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Bis zu 12 Wochen Wartezeit

Kunden in der Pfalz brauchen bei Handwerkern viel Geduld

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Die Lage bei den Handwerkern in der Pfalz spitzt sich immer weiter zu: offene Auftragsbücher, Lieferengpässe, Fachkräftemangel. Hinzu kommt die hohe Inflation. Die Probleme bei den Betrieben wirken sich deutlich auf die Verbraucher aus, sagt Jan Leyser von der Handwerkskammer der Pfalz.

HWK Pfalz (Foto: Jan Leyser ist Leiter der Betriebsberatung der Handwerkskammer der Pfalz in Ludwigshafen. )
Jan Leyser ist Leiter der Betriebsberatung der Handwerkskammer der Pfalz in Ludwigshafen. Jan Leyser ist Leiter der Betriebsberatung der Handwerkskammer der Pfalz in Ludwigshafen.

SWR Aktuell: Wie sehr haben die Betriebe in unserer Region mit der aktuellen Krise zu kämpfen?

Leyser: Aktuell herrscht im pfälzischen Handwerk eine große Ungewissheit, was die Lieferung und die Preise von Materialien sowie die Energiekosten angeht. Dies ist für die weitere konjunkturelle Entwicklung ein erheblicher Risikofaktor. Die Preisexplosion führt in manchen Gewerken sogar dazu, dass bestehende Aufträge unwirtschaftlich werden. Dabei spielen die Energie- und Lieferprobleme in den produzierenden Handwerken, wie zum Beispiel im Metallbau und der Nahrungsmittelhandwerk, sowie im Bau- und Ausbauhandwerk eine größere Rolle als in den personenbezogenen Handwerken, wie Friseur, Kosmetiker oder Fotografen. Zum Beispiel müssen einige Baustellen aufgrund fehlender Teile mehrfach angefahren werden, wodurch die Produktivität insgesamt leidet. Zudem können die steigenden Preise nicht immer an den Kunden weitergegeben werden.

SWR Aktuell: Wie sieht es mit der Auslastung der Betriebe aus?

Leyser: Grundsätzlich sind die Auftragsbücher noch gut gefüllt, jedoch sinkt allmählich die Nachfrage nach Bau- und Ausbauleistungen, da die Produkte immer teurer werden und die Zinsen steigen – folglich werden die Projekte deutlich teurer und daher eher verschoben oder gar nicht realisiert. Elektrotechniker sowie Installateure und Heizungsbauer hingegen erleben eine steigende Zahl an Anfragen, da viele Kunden nachhaltige Energieoptimierungen vornehmen möchten, wie zum Beispiel Photovoltaikanlagen oder einen Heizungstausch.

SWR Aktuell: Wie viele Betriebe in unserer Region sind denn derzeit noch von Lieferengpässen betroffen?

Leyser: Eine konkrete Zahl liegt uns nicht vor. In unserer Frühjahrskonjunkturumfrage gaben 96 Prozent der Betriebe an, dass ihre Einkaufspreise gestiegen sind, was häufig den Lieferengpässen beziehungsweise Lieferverzögerungen geschuldet ist.

SWR Aktuell: Welcher Bereich der Handwerksbetriebe leidet zurzeit besonders?

Leyser: Die gestiegenen Beschaffungspreise und gestörten Lieferketten betreffen aktuell fast alle Gewerke. Insbesondere im Bereich Bau und Ausbau sowie in Kfz- und Handwerksbetrieben ist es bereits zu Umsatzverlusten und Auftragsstornierungen gekommen, weil Kunden nicht bereit waren, höhere Absatzpreise wegen gestiegener Beschaffungs- und Energiepreise zu akzeptieren.

SWR Aktuell: Wie sieht derzeit die Lage in Sachen Fachkräftemangel aus?

Leyser: Elf Prozent der befragten Betriebe möchten zusätzliches Personal einstellen, jedoch ist dieses Vorhaben – genau wie die Nachbesetzung der Stellen – eine zunehmende Herausforderung. Qualifizierte Fachkräfte sind in fast allen Bereichen und Betrieben knapp. Das wird umso problematischer mit Blick auf die Bekämpfung des Klimawandels. Wir brauchen in Zukunft noch wesentlich mehr handwerkliche Fachkräfte, um nachhaltige Technologien wie Wärmepumpen oder PV-Anlagen zu installieren und zu warten. Nur so können die Klimaziele erreicht und die Energiewende umgesetzt werden.

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SWR Aktuell: Die Krise wirkt sich vor allem auf Verbraucherinnen und Verbraucher aus. Wie lange muss man denn zurzeit auf einen Handwerker warten?

Leyser: Laut unserer Konjunkturumfrage müssen Kunden derzeit bis zu 12 Wochen auf einen Handwerker warten, im Bauhandwerk sogar mehr als 16 Wochen. Vereinzelt kann es für die Handwerkerleistung eines Installateur- und Heizungsbauers oder eines Elektrikers zu Wartezeiten von mehr als einem Jahr kommen. Grund dafür ist die hohe Nachfrage der Kunden und das dem Fachkräftemangel geschuldete geringe Angebot an entsprechenden Handwerkern. Erschwerend kommt die Lieferproblematik hinzu.

SWR Aktuell: Wie lange wird diese Krise noch dauern?

Leyser: Aufgrund der Vielzahl an Störfaktoren, wie zum Beispiel der Ukraine-Krieg, die Coronapandemie und der Klimawandel, die zu dieser Situation beitragen, ist eine Prognose hinsichtlich der Dauer der Krise nicht möglich. Der weltweite Güter- und Containerumschlag ist aus dem Rhythmus geraten, was auch mit Corona und der Schließung von wichtigen Häfen verbunden ist. Das Ende des Lockdowns in Shanghai ist positiv zu bewerten, da dadurch zu erwarten ist, dass die Lieferketten wieder stabiler werden sollten. Allerdings wird sich die Problematik voraussichtlich noch viele Monate hinziehen, bis alles wieder im "Flow" ist. Wann und ob sich hingegen die Lieferketten von den direkt in den Krieg eingebundenen Ländern wieder erholen, ist derzeit nicht absehbar.

Das Interview führte SWR-Aktuell-Redakteur Jan Jaworski

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