Ulla Fiebig, SWR Landessenderdirektorin Rheinland-Pfalz (Foto: SWR, ©SWR/Thomas Ernst)

Die neue SWR Landessenderdirektorin RLP im Interview

Ulla Fiebig: In Routinen verhaften ist nicht mein Ding

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Die neue SWR Landessenderdirektorin Rheinland-Pfalz, Ulla Fiebig, hat zum 1. Februar ihr Amt angetreten. Im Interview mit SWR Aktuell Online erklärt die 48-Jährige unter anderem, wie sie ihre neue Aufgabe angehen will, und dass sie sich eine gewisse Lässigkeit wünscht.

SWR Aktuell: Fußball-Profis werden gerne nach dem besonderen Moment gefragt, wie es so war, als der Bundestrainer angerufen hat, um den Spieler erstmals ins Nationalteam zu berufen. Wie war das, als SWR Intendant Kai Gniffke sich gemeldet und Ihnen den Posten als Landessenderdirektorin angeboten hat?

 Ulla Fiebig: Ja, das war auch ein sehr besonderer Moment, weil er mich auch in einer Phase ereilt hat, als ich gerade am Überlegen war: Was mache ich denn beruflich als nächstes? Bin ich nicht doch eher der Mensch, der in den Medien arbeitet, der für den Journalismus brennt, der gestalten möchte? Salopp gesagt, kam dieser Anruf wie gerufen. Es war für mich natürlich auch eine enorme Wertschätzung, dass Kai Gniffke mir auch gesagt hat: "Ich trau' dir das zu und ich möchte, dass du das machst."

Personalie Ulla Fiebig wird neue SWR Landessenderdirektorin Rheinland-Pfalz

Auf Vorschlag des SWR Intendanten Kai Gniffke hat der Landesrundfunkrat Rheinland-Pfalz Ulla Fiebig zur neuen Landessenderdirektorin Rheinland-Pfalz gewählt  mehr...

SWR Aktuell: Noch ein Sportvergleich: Ein Trainer- oder Managerwechsel nach 15 Jahren - da erwartet man in der Regel auch eine neue Spiel-Philosophie, eine neue Ausrichtung, neue Impulse. Was können die Mitarbeitenden am SWR Standort Mainz, aber auch die Zuschauer, Radiohörer und User der Online-Angebote von der neuen Direktorin erwarten? Kontinuität oder wird alles neu und anders?

Fiebig: Das möchte ich gar nicht so konkret beantworten. Natürlich bin ich eine andere Person als die vorherige Direktorin. Ich habe auch einen ganz anderen Werdegang, ich bin Journalistin, ich habe als Journalistin gearbeitet. Ich glaube, das ist ein entscheidender Punkt, den sicherlich auch die Kolleginnen und Kollegen im Haus spüren werden, dass ich immer noch sehr journalistisch ticke - bei allem, was ich als Managerin und als Direktorin etwa in Prozessen zu tun haben werde. Insofern wird deutlich werden, dass ich gerne in den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen über ihre journalistische Arbeit gehen möchte. Nicht um mich einzumischen, sondern um ins Gespräch zu kommen und vor allem auch, um Unterstützung zu geben, dass jeder das Gefühl hat, ich kann hier einen guten Job machen.

"Der Versuch, Menschen eben für Dinge zu begeistern, das ist etwas, was mich wirklich ausmacht."

Ich sehe mich als Journalistin und als jemanden, der auch Erfahrung hat im Prozess-Management und in Veränderungsprozessen, und als jemanden mit einer starken digitalen Leidenschaft. Das wird man sicherlich merken. Auch die Lust, Dinge zu bewegen. Nicht nur, um einfach in Bewegung zu sein, sondern um zu schauen, wo können wir besser werden. In Routinen zu verhaften, das ist nicht so mein Ding. Deswegen hoffe ich, dass ich den Landessender und die Kolleginnen und Kollegen einfach begeistern kann und dass wir für den SWR gemeinsam gute Dinge hinbekommen.

SWR Aktuell: Beschreibt das in etwa Ihren Führungsstil: Die Mitarbeitenden mitnehmen und begeistern zu wollen für neue Produkte, für neue Dinge?

Fiebig: Dieses Gemeinschaftliche zu organisieren, ja, das glaube ich, kann ich ganz gut und das macht mir ehrlich gesagt auch Spaß. Der Versuch, Menschen für Dinge zu begeistern, das ist etwas, was mich wirklich ausmacht. Und auf der anderen Seite habe ich auch klare Vorstellungen, was ich erreichen möchte, was ich für wichtig erachte und da bin ich auch jemand, der viel erwartet. Das wurde mir auch von meinen letzten Mitarbeitern bescheinigt, dass ich einen hohen Anspruch an mich selbst habe, aber eben auch an alle, mit denen ich arbeite. Ich glaube, das ist nicht das Schlechteste, wenn man mit einem gewissen Anspruch an die Sache rangeht und trotzdem auch mit einer gewissen Gelassenheit und auch die Freude nicht zu kurz kommen lässt.

SWR Aktuell: Simone Schelberg - Ihre Vorgängerin - hat gesagt, sie gehe mit der Gewissheit, einen gut aufgestellten Landessender zu übergeben: regional, multimedial, digital. Dieser Dreiklang ist meinem Empfinden nach zuletzt etwas verstummt, zugunsten von: digital, digital, digital. Befinden wir uns da in einer Schieflage oder hat der gesamte SWR und damit auch der Standort Mainz einen so großen digitalen Nachholbedarf?

Fiebig: Tja, das sind jetzt mehrere Fragen. Ich glaube, die Digitalisierung ist wichtig und der digitale Umbau ist wichtig und das hat inzwischen auch jeder verinnerlicht. Die Nutzer sind nun woanders, als sie das in den letzten Jahrzehnten waren, als sie ausschließlich unsere linearen Fernseh- und Hörfunkprogramme genutzt haben. Ich sehe Digitalisierung mit ihren Möglichkeiten wirklich als Chance, sich weiterzuentwickeln, zu überlegen, welche Formate funktionieren.

"Aber auch wenn ich jemand bin, der sehr digital tickt, habe ich trotzdem mit Leidenschaft selbst Fernsehen und Hörfunk gemacht und halte das auch nach wie vor für wichtig."

Für mich ist das kein Entweder-oder, sondern wir müssen für das lineare Programm im Hörfunk wie im Fernsehen nochmal die Stärken identifizieren, die es da gibt. Und wir müssen einen zeitgemäßen Look, ein Mindset entwickeln, aber auch Ereignisse schaffen wie Themenabende oder thematische Schwerpunkte.

Bis auf Weiteres ist es ein Nebeneinander und wir brauchen auch alles, auch die Kompetenzen der Kolleginnen und Kollegen, die jahrelang lineares Programm gemacht haben. Es ist ja nicht so, dass der Journalismus plötzlich neu erfunden wird, nur weil er in der digitalen Form präsentiert und ausgespielt wird oder weil andere Formate nötig werden. Das journalistische Handwerk, die Werte und Standards, die es dafür gibt, die sollten wir uns auch im Digitalen bewahren: Insofern keine Bange, dass ich jetzt nur auf ein Pferd setze.  

Dass jetzt erstmal der Nachhol- und Entwicklungsbedarf im Digitalen im Fokus steht, finde ich richtig und gut. Nichtsdestotrotz möchte ich demnächst auch eine Konsolidierung machen und wirklich sagen, wo machen wir weiter und was machen wir nicht mehr weiter. Dass wirklich alle ein klares, ein gutes Gefühl dafür haben, wo sind wir und wo geben wir unsere Kräfte rein und das dann aber richtig.

SWR Aktuell: Eine Zielvorgabe des SWR lautet künftig deutlich mehr junge Menschen zu erreichen - möglichst auf allen Ausspielwegen - also mit Fernsehen, Radio und Online. Welche SWR-Produkte für junge Leute in Rheinland-Pfalz sehen Sie dafür neben Instagram und dem Radiosender DASDING besonders geeignet? Oder müssen vor allem neue Angebote entwickelt werden?

Fiebig: Da ich gerade von der Konsolidierung gesprochen habe, möchte ich im Moment keine einzelnen Formate oder Produkte rausgreifen. Aber ganz grundsätzlich sollten wir überlegen: Wo erreichen wir junge Menschen denn im Alltag? Also nicht nur auf ihren Plattformen, sondern können wir nicht beispielsweise über gemeinsame journalistische Projekte mit Schulen an junge Menschen und ihre Alltagsfragen rankommen? Projekte, wie etwa gesellschaftliche Themen, die die Jugendlichen betreffen, bearbeiten und die sich dann im Programm wiederfinden. Sodass wir eine Brücke schaffen zwischen dem Alltagsleben vor Ort, wo der SWR sozusagen ein Partner ist und dem Programm, in dem sich die jungen Menschen dann auch wiederfinden. Das würde ich zumindest gern mal ausprobieren.

Ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn man uns als SWR und die Kolleginnen und Kollegen vor Ort kennenlernt, dass sich dann ein ganz anderer Zugang entwickelt, dass das auf unsere Produkte und unsere sonstigen Aktivitäten einen positiven Effekt haben kann. Das schwebt mir vor. Als regional verankerter Landessender nah an den Menschen zu sein und auch dranzubleiben, statt nur punktuell mal zu gucken, wenn gerade irgendwo was passiert, um ein Gefühl für diese Lebenswirklichkeit und diese Lebenswelt zu bekommen.

SWR Aktuell: Nach ihrer Wahl zur Landessenderdirektorin haben Sie gesagt: Es geht um zeitgemäße Angebote und Programme, die für die Menschen in Rheinland-Pfalz nützlich und ihnen auch wichtig sind, die sie gut finden. Was heißt für Sie zeitgemäß? Ist etwa das Fernsehangebot des SWR zeitgemäß, weil man auch die Fallers oder andere Sendungen online first schauen kann, also schon vorab über die Mediathek?

Fiebig: Ja, zeitgemäß ist natürlich, die Angebote dort abrufbar zu machen oder zu senden, wo die Menschen sie nutzen können. Das ist das eine. Das ist ja eher die Distributionsfrage und natürlich hängt damit oft auch die Formatfrage zusammen. Aber wenn ich jetzt nochmal über das lineare Programm sprechen darf - ich glaube, gerade da können wir uns etwas mehr Raum geben, mehr Ideen zulassen, Neues zu machen. Es ist manchmal einfach auch eine Frage der Verpackung und der Anmutung und der eigenen Haltung. Sind wir die Erklärer, sind wir die Lehrer oder wer sind wir?

"Und ich glaube, zeitgemäß ist natürlich auch, eine gewisse Lässigkeit zu haben."

Das sind Sachen, die ich gerne in diesem Selbstvergewisserungsprozess mal anschieben würde, dass wir unsere Rolle auch nochmal definieren. Ich glaube, wir müssen auch ein bisschen wegkommen von diesem: Wir sind hier der SWR, und da ist das Publikum. Dass man sich mehr als eine Gemeinschaft und als etwas Befruchtendes versteht. Und ich glaube, zeitgemäß ist natürlich auch, eine gewisse Lässigkeit zu haben.

Das heißt nicht, dass man nicht sachlich oder zutreffend berichtet, sondern es ist eine Art Haltung und Lebensstil. Ich kann das nicht anders beschreiben. Ich will jetzt kein hippes Fernsehen aus dem SWR machen. Das ist der SWR auch nicht und wir müssen auch gucken, was wollen unsere Zuschauer, aber so eine gewisse Lässigkeit ist eigentlich gar nicht so schlecht.

 SWR Aktuell: Wegen der Corona-Pandemie ist die Nähe zu den SWR-Kunden vor Ort seit zwei Jahren kaum möglich, weil im Grunde keine Veranstaltungen stattfinden. Wo und wie wollen wir als SWR künftig im Land wieder vorkommen und wieder sichtbar sein für die Menschen?

Fiebig: Das war schon eine Stärke vor Corona, dass wir unter anderem mit Musiksendungen und -festen im Land unterwegs waren. Das hat viele Leute angezogen. In die Richtung wird das hoffentlich wieder möglich sein, aber natürlich können wir uns auch ganz andere Sachen überlegen. Ich bin da völlig offen. Mir schwebt da auch ein bisschen was Cooleres vor. Die SWR1 Kolleginnen und Kollegen haben jetzt Bands aus der Region eine Radio-Bühne gegeben. Da könnte man überlegen, ob man das nicht auch ins Fernsehen oder ins Netz transferieren kann, vielleicht eine Art Contest daraus macht.

Man muss nicht immer alles neu erfinden, sondern man muss einfach nur die Dinge, die schon mal gut waren, adaptieren, weiterdenken und vielleicht auch gucken, was hat Rheinland-Pfalz da zu bieten. Ich bin jemand, der seine Rolle so sieht, Impulse zu geben und auch zu sagen, macht mal und denkt mal und dann gucken wir, was daraus wird. Und wenn es gut ist, machen wir es weiter und wenn es nicht gut ist, dann machen wir das halt nicht mehr. In so eine Aktivität zu kommen, das schwebt mir vor.

SWR Aktuell: Noch eine Corona-Begleiterscheinung: Kritiker der staatlichen Corona-Maßnahmen richten ihre Proteste auch gegen den SWR und die gesamte ARD. Zuletzt demonstrierten Menschen vor dem SWR-Gebäude in Stuttgart, weil sie mit der Berichterstattung über die Corona-Pandemie nicht einverstanden sind. Wie wollen Sie, der Landessender insgesamt, damit umgehen, dass Menschen an der unabhängigen Berichterstattung des SWR zweifeln?

Fiebig: Das ist total schwierig. Ich habe da natürlich kein Patentrezept. Gerade als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt sollten wir das Angebot zum Gespräch immer offen halten. Da muss aber auch von der anderen Seite das Interesse bestehen, sich überhaupt in ein Gespräch zu begeben. Aber die Argumente, die wir haben und das, was wir in unserer täglichen Arbeit machen und welchen Wert das auch für das alltägliche Leben hat, das sollten wir sehr selbstbewusst nach außen tragen.  

Wir sollten aber auch durchaus einräumen, wo auch wir Schwierigkeiten haben in dieser Pandemie und auch mal sagen, wenn etwas nicht gut gelaufen ist. Ich glaube, dass die Menschen das stärker schätzen, als wenn wir behaupten, was wir machen, ist immer alles richtig und toll.

SWR Aktuell: Sie selbst haben nun mehrere Jahre in Berlin im SPD-geführten Bundesfamilienministerium gearbeitet und wechseln nun von der politischen Seite wieder zurück zum SWR, in den Journalismus. Haben Sie da Bedenken, dass Ihre Unparteilichkeit in Frage gestellt werden könnte?

Fiebig: Es war mir klar, dass das zu Fragen führt. Das ist völlig in Ordnung. Ich kann nur sagen, dass ich mehr als 20 Jahre Journalistin war, bevor ich dann für drei Jahre ins Ministerium gegangen bin. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich jetzt nicht wieder Journalistin sein könnte. Im Gegenteil, ich habe auch relativ viel gelernt, was jetzt wertvoll sein wird. Dazu gehört auch ein Überblick, wie die Medien arbeiten. Sonst erlebt man als Journalist ja oft nur, wie im eigenen Haus gearbeitet wird.

Ich bin in keiner Partei, ich bin nicht in der SPD. Ich bin im Ministerium sehr darauf bedacht gewesen, dass ich mich da nicht in eine parteipolitische Richtung bewege. Ich habe Politik fachlicherseits kommuniziert. Ich sehe natürlich die Verantwortung, dieses Haus, diesen Landessender für den SWR an so einer hohen Stelle zu führen und deswegen werde ich das sehr bewusst und eben auch professionell machen.

SWR Aktuell: Seit Juli vergangenen Jahres steht fest, dass Sie neue Landessenderdirektorin werden. Viel Zeit, um sich eine erste To-Do-Liste zu basteln. Was steht denn da zum Start ganz oben auf der Liste?

Fiebig: Ab Tag 1 möchte ich in den Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen kommen. Da ist der Terminkalender für den Februar gefüllt. Das betrifft alle Redaktionen der Landessenderdirektion, natürlich auch die Studios. Da werde ich auch vorbeifahren - trotz der Pandemie. Dann habe ich natürlich inhaltliche Ideen und Dinge, die ich angehen möchte. Dass ich ein Konzept entwickeln lassen möchte, wie wir Qualitätssicherung und Standards für das journalistische Arbeiten im Alltag hinbekommen. Das ist ein wichtiger Aspekt. Dann ist der digitale Umbau etwas, was mich dann auch ständig betrifft.

SWR Aktuell: Dann wünsche ich Ihnen einen guten und erfolgreichen Start in den neuen Job.

Fiebig: Vielen Dank.

Das Interview führte SWR Redakteur Dirk Rodenkirch

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