YouGov-Umfrage: Jeder Zweite in Deutschland würde sich gegen Corona impfen lasssen (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Christoph Soeder/dpa)

Interview mit Mainzer Mitglied der Impfkommission

Brauchen wir eine Impfpflicht gegen Corona, Herr Professor Zepp?

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Der Mainzer Mediziner Fred Zepp erklärt im Interview, ob es im Kampf gegen Corona eine Impfpflicht geben könnte, ob sie überhaupt sinnvoll wäre und warum das Thema Impfung oft so heftig diskutiert wird.

Professor Fred Zepp ist Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin an der Mainzer Unimedizin. Außerdem leitet er die AG Immunologie und Infektiologie. Seit 22 Jahren ist Zepp Mitglied der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut in Berlin.

SWR Aktuell: Herr Zepp, Gesundheitsminister Spahn hat eine Impfpflicht wegen Corona ausgeschlossen. Vor allem Kritiker der Corona-Maßnahmen befürchten, dass sie trotzdem kommen könnte. Was sagen Sie?

Prof. Fred Zepp: Eine Impfpflicht ist extrem unwahrscheinlich. Schon allein, weil es zunächst gar nicht genug Impfstoff geben wird, um alle Menschen zu impfen, wird man der Bevölkerung auch keine Pflicht auflasten können.

SWR Aktuell: Wäre sie denn medizinisch sinnvoll?

Zepp: Nein. Nehmen Sie die Masern. Hier wurde die Impfpflicht eingeführt, um einen Erreger, der zu vielen Todesfällen führte, vollständig auszurotten. Das funktioniert, weil das Virus nur bei Menschen Infektionen erzeugt. Schützt man möglichst alle durch Impfung, geht das Virus irgendwann weg. Aber Coronaviren, die aus dem Tierreich zu uns übergesprungen sind, können sich wie Grippeviren in vielen Tierarten vermehren und überleben. Den Zustand, dass keiner mehr erkrankt, den können wir auch mit einer Impfpflicht bei solchen Erregern nicht erreichen.

Professor Zepp von der Mainzer Uniklinik fordert, Kitas und Schulen wieder zu öffnen. (Foto: SWR)
Prof. Dr. Fred Zepp

SWR Aktuell: Sie sind Mitglied in der Ständigen Impfkommission. Gibt es Kollegen, die das anders sehen als Sie?

Zepp: Nein. In der Kommission ist eine Impfpflicht mit Blick auf Covid-19 überhaupt kein Thema.

SWR Aktuell: Wie leicht wäre denn eine Impfpflicht rechtlich umsetzbar?

Zepp: Die rechtlichen Hürden sind extrem hoch. Ziel einer Impfpflicht ist es, Herdenimmunität zu erreichen, also mehr als 95 Prozent aller Menschen zu schützen. Dazu müsste es aber zuerst einmal Impfstoffe geben, die eine so hohe Schutzrate erzeugen können. Ähnlich wie bei der Grippeimpfung ist das auch bei Corona-Impfstoffen kaum zu erwarten. Zudem werden mit der Zeit die Therapien für Erkrankte immer besser werden. Eine Impfpflicht sollte immer die letzte Option sein, wenn eine Seuche mit sehr hoher Sterblichkeit eine gesamte Population bedroht und keine anderen Schutzmöglichkeiten bestehen.

SWR Aktuell: Gab es dafür in der Geschichte schon mal ein Beispiel?

Zepp: Ja, 1874/75 wurde in Deutschland das Reichsimpfgesetz erlassen und aufgrund eines kaiserlichen Dekrets die Impfpflicht gegen Pocken eingeführt. In dieser Zeit kam es in Europa immer wieder zu Pocken-Epidemien, bei denen bis zu 30 Prozent der Betroffenen gestorben sind. Und es gab für die Erkrankten keine ausreichende medizinische Versorgung.

SWR Aktuell: Warum wird das Thema Impfpflicht oft so heftig und emotional geführt?

Zepp: Noch bis 1976 bestand in Deutschland die Pocken-Impfpflicht und Kinder wurden in Schulen ohne große Diskussion durch den öffentlichen Gesundheitsdienst geimpft. Das Programm war erfolgreich und 1980 wurde von der WHO die Ausrottung der Pocken festgestellt. Heute leben wir in einer anderen, aufgeklärteren Gesellschaft.

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SWR Aktuell: Wie macht sich diese bemerkbar?

Zepp: Etwa zwei Drittel der Bevölkerung vertrauen auch heute in Sachen Impfung einfach ihrem Haus- oder Kinderarzt. Dann gibt es vielleicht fünf Prozent harte Impfgegner, aus ideologischen Gründen oder weil sie glauben, dass es gar keine Viren gibt. Diese Gruppe kann man nicht überzeugen. Etwa 25 Prozent der Bevölkerung sind impfskeptische Menschen. Die sind nicht grundsätzlich gegen Impfungen, sie wollen einfach mehr wissen und solide Informationen haben. Diese Menschen gewinnen wir nicht mit einer Impfpflicht. Hier müssen wir unsere Anstrengungen verstärken, die Leute ansprechen und aufklären.

SWR Aktuell: Warum wird eine Impfung von einigen eher als Bedrohung denn als mögliche Rettung empfunden?

Zepp: Risiken werden von Menschen meist gefühlsmäßig eingeschätzt. Wenn wir eine Infektionskrankheit als Bedrohung empfinden, sind wir Menschen sehr offen für Schutzmaßnahmen, und die Impfbereitschaft ist dann sehr hoch. Ein erfolgreiches Impfprogramm führt irgendwann dazu, dass Krankheiten wie Masern oder Mumps nicht mehr oder nur sehr selten auftreten und die Bedrohung ist scheinbar nicht mehr vorhanden. Dann fragen sich viele: Braucht man die Impfung überhaupt noch, und das kleinste Risiko für Impf-Nebenwirkungen erscheint dann viel größer als die Bedrohung durch Krankheit.

SWR Aktuell: Der Mainzer Biontech-Chef Sahin, dessen Unternehmen ein heißer Kandidat für einen schnellen Impfstoff ist, würde sich diesen als erster spritzen lassen, wenn er könnte. Sie auch?

Zepp: Nun, da ich ein Stück weit über 60 bin, würde ich ihn nach einer Zulassung nehmen. Zwar sind die Phasen der Zulassungsprüfung viel schneller als üblich, aber bei den europäischen Kontrollbehörden ist die Sicherheit eines Impfstoffs immer noch bei Weitem das oberste Gebot.

SWR Aktuell: Wie wird die Verteilung des Impfstoffs am Ende aussehen?

Zepp: Diese Gedanken müssen sich Gesellschaft und Politik machen. Ich gehe davon aus, dass der Fokus zunächst auf Menschen mit Krankheitsrisiken wie hohem Alter oder chronischen Erkrankungen liegt. Dann könnte es um diejenigen gehen, die die Gesundheitsversorgung aufrechterhalten. Ich denke, dass in den ersten Monaten tatsächlich Impfzentren eingerichtet werden, mit denen man die Verteilung auch gut regeln kann.

Das Interview führte Oliver Nieder.

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