Geschichte-Leistungskurs des Hohenstaufen-Gymnasiums Schülerinnen forschen zum Frauenwahlrecht in Kaiserslautern

Vor 100 Jahren bekamen Frauen in Deutschland das Wahlrecht. Bis zur NS-Zeit gab es danach in Kaiserslautern fünf Stadträtinnen. Ihre Schicksale haben jetzt Gymnasiastinnen erforscht.

Schülerinnen und Lehrer (Foto: SWR)
Die Schülerinnen Jule Schürmann, Lena Kreis und Julia Weinberg (v.links) haben zusammen mit ihrem Lehrer Christian Könne an dem Projekt gearbeitet.

Zwei Jahre lang haben sich die drei Schülerinnen des Hohenstaufen-Gymnasiums mit den ersten Stadträtinnen in Kaiserslautern beschäftigt. Die 18-jährigen Schülerinnen besuchen den Leistungskurs in Geschichte. Ihr Lehrer hatte ihnen den Vorschlag gemacht, Geschichte einmal selbst zu erforschen. In Kaiserslauterer Archiven haben sie sich auf die Suche nach Hinweisen auf die Stadträtinnen gemacht.

Jule Schürmann ist eine der Schülerinnen - und sie findet es wichtig, dass sich Frauen mit ihrer eigenen Geschichte beschäftigen. "Wir leben ja in einer Gesellschaft, wo wir in vielerlei Hinsicht schon gleichberechtigt sind. Aber eben noch nicht in jeder Hinsicht."

Insgesamt fünf Stadträtinnen

1920 wurden vier Frauen in den Kaiserslauterer Stadtrat gewählt: Eine von der linksliberalen DDP, zwei Sozialdemokratinnen und eine Vertreterin der Zentrums-Partei. Bei der Wahl vier Jahre später wurde eine weitere Sozialdemokratin Stadträtin. Von allen fünf gibt es keine Fotos. Schülerin Julia Weinberg ist vom Wirken der Frauen fasziniert: "Wichtig ist eigentlich, wie emanzipiert die schon waren. Das ist erstaunlich, was diese Frauen alles geleistet haben - und dass sie trotzdem niemand kennt. Für uns war es deshalb umso interessanter, sie ans Licht zu bringen."

Da ist zum Beispiel Stadträtin Emma Kafitz. Sie wurde 1938 von der Gestapo im Rahmen einer Aktion gegen illegalen Abtreibungen festgenommen und kam ins Gefängnis. Die Schülerinnen haben erforscht, dass sie offenbar der Ehefrau eines in Kaiserslautern bekannten Nationalsozialisten bei der Abtreibung geholfen hat. Emma Kafitz starb im Gefängnis - sie soll sich umgebracht haben.

Schülerinnen präsentieren Arbeiten der Öffentlichkeit

Die Forschungsarbeiten waren für die Schülerinnen des Hohenstaufen-Gymnasiums eine Herausforderung, sagt Julie Schürmann. "Es ist teilweise frustrierend, weil man wirklich wenig über die Frauen findet. In Kaiserslautern ist wenig über diese Frauen überliefert."

Ihr Lehrer Christian Könne hat seine Schülerinnen bei den Recherchen unterstützt - und zum Beispiel in Karlsruhe, Bruchsal und Speyer Archive durchforstet. Einen Vortrag über die ersten Stadträtinnen in Kaiserslautern haben die Schülerinnen schon gehalten. Am kommenden Samstag wollen sie beim Tag der offenen Tür im Hohenstaufen-Gymnasium ihre Forschungen nochmal präsentieren.

Das haben die Schülerinnen über die Kaiserslauterer Stadträtinnen herausgefunden (Quelle: Forschungsarbeit der Schülerinnen):

Elisabeth (Else) Braun, geboren am 19.2.1875 in Kaiserslautern, gestorben am 21.12.1928 in Kaiserslautern. Sie war Hauptlehrerin an der höheren weiblichen Bildungsanstalt, dem heutigen Burg-Gymnasium. Stadträtin war sie von 1920 bis 1924 für die DDP. Sie war unverheiratet und hatte vermutlich eine Liebesbeziehung mit einer Frau. Elisabeth Braun war Waisenkind und hat sich selbst das Studium für das Lehramt ermöglicht. Sie arbeitete zehn Jahre in England und Rumänien als Erzieherin. Sie starb nach längerer Krankheit an einem "Schlag".

Elisabetha (Elise) Hertel, geborene Dietrich. Geboren am 11.4.1891 in Kaiserslautern, gestorben am 3.1.1982 in Grünstadt. Sie war von Beruf Kassiererin, später Fürsorgerin. Stadträtin war sie von 1920 bis 1924 für SPD/USPD, als Nachrückerin offenbar auch in der Wahlperiode 1925 bis 1929. Sie war mit August Hertel, einem Straßenbahnschaffner, verheiratet. In der NS-Zeit wurde sie aufgrund der SPD-Zugehörigkeit aus ihrem Arbeitsverhältnis bei der Stadt Kaiserslautern entfernt. Elisabetha Hertel wurde als Verfolgte des Naziregimes anerkannt. Sie erhielt vom Kaiserslauterer Stadtrat 1951 einstimmig eine Entschädigungszahlung zugebilligt, aber kein Angebot auf Wiedereinstellung.

Emma Kafitz, geborene Müller. Geboren am 13.11.1889 in Frankenthal, gestorben am 24.7.1938 in Bruchsal. Stadträtin in Kaiserslautern von 1920 bis 1924 für die USPD. Sie war mit Karl Kafitz, einem Hausmeister, verheiratet. Am 24. Juli 1938 beging Frau Kafitz in der NS-"Weiberhaftanstalt" Bruchsal laut Akteneintrag "Suizid durch Erhängen". Sie war zuvor im Rahmen einer Gestapo-Aktion gegen illegale Abtreibung, bei der in Kaiserslautern 43 Personen festgenommen worden waren, verhaftet worden. War sie bis nach Bruchsal in Baden gebracht worden, weil sie eine Abtreibung bei der Frau eines prominenten pfälzischen Nationalsozialisten durchgeführt hatte? Jedenfalls sollte genau diese Abtreibung laut Akteninformation geheim bleiben, um "dem Ansehen der Bewegung" nicht zu schaden.

Lydia Keßler, geborene Eckert. Geboren am 29.7.1874 in Aschaffenburg, gestorben am 5.1.1953 in West-Berlin. Stadträtin in Kaiserslautern von 1920 bis zur NS-Diktatur - für das Zentrum. Lydia Keßler war als Frau des Oberlehrers Johannes Keßler nicht berufstätig. Lydia Keßler saß allein in der ersten Wahlperiode in fünf Parlamentsausschüssen, sie wurde 2x wiedergewählt. Sie ist die einzige Stadträtin, für die sich eine Würdigung durch die Stadt findet.

Katharina Lang, geborene Stutzenberger. Geboren am 23.10.1881 in Kaiserslautern, gestorben am 8.5.1959 in Kaiserslautern. Sie war Stadträtin in Kaiserslautern für die SPD, von 1924 bis zur NS-Diktatur. Sie war mit Otto Lang, einem Straßenobermeister, verheiratet. Ihr Mann wurde aufgrund seiner SPD-Mitgliedschaft in der NS-Zeit aus dem Dienst der Stadt Kaiserslautern entlassen. Das Ehepaar verließ Kaiserslautern 1934 in die USA, kehrte aber 1936 zurück. 1937 finden sich Hinweise, dass das Paar Papiere mit dem Ziel der dauerhaften Auswanderung in die USA beantragte - diese wurden aber von den NS-Behörden nicht gewährt. Katharina Lang unterstützte in der NS-Zeit Familien, deren Angehörige als Regime-Gegner verhaftet worden waren. 1951 wurde Otto Lang vom Kaiserslauterer Stadtrat einstimmig als Opfer des NS-Regimes anerkannt. Explizit wurde dabei auch auf seine Frau als SPD-Stadträtin verwiesen. Otto Lang wurde entschädigt und wieder eingestellt.

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