eigentlich der Weiße Sonntag. Aber Erstkommunionen wurden genauso verschoben wie Konfirmationen bei den Protestanten. Das ist schon auch hart für die Kinder und Ihre Eltern, oder?

"Die Erstkommunionen sind auf unbestimmte Zeit verschoben. Das ist für die Kinder und ihre Eltern schon eine Enttäuschung auf der einen Seite, auf der andere Seite auch eine Herausforderung, denn viele Planungen stehen ja schon. Und da jetzt zu gucken, wie man das absagen oder verlegen kann, das ist durchaus anstrengend. Aber nachgeholt wird die Erstkommunion auf jeden Fall!"

Welche Reaktionen erleben Sie bei Brautpaaren? Schließlich müssen derzeit ja auch reihenweise Hochzeiten verschoben werden.

"Ja, tatsächlich wird es so sein, dass einige Hochzeiten vermutlich verschoben werden müssen. Im Moment ist es so, dass die Hochzeiten am ehesten im Sommer stattfinden und was im Sommer passiert und ob da wieder geheiratet werden darf, können wir im Moment noch nicht sagen."

Schöne Ereignisse wie Hochzeiten sind das eine, aber auch Trauerfeiern gibt es derzeit nicht mehr, bei Beerdigungen dürfen nur noch ganz wenige Trauernde dabei sein. Trost spenden durch Umarmungen oder einen festen Händedruck sind nicht erlaubt.

"Beerdigungen sind eine richtig große Herausforderung, denn zu Beerdigungen darf nur der engste Familienkreis hinzukommen. Und auch dort sollen die Menschen zueinander in Abstand stehen von eineinhalb bis zwei Metern. Und das ist natürlich hart, gerade an einem solchen Tag, wo auch gerne Freunde kommen wollen, wo man sich in den Arm nimmt, um sich zu trösten, um miteinander zu weinen, dass das alles nicht geht, ist echt schwierig!"

"Ich versuche Beerdigungen in dieser Zeit genauso würdevoll zu begleiten wie in anderen Zeiten auch."

Carsten Leinhäuser

Wie geht es Ihnen damit?

"Hmm, was soll ich da sagen? Ich finde es nicht prickelnd. Viel tun kann ich nicht. Ich versuche Beerdigungen in dieser Zeit genauso würdevoll zu begleiten wie in anderen Zeiten auch. Um den Menschen ein Abschiednehmen zu ermöglichen, das ihnen irgendwie hilft und das ihnen etwas Trost gibt."

Was glauben Sie, wie lange die Kirchen noch geschlossen bleiben müssen?

"Keine Ahnung! Ich bin sehr gespannt auf die Entscheidungen, die in den nächsten Tagen fallen werden – sowohl auf der politischen Ebene als auch in der Kirche, wie es denn nun weiter gehen wird mit den Einschränkungen. Ich weiß nicht, wie lange das noch gehen wird und bin da sehr gespannt."

Haben Sie sich schon überlegt, wie Sie mit der Gemeinde feiern, wenn die Einschränkungen wegen der Pandemie aufgehoben werden?

"Da ist es zuerst mal spannend zu sehen, wie die Einschränkungen aufgehoben werden. Die werden ja sicherlich nicht von heute auf morgen komplett aufgehoben. Aber ich habe schon die Idee und den Wunsch, irgendwie auf eine besondere Art und Weise die Menschen einzuladen, miteinander Gottesdienst zu feiern, vielleicht auch etwas Ostern nachzuholen und diesen Moment wirklich zu genießen, wenn wir zum ersten Mal nach langer Zeit wieder gemeinsam in unserer Kirche sein können."

"Ich finde es spannend zu sehen, wie jetzt gerade in dieser Situation viele Menschen sich für andere einsetzen."

Carsten Leinhäuser

Können Sie der momentanen Situation trotz all der Einschränkungen etwas Positives abgewinnen?

"Ich finde es spannend zu sehen, wie jetzt gerade in dieser Situation viele Menschen sich für andere einsetzen. Da entstehen gerade ganz viele kreative Projekte, im ganzen Land, auf der ganzen Welt eigentlich. Und es gibt sehr viele Menschen, die sich solidarisch zeigen. Und das finde ich ganz super wertvoll und total schön!"

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