Michael Strake (Foto: SWR)

Halbes Jahr Krieg in der Ukraine

Friedensinitiative Westpfalz: So funktioniert ziviler Widerstand

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Janina Schreiber
Bild von Janina Schreiber, Redakteurin im SWR Studio Kaiserslautern (Foto: Annkatrin Gentges)

Seit knapp 20 Jahren engagiert sich Michael Strake in der "Friedensinitiative Westpfalz". Er resümiert nach einem halben Jahr Ukraine-Krieg: Waffen sind keine Lösung.

Michael Strake ging es am 24. Februar wohl wie vielen anderen in der Westpfalz auch: Er war fassungslos über den Einmarsch russischer Truppen in die Ukraine. Nun dauern die Kämpfe bereits ein halbes Jahr an. Wie lange der Krieg dauern würde - darüber habe er sich nie Gedanken gemacht. Als Teil der "Friedensinitiative Westpfalz" macht er im Interview deutlich: Waffenlieferungen sind keine Lösung.

SWR Aktuell: Herr Strake, Sie lehnen Waffenlieferungen ab. Ist das nicht naiv zu fordern, wenn schon russische Soldaten an der Grenze stehen und der Beschuss beginnt?

Michael Strake: Natürlich verspüre auch ich den Impuls, bei einem Konflikt mit einem augenscheinlich "bösen" Gegner, der angegriffenen Partei Waffen zu geben, damit sie sich verteidigen kann. Ich kenne die Mechanismen, ich war als Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr. Doch genau deshalb, weil ich mit meinen 74 Jahren einige Kriege gesehen habe, sage ich, das kann nicht die Lösung sein: Ziviler Widerstand ist auf Dauer effektiver.

SWR Aktuell: Das Konzept des Zivilen Widerstands ist vielen Menschen nicht bekannt. Erklären Sie uns doch, wie das, am Beispiel des Angriffskrieges auf die Ukraine, hätte funktionieren können.

Strake: Ein wichtiger Baustein, den die Organisation "Sicherheit neu denken", vorschlägt: Deeskalation. Die NATO und die EU könnten Russland Angebote machen für eine wirtschaftliche Zusammenarbeit, von der auch Russland profitiert. Also Kooperation statt Konflikt wäre die Lösung.

SWR Aktuell: Aber genau das ist doch passiert. Unser Bundeskanzler Olaf Scholz war beim russischen Präsidenten Wladimir Putin, ebenso der französische Ministerpräsident Emmanuel Macron, auch unsere Außenministerin Annalena Baerbock ist in die Ukraine gereist und hat mit dem Präsident Wolodimir Selensky geredet. Es gab Bemühungen von internationalen Organisationen zu vermitteln und zu schlichten. Das waren doch Deeskalations-Versuche von ganz oben, oder nicht?

Strake: Tatsache. Doch ungefähr zur gleichen Zeit haben wir unsere eigene Bundeswehr aufgerüstet und entschieden, Waffen zu liefern. Damit wurde die Bemühung um Deeskalation auf der politischen Bühne unglaubwürdig. Wir müssen also die Überzeugung haben, dass der Konflikt nicht mit Waffengewalt gelöst werden darf. Auch unsere Politik muss diese Überzeugung leben!

"Kooperation statt Konflikt wäre die Lösung."

SWR Aktuell: Im Ukraine-Krieg gibt es ja Beispiele für zivilen Widerstand: Tausende Ukrainerinnen und Ukrainer sollen versucht haben den Zugang zum Atomkraftwerk in Saporischschja zu versperren, sodass Panzer zum Teil wieder abgedreht sind. Warum funktioniert das nicht in größerem Stil?

Strake: Das waren noch zu wenige Menschen. Ziviler Widerstand braucht vor allem Koordination. Und selbst dann, das stimmt, sind zivile Widerstände nicht immer erfolgreicher, aber – das zeigt die Forschung – diese Konflikte werden schneller beendet und die Verluste sind geringer als bei jenen Konflikten mit Waffengewalt. Es kann funktionieren, Gandhi ist das wohl berühmteste Beispiel für zivilen, gewaltfreien Widerstand.

Michael Strake, Friedensinitiative Westpfalz (Foto: SWR)
Vor allem die bundesweite Initiative "Sicherheit neu denken" arbeitet an konkreten Konzepten, wie auch internationale Konflikte gewaltfrei gelöst werden könnten.

SWR Aktuell: Also was braucht es damit Ziviler Widerstand funktioniert?

Strake: Einen Widerstandswillen in der gesamten Bevölkerung, gewisse Grundkenntnisse darüber, wie ich mich organisieren und strategisch Widerstand leisten kann. Das müsste in der Schule theoretisch und praktisch vermittelt werden. Zum Teil passiert das ja bereits, ich denke da an Streitschlichter in der Schule. Kultur und Sport fördern dieses Verständnis vom Brückenbauen und von der Kooperation. Was es aber braucht ist die Übertragung einer Deeskalations-Strategie auf die größere politische Ebene und eine bundesweite Organisation oder eine Verankerung dessen in einem Ministerium.

SWR Aktuell: Bislang scheint sich aber dahingehend nichts zu verändern. Das bemerken Sie selbst am Besten, wenn Sie mit wenigen Friedensaktivistinnen und -aktivisten vor der Airbase in Ramstein demonstrieren, dann macht das doch keinen Unterschied. Warum tun Sie es trotzdem?

Strake: Weil ich an den zivilen Widerstand glaube und nicht an Waffengewalt. Das hat etwas mit Grundüberzeugung zu tun. Und auch eine Regierung sollte nicht daran interessiert sein, dass eine Bevölkerung kämpferisch oder gewaltvoll agiert und Gewaltfreiheit deshalb fördern. Und obwohl ich das glaube, bin auch ich nicht durchweg optimistisch. Es ist ein ewiger und langer Kampf – Hauptsache gewaltfrei, dazu habe ich mich entschlossen!

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