Windräder in der Pfalz  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Roland Weihrauch)

Aktuelle Zahlen zum Windkraftausbau

100 neue Windräder jährlich? Wie will RLP das schaffen?

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Martin Heuser
Martin Heuser ist Redakteur bei SWR Aktuell in Rheinland-Pfalz (Foto: SWR)

Rheinland-Pfalz hat sehr ambitionierte Ziele zum Ausbau erneuerbarer Energien. So müssten bis zu 100 neue Windräder im Jahr gebaut werden. Mancher Experte ist skeptisch.

Papier ist bekanntlich geduldig und Koalitionsverträge sind häufig auch eher gut gemeinte Wunschzettel, die schnell von der Realität eingeholt werden. Im Vertrag der Ampelkoalition in Rheinland-Pfalz sind sehr ehrgeizige Klimaziele festgelegt: Die erneuerbaren Energien aus Sonnenkraft sollen verdreifacht werden, die aus Wind verdoppelt. Konkret heißt das für die Windkraft: Jedes Jahr 500 Megawatt Leistung mehr - also etwa 100 neue Windräder.

Wie will das relativ kleine Bundesland das schaffen, wo man bei der Windkraftnutzung im Bundesvergleich im guten Mittelfeld steht, wie aktuelle Zahlen des Bundesverbandes Windenergie vom Donnerstag zeigen. Da steht das Land noch vor deutlich größeren Flächenländern wie Baden-Württemberg, Bayern und Hessen.

Verteilung der Windräder nach Bundesländern

Ziel "sehr ambitioniert, aber grundsätzlich machbar"

Der Umweltökonom Grischa Perino von der Universität Hamburg lobt die Ausbauziele von Rheinland-Pfalz, glaubt aber nicht, dass das Land sie bis 2030 erfüllen kann: "Da gibt es für mich eine Lücke zwischen dem Ziel und der Entscheidungskompetenz eines Bundeslandes", sagte Perino der "Süddeutschen Zeitung". Denn vor Ort in den Kommunen verhindern immer häufiger Bürgerinitiativen den schnellen Bau von Windkraftanlagen. Gut sei aber, dass das Land bei der Genehmigung von Windrädern Bürokratie abbaue, sodass künftig nur noch eine Stelle dafür zuständig sei, so Perino.

Für "sehr ambitioniert, aber grundsätzlich machbar", hält der Leiter der SWR Umweltredaktion, Werner Eckert, die Ziele des Landes bei den Erneuerbaren Energien. Viele Anlagen seien inzwischen älter als 20 Jahre und könnten durch neue Windräder ersetzt werden, die bis zu 20 mal leistungsfähiger als die alten seien. Deshalb müssten neue Windräder nicht zwangsläufig an neuen Orten entstehen.

Im Jahr 2021 wurden insgesamt 16 Windenergieanlagen mit einer installierten Leistung von 69 Megawatt neu errichtet. Mit diesem Zubau-Anteil von vier Prozent liegt Rheinland-Pfalz auch hier deutschlandweit im Mittelfeld. Der Bundesverband Windenergie fordert hier vom Land mehr Tempo beim Ausbau.

Klimaschutzministerin Eder: Mehr alte Anlagen erneuern

Auch die rheinland-pfälzische Klimaschutzministerin Katrin Eder (Grüne) ist mit dem Ausbautempo unzufrieden. Das Land habe hier mit der Änderung des Landesentwicklungsprogramms schon gegengesteuert. So wurde der Mindesabstand zu Wohnhäusern verkürzt und Genehmigungsverfahren bei den zwei Struktur- und Genehmigungsdirektionen (SGD) gebündelt.

Wichtig sei auch, dass deutlich mehr alte und leistungsschwache Anlagen durch neue ersetzt würden. Bei diesem sogenannten Repowering gebe es aber noch zu viele bürokratische Hürden im Bundesemissionsrecht und bei den Kommunen, beklagte Eder im SWR-Interview.

Kommunen am Windkraftausbau beteiligen

Auch SWR-Umweltexperte Eckert meint, dass bis 2030 jährlich etwa 100 neue leistungsfähige Windkraftanlagen im Land gebaut werden müssen, um die Ziele der Ampel-Koalition zu erreichen. Wichtig sei, die Kommunen an den Einnahmen der Anlagen zu beteiligen und nicht nur die Eigentümer der Grundstücke, auf denen die Windräder stehen.

Auf den windstarken Hunsrückhöhen drehen sich viele Windräder im Wald. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Patrick Pleul)
Auf den windstarken Hunsrückhöhen drehen sich viele Windräder im Wald. picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Patrick Pleul

Wie eine solche Win-Win-Situation aussehen kann, zeigt das Beispiel des Rhein-Hunsrück-Kreises. Dort verpachteten viele Gemeinden Grundstücke im Wald an die Windkraftbetreiber und sanierten damit ihre chronisch klammen Haushalte. Der Landkreis war einer der ersten in Deutschland, die bilanziell CO2-neutral sind und in der einst strukturschwachen Region haben die dortigen Gemeinden mittlerweile die landesweit geringste kommunale Verschuldung. 

Streitfall Windkraft im Wald

Wenn neue Windräder gebaut werden und die Kommunen daran verdienen sollen, führt an Windkraftanlagen im Wald kein Weg vorbei. Schon jetzt dreht sich in Rheinland-Pfalz jedes vierte Rad im Wald. 42 Prozent der gesamten Landesfläche sind Waldgebiet und annähernd die Hälfte davon (46 Prozent) ist im Besitz von Städten und Gemeinden, ein gutes Viertel (26 Prozent) gehört dem Land. 

Gerade im Pfälzerwald regt sich Widerstand gegen Windräder. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / dpa | Uwe Anspach)
Gerade im Pfälzerwald regt sich Widerstand gegen Windräder. picture alliance / dpa | Uwe Anspach

Doch Windräder im Wald sind umstritten - vor allem im Pfälzerwald. Naturschützer fürchten das Aussterben seltener Vögel und Fledermäuse, Wanderer und Anwohner stören sich an der "Verspargelung" der Landschaft. Die Regierungsparteien SPD, Grüne und FDP haben sich im Koalitionsvertrag auf einen Kompromiss geeinigt: Windräder im Pfälzerwald ja, aber nur entlang von Autobahnen und auf ehemaligen Militärgeländen.

Auch auf von Schädlingen und Stürmen zerstörten Waldflächen sollen Windkraftanlagen gebaut werden dürfen. Mit den Einnahmen könnte dann unter anderem die Wiederaufforstung bezahlt werden.

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