Paul will seine Benzos Sucht bekämpfen (Foto: SWR)

„Wie eine Auszeit vom Leben“

Paul aus dem Westen der Pfalz will raus aus der Sucht nach Benzos

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Bei Jugendlichen in der Westpfalz ist der oft missbräuchliche Konsum von Benzodiazepinen gerade angesagt. Dabei hat das Medikament ein hohes Suchtpotenzial. SWR Aktuell hat mit jemandem gesprochen, der von dem Medikament abhängig geworden ist.

"Das erste Mal, als ich Benzos genommen habe, war ich sogar etwas enttäuscht, ich hatte mir einen aufregenden Rausch erwartet. Am Schluss bin ich einfach nur müde geworden", sagt Paul (Name von der Redaktion geändert), als wir uns mit ihm in einem Park in der Westpfalz treffen. Als er 17 Jahre alt ist, nimmt er zum ersten Mal Benzodiazepine, oder auch kurz: Benzos.

Mindestens einmal in der Woche Benzos

Doch es bleibt nicht bei der Enttäuschung. Nach mehreren Versuchen mit aufputschenden Substanzen wie Amphetaminen probiert Paul doch nochmal die Benzos. Heute ist Paul Mitte 20, lebt in einer Stadt in der Westpfalz, studiert und arbeitet neben dem Studium. Und hat damit zu kämpfen, von den Benzos wegzukommen: "Das hab ich daran gemerkt, dass immer öfter der Wunsch da war, diese Substanzen zu konsumieren, dass mir langweilig war, ich nichts mit mir anzufangen wusste, wenn nichts verfügbar war, dass das so ziemlich das einzige war, was noch Freude gemacht hat."

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Eine entscheidende Veränderung sei der Zugang zum Darknet gewesen, sagt Paul. Getrieben von Konsum-Berichten aus dem Internet sei die Neugierde im Freundeskreis und bei ihm geweckt worden, noch einmal mit der Wirkung der Benzos zu experimentieren – trotz des enttäuschenden ersten Versuchs.

Schließlich habe er die Präparate in höheren Dosen gemixt – meist das vier- oder fünffache der empfohlenen Maximaldosis – und das gewünschte Ergebnis erreicht.

"Das bringt dich runter, man wird lockerer, enthemmter."

"Ängste, die man hat, verschwinden oder werden stark reduziert", erzählt er weiter. "Das Sprechvermögen ist, wie wenn man betrunken ist. Man fängt an zu Lallen, man hat kein richtiges Zeitgefühl mehr, man ist super vergesslich und ist eben körperlich auch entspannt also ganz ruhig. Das war so eine Auszeit vom Leben, vom Alltag, von Ängsten, Sorgen, Stress. Da war man einfach bisschen weggetreten, hat so oberhalb und außerhalb der Welt gestanden, so ein bisschen in Watte gepackt."

Keine anderen Werkzeuge, negative Gefühle abzuschalten

Warum er sich so sehr nach der benommen-machenden Wirkung des Medikaments gesehnt habe, dass er immer wieder konsumiert, kann er bislang nur vermuten: "Wahrscheinlich hatte ich keine anderen Werkzeuge, die mir geholfen haben, meine negativen Gefühle abzuschalten oder in einer Weise damit umzugehen, dass sie mich nicht in der Art belasten, wie es der Fall war", sagt Paul.

Wegen dieser Überreizung mit negativen Emotionen machen manche Suchtberater auch die Corona-Pandemie für den zunehmenden Downer-Konsum Jugendlicher verantwortlich.

Einflüsse durch Rap-Kultur

Ein anderer Einfluss wird der Rap-Kultur zugeschrieben, die immer wieder Downer wie Benzos und Tilidin, ein Opioid, besingen. Bei Paul sei das kein Anreiz gewesen, aber er kann sich das Phänomen gut erklären: "Dadurch, dass es für die Rapper eine Selbstverständlichkeit ist, Benzodiazepine wie Xanax zu nehmen und das so ziemlich in jedem TrapRap-Lied vorkommt, ist mein Eindruck schon, dass auch die jüngeren Leute dann solche Lieder hören, die verlieren dann auch entsprechend bisschen den Respekt davor."

"Wenn die Superstars das machen, dann gehört das auch zur Rap-Kultur dazu."

Westpfälzer will seine Sucht nach Benzos bekämpfen

Erst durch den Tod eines ihm nahestehenden jungen Mannes, der ebenfalls regelmäßig Benzodiazepine überdosierte, habe Paul den festen Entschluss gefasst, seine Sucht zu bekämpfen.

Schätzungen zufolge sind etwa 1,5 bis 1,9 Millionen Menschen in Deutschland medikamentenabhängig, insbesondere von Benzodiazepinen und opioidhaltigen Schmerzmitteln, schreibt die Deutsche Hauptstelle für Suchtanfragen auf ihrer Seite. Paul sagt: "Das sind Zahlen, die schwirren einem im Kopf rum. Aber das sind keine Zahlen, die einem emotional eine Richtung geben. Das ist so wie Lotto spielen. Natürlich weiß jeder, dass man nie gewinnen wird. Aber das ist einfach irgendeine Zahl: eins zu irgendwas. Ja, es gibt eine Chance, dass da irgendwas passiert, aber mich betriffts ja nicht." Es könne einen aber eben doch betreffen, das habe er schmerzlich gelernt.

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