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Am 2. September 1975 beginnt am Landgericht Kaiserslautern das Mammut-Verfahren gegen drei Mitglieder der "Rote-Armee-Fraktion" (RAF). Es werden Verbrechen verhandelt, die bis heute nicht aufgeklärt sind.

Auf der Anklagebank sitzen der 28-jährige Manfred Grashof und die beiden 27-jährigen Klaus Jünschke und Wolfgang Grundmann - die sogenannte zweite Generation der RAF. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen in ihrer 391 Seiten dicken Anklageschrift vornehmlich Mord, versuchten Mord, Bankraub und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vor.

Verhandelt wird unter anderem ein Banküberfall in Kaiserslautern aus dem Jahr 1971. Am Morgen des 22. Dezember stürmen drei maskierte Männer die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank. Während aus einem mitgebrachten Kassettenrecorder Musik der Rolling Stones dröhnt, bedrohen sie die Angestellten und einen Kunden und erbeuten 134.000 D-Mark.

Terroristen erschießen ahnungslosen Polizisten

Zur gleichen Zeit nähert sich Herbert Schoner, ein Polizist der zufällig in der Fackelstraße unterwegs ist, dem Fluchtfahrzeug, das im Halteverbot steht. Als er auf den roten VW-Bus zukommt, schießt der Fahrer zwei Mal auf den Beamten. Verletzt rettet er sich ausgerechnet in die nahegelegene Bank, wo er von den Bankräubern erschossen wird. Die Täter entkommen, Schoner - 32 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder - stirbt noch am Tatort. Zwei Tage später ist Weihnachten.

Die Angeklagten sollen außerdem an einem weiteren Banküberfall in Ludwigshafen, einem Sprengstoffanschlag auf das US-Hauptquartier in Frankfurt mit einem Toten und elf Verletzten, am Tod eines Polizisten in Hamburg und an einem Mordversuch an einem Frankfurter Polizeibeamten beteiligt gewesen sein.

Prozess im Schatten von Stammheim

Dass Grashof, Jünschke und Grundmann nicht beim großen Baader-Meinhof-Prozess in Stammheim angeklagt wurden, sondern vor dem Landgericht Kaiserslautern, hatte im Vorfeld des Prozesses für große Diskussionen gesorgt. Landesminister, Bundestagsabgeordnete und Richter hatten vor den zusätzlichen Kosten eines zweiten Strafverfahrens und den Problemen mit in beiden Verhandlungen benötigten Zeugen und Sachverständigen gewarnt.

Doch der Bundesgerichtshof wies alle Einwände zurück, der Prozess kam nach Kaiserslautern und traf die Provinzmetropole mit voller Wucht. Am Ostrand der Stadt wurde eine alte Kartoffelhalle für über eine Million D-Mark zum Gerichtssaal umfunktioniert und wie eine Festung gesichert: Überwachungskameras, zwei Reihen Stacheldrahtzaun, Straßensperrungen, dazu 300 Polizisten, die das Gebäude ebenso wie den Luftraum und den nahegelegenen Wald rund um die Uhr überwachten. Die Stadt musste mit dem martialischen Szenario leben, doch in den 21 Monaten des Prozesses kam es zu keinem einzigen Zwischenfall.

Der Tatort: Die Leichen Siegfried Bubacks und seines Fahrers liegen neben ihrer Limousine. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Heinz Wieseler/dpa)

Terror in Deutschland Deutscher Herbst 1977

Der Herbst 1977 ging in die Geschichte der Bundesrepublik als "der deutsche Herbst" ein. Eine düstere Zeit, die die Gesellschaft spaltete. Eine Zeit – geprägt vom Terror der RAF, von Morden und Entführungen und von großer Ratlosigkeit auf Seiten der Politik.

Obwohl der Name "Kleiner Baader-Meinhof-Prozess" angesichts der Sicherheitsvorkehrungen, seinen 131 Verhandlungstagen, des Umfangs der Anklageschrift und der schieren Masse von mehr als 250 Zeugen und Sachverständigen untertrieben erscheinen mag, lässt er sich doch rechtfertigen. Nicht nur, weil er bei Dauer, Kosten und Zeugenzahl hinter dem großen Stammheim-Prozess in Stuttgart gegen die RAF-Köpfe der "ersten Generation" Andreas Baader, Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe zurückblieb. Auch in der Art der Prozessführung unterschied er sich wesentlich vom Stammheim-Prozess.

Während der dortigen Verhandlungen wurde die Strafprozessordnung in mehreren Punkten geändert, Gespräche zwischen den Angeklagten und ihren Verteidigern wurden verfassungswidrig vom Verfassungsschutz abgehört und die Wunschanwälte der RAF-Terroristen verzögerten den Prozess,wo es nur ging.

Es bleiben Fragen - bis heute

Dieses Mittel machten sich zwar auch die Verteidiger von Grashof, Jünschke und Grundmann immer wieder zu eigen, doch blieb das Verfahren in Kaiserslautern vor dürftig besetzten Zuschauerbänken eines ohne große Eskapaden, ohne interne Justizskandale und dramatische Zuspitzungen. Grund dafür war auch die Rolle des Vorsitzenden Richters Adolf Stiefenhöfer. Laut "Spiegel" vermied er, anders als sein Kollege in Stuttgart, in heiklen Augenblicken "überflüssige und der Wahrheitsfindung abträgliche Konfrontationen mit den Verfahrensbeteiligten" und "blockte jeden Eklat und jeden Ruch von Manipulation von vornherein ab."

Doch schaffte es auch Stiefenhöfer nicht, die ganze Wahrheit ans Licht zu bringen. So wurde Klaus Jünschke wegen Mordes, Manfred Grashof wegen Beihilfe zum Mord an dem Polizisten Schoner verurteilt, obwohl sie am Tatort in Kaiserslautern selbst weder Spuren hinterlassen hatten, noch Zeugen vor Gericht eine direkte Tatbeteiligung der beiden bestätigen konnte. Indizien reichten aus.

Dem dritten Angeklagten, Wolfgang Grundmann, konnte lediglich die Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung und unerlaubter Waffenbesitz nachgewiesen werden. Seine vierjährige Haftstrafe hatte er durch seine Zeit in Untersuchungshaft mit dem Prozessende am 2. Juni 1977 bereits abgesessen.

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