Mehrere Jugendliche posieren für ein Selfie, nachdem sie die erste Dosis des Corona-Impfstoffs von BiontechPfizer in Valencia erhalten haben. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, dpa/EUROPA PRESS | Jorge Gil)

Immer mehr jüngere Infizierte

So beurteilen Mediziner die Corona-Gefahr für junge Menschen

STAND

Das Risiko, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, ist bei keiner Altersgruppe so hoch wie bei den unter 20-Jährigen. Mediziner zeigen sich dennoch nicht beunruhigt.

Die Zahlen des Landesuntersuchungsamtes zeigen es deutlich: Das Coronavirus grassiert inzwischen vor allem unter jungen Leuten. Betrug die allgemeine Inzidenz in Rheinland-Pfalz am Donnerstag 25,7, lag sie in der Altersgruppe unter 20 bei 41,2 - um rund 60 Prozent höher. Am höchsten war die Inzidenz bei den unter 20-Jährigen im Kreis Kaiserslautern mit 119,6, gefolgt von 97,2 in Frankenthal und 80,1 in Worms.

Die Häufung von Corona-Infektionen unter jüngeren Menschen lässt sich auch bundesweit beobachten: Nach der jüngsten Aufschlüsselung der gemeldeten Covid-19-Fälle nach Altersgruppen durch das Robert Koch-Institut (RKI) lag die Inzidenz Anfang August in der Altersgruppe der 15 - 19-Jährigen bei 45,4 - bei einer allgemeinen Inzidenz von 18,3. Ein Trend, der schon seit vielen Wochen anhält.

Rheinland-Pfalz

Aktuelle Informationen Zahl der Krankschreibungen wegen Covid-19 steigt wieder

Corona-Regeln, aktuelle Zahlen und alles rund ums Impfen: Die wichtigsten Entwicklungen zum Coronavirus in Rheinland-Pfalz finden Sie hier bei uns im Liveblog.  mehr...

Jüngere Menschen haben mehr Kontakte

Nach Ansicht von Medizinern sind mehrere Gründe für die vergleichsweise hohe Inzidenz unter jüngeren Menschen verantwortlich. Der Kinderarzt Professor Fred Zepp, ehemaliger Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Universitätsmedizin Mainz und Mitglied der Ständigen Impfkommission (STIKO), verweist unter anderem auf das Kontaktverhalten der unter 20-Jährigen, das sich stark von dem älterer Mitbürger unterscheide. Ähnlich sieht es Professor Bodo Plachter, Leiter des Instituts für Virologie der Universitätsmedizin Mainz. "So sind viele Aktivitäten wieder möglich, die noch im Frühjahr eingeschränkt waren", sagt Plachter dem SWR.

Jüngere Menschen sind seltener geimpft

Auch die niedrigere Impfrate unter jüngeren Menschen spielt nach Ansicht der Mediziner eine Rolle. Nach Zahlen des RKI waren am Mittwoch 56,7 Prozent der Bevölkerung in Rheinland-Pfalz vollständig gegen das Coronavirus geimpft - in der Altersgruppe der 12 - bis 17-Jährigen, für die derzeit keine Empfehlung der STIKO vorliegt, waren es 12,6 Prozent.

An die jungen Erwachsenen appelliert das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium, sich impfen zu lassen, um sich und andere zu schützen. Die Impfquote in der gesamten Altersgruppe der Erwachsenen unter 60 Jahren - vom RKI derzeit mit 58,3 angegeben - sei zu niedrig. Auch Plachter und Zepp rufen die jungen Erwachsenen dazu auf, sich impfen zu lassen. "Covid-19 kann auch bei jüngeren Menschen einen schweren Verlauf nehmen und gegebenenfalls zu Long Covid führen", so Plachter. Wichtig sei es deshalb, die Impfbereitschaft zu fördern - zum Beispiel durch niedrigschwellige Angebote.

Diskussion um Covid-19-Impfung Pro und Contra: Sollen Kinder gegen Corona geimpft werden?

Der Biontech/Pfizer Impfstoff ist für Jugendliche ab 12 Jahren zugelassen. Aber die Stiko empfiehlt die Impfung bisher nur für Kinder mit Risikofaktoren. Was spricht dafür, was dagegen?  mehr...

Was die Impfung von Kindern und Jugendlichen betrifft, verweisen Plachter und Zepp auf die derzeitigen Gegebenheiten. Eine Impfung von Kindern unter 12 Jahren ist momentan nicht möglich, Kinder zwischen 12 und 17 Jahren können sich allerdings grundsätzlich impfen lassen. Die STIKO empfiehlt die Impfung für Jugendliche ab 12 Jahren, die wegen fortbestehender chronischer Krankheiten ein erhöhtes Risiko für schwere Infektionsverläufe haben oder in Haushalten mit besonders gefährdeten Menschen leben.

Für Kritik unter anderem aus Teilen der Politik sorgt, dass die STIKO bisher keine allgemeine Empfehlung zur Impfung von Jugendlichen ohne Vorerkrankungen gegeben hat. Die Kommission begründet dies damit, dass derzeit Kenntnisse über die langfristige Sicherheit der Impfstoffe für diese Altersklasse fehlen. STIKO-Mitglied Zepp sagte, dass man das Infektionsgeschehen unter Jüngeren intensiv beobachte und aktuell neue Daten zur Impfstoffsicherheit aus den USA auswerte. "Abhängig von diesen Daten wird über eine Anpassung und gegebenenfalls allgemeine Impfempfehlung beraten", so Zepp gegenüber dem SWR.

Kaum schwere Krankheitsverläufe

Doch wie bedroht durch das Coronavirus sind ungeimpfte Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene überhaupt? Nach Angaben von Plachter sind schwere Krankheitsverläufe bei Kindern offensichtlich selten - um so seltener, je jünger die Kinder sind. Dafür sprechen auch die aktuellen Zahlen: Aus dem Divi-Intensivregister, in dem die Behandlungskapazitäten in deutschen Krankenhäusern erfasst werden, geht hervor, dass es sich bei den derzeit 29 Covid-19-Patienten in Rheinland-Pfalz, die intensivmedizinisch betreut werden, ausschließlich um Erwachsene handelt.

Und wie sieht es mit möglichen Langzeitfolgen von Covid-19 aus? Hier gibt es nach Angaben der Mediziner zum Teil noch keine klaren Erkenntnisse.

Rund 400 Fälle in PIMS-Datenbank

Die gefährliche Entzündungserkrankung PIMS kann Wochen nach einer Corona-Infektion auftreten. Die Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie hat eine Datensammlung angelegt, in der inzwischen bundesweit mehr als 400 Fälle von erkrankten Kindern und Jugendlichen erfasst sind.

Nach Angaben von Zepp ist allerdings bei einem Teil der Fälle kein eindeutiger Zusammenhang mit SARS-CoV-2 nachweisbar. "Bisher ist der Verlauf von PIMS in Deutschland günstig, insbesondere bei schneller Diagnose und adäquater Behandlung", sagt Zepp. "Bisher gibt es keine Hinweise, dass sich die Häufigkeit oder der Schweregrad von PIMS im Zusammenhang mit der Delta-Variante im zeitlichen Verlauf verändert hat."

Unklare Datenlage zu Long Covid

Als weitere Langzeitfolge von Covid-19-Erkrankungen wird Long Covid genannt, eine Bezeichnung für lang anhaltende Krankheitssymptome auch Wochen und Monate nach einer akuten Coronavirus-Infektion. Die Datenlage hierzu ist nach Angaben von Plachter aber noch unklar.

Corona-Einschränkungen belasten die Psyche

Während junge Leute einerseits die Personengruppe sind, die von schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen einer Corona-Erkrankung am wenigsten betroffen ist, so sind sich andererseits Experten darüber einig, dass die sozialen Einschränkungen durch die pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen gerade ihnen große psychische Opfer abverlangen.

Wie soll nun die Politik vor diesem Hintergrund auf die steigenden Inzidenzwerte unter den jungen Leuten reagieren? Im Falle von Rheinland-Pfalz lautet die Antwort: Erst einmal geschieht nichts. Das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium hat erklärt, dass es derzeit keine Zusatzmaßnahmen für die unter 20-Jährigen plant.

Mediziner: Nicht nur auf Inzidenz schauen

Auch die Mediziner Plachter und Zepp sehen allein in der steigenden Inzidenz keinen besonderen Anlass zur Sorge. Sie plädieren ohnehin dafür, die Inzidenz nicht zum alleinigen Maßstab für die Beurteilung des Pandemiegeschehens zu machen. "Aus meiner Sicht ist die reine Inzidenz von Infektionen allein nicht geeignet, das Infektionsgeschehen zu beurteilen und daraus Maßnahmen abzuleiten", sagt Kinderarzt Zepp. "Dies trifft insbesondere auf Kinder und Jugendliche zu, bei denen seit Wochen anlasslose (das heißt ohne Infektionssymptome) Virustests durchgeführt werden. Hier werden asymptomatische Infektionen zu Problemfällen gemacht. Relevant für unser Gesundheitssystem sind die dokumentierten schweren Krankheitsverläufe", so Zepp.

Der Virologe Plachter fordert ebenfalls, die Zahl der Aufnahmen in Krankenhäuser und die Intensivbelegung stärker in den Blick zu nehmen. Ziel müsse es bleiben, die Behandlung von Covid-19-Patienten und von Menschen mit anderen Erkrankungen sicherzustellen. Denn es gehe letztlich darum, eine Überlastung des Gesundheitswesens zu verhindern.

Stiko aktualisiert Impfempfehlung STIKO aktualisiert Covid-19 -Impfempfehlung für Kinder

Kindern und Jugendlichen von 12 bis 17 Jahren soll jetzt eine Corona-Impfung angeboten werden. Die wichtigsten Fakten aus wissenschaftlicher Sicht.  mehr...

Rheinland-Pfalz

Aktuelle Informationen Zahl der Krankschreibungen wegen Covid-19 steigt wieder

Corona-Regeln, aktuelle Zahlen und alles rund ums Impfen: Die wichtigsten Entwicklungen zum Coronavirus in Rheinland-Pfalz finden Sie hier bei uns im Liveblog.  mehr...

STAND
AUTOR/IN
SWR