Die Gedenkstätte Osthofen in Rheinland-Pfalz (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Uwe Anspach)

Gedenken an die Opfer der NS-Herrschaft

Ruppert-Kelly: Müssen Bezug zur aktuellen Lebenswirklichkeit herstellen

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Das Gedenken an die NS-Zeit verändert sich zunehmend, weil immer weniger Zeitzeugen berichten können. Martina Ruppert-Kelly von der Gedenkstätte KZ Osthofen sagt, es gibt andere Möglichkeiten der Erinnerung.

SWR Aktuell: Was bedeutet ein nationaler Tag des Gedenkens Ihnen, die sich jeden Tag mit dem Thema NS-Zeit beschäftigt?

Martina Ruppert-Kelly: Man hat sehr viel mediale Aufmerksamkeit an so einem Tag, mehr als im Rest des Jahres. Insofern bieten diese Gedenktage schon eine Chance, auf unsere Themen - die Beschäftigung mit der NS-Zeit, das Opfergedenken - aufmerksam zu machen. Wir verzeichnen rund um den Tag natürlich auch vermehrt Aktivitäten zum Beispiel in den Schulen, die sich dann intensiver mit einer Projektwoche oder einer Ausstellung mit dem Thema auseinandersetzen. Und diese Gedenktage sind natürlich auch eine gute Gelegenheit zur Vernetzung. Wir nehmen zum Beispiel an der Aktion "Lichter gegen Dunkelheit" teil. Dabei werden bundesweit Gedenkstätten illuminiert und Bilder davon auf Social Media gepostet.

SWR Aktuell: Das heißt, Sie würden sagen, es ist richtig, dass wir feste Daten haben, an denen wir bewusst gedenken?

Ruppert-Kelly: Ja, wir wünschen uns natürlich das ganze Jahr über Aufmerksamkeit, aber natürlich sind solche Gedenktage dann noch mal Hotspots, um das ganze in Gang zu bringen.

SWR Aktuell: Wie wird sich Erinnerung verändern, wenn es immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen gibt?

Ruppert-Kelly: Es wird das Gedenken mit Sicherheit verändern. Ich arbeite in der Gedenkstätte in Osthofen, die ein frühes Konzentrationslager war. Das heißt, wir sind es im Prinzip schon gewohnt: Uns stehen schon einige Jahre keine Zeitzeugen und -zeuginnen mehr zur Verfügung. Wir müssen andere Angebote schaffen, um das Thema weiterhin persönlich gestalten zu können. Wir versuchen auch immer Bezug zur aktuellen Lebenswelt herzustellen. Also mit Themen zu arbeiten, die beispielsweise Jugendliche in ihrem Alltag nachvollziehen können.

Was immer sehr gut funktioniert ist Regionalität - dass man sich mit der Geschichte vor Ort beschäftigt und man es dadurch eben direkter und plastischer macht. Und natürlich bieten auch die modernen Medien viele Möglichkeiten, Zeitzeugen und Zeitzeuginnen erlebbar zu machen, auch wenn sie nicht mehr am Leben sind. Da muss man allerdings vorsichtig sein: Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch immer so gut. Generell muss sich das Gedenken ändern und auch diese Feierlichkeiten werden sich irgendwann ändern.

SWR Aktuell: Ist das auch eine Chance, wegzukommen von den persönlichen Geschichten, hin zu einer generellen Würdigung des Themas?

Ruppert-Kelly: Ja natürlich, so lange Zeitzeuginnen und Zeitzeugen am Leben waren und sind, ist das natürlich eine gute Möglichkeit, sie zu befragen und ihre Geschichten in den Mittelpunkt zu nehmen. Wenn das nicht mehr gegeben ist, kann man das Thema auf eine generelle Ebene stellen und sich vielleicht auch noch mal mit anderen Themen intensiver beschäftigen. So ist beispielsweise die Täter-Forschung vermehrt in den Blickpunkt geraten. Man hat sich auch in den vergangenen Jahren vermehrt mit dem Verhalten der Mehrheitsgesellschaft im Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Das sind Entwicklungen, die sicherlich damit zu tun haben, dass Zeitzeugen, also Opfer, nicht mehr so präsent sind.

"Wir sehen uns wirklich konfrontiert mit der Vereinnahmung der NS-Geschichte durch diese Querdenker- und Montagsspaziergangsbewegung."

SWR Aktuell: Welche Herausforderungen und Chancen sehen Sie generell im Gedenken in der aktuellen Zeit?

Ruppert-Kelly: Die aktuelle Zeit ist tatsächlich sehr herausfordernd durch die Corona-Situation. Wir sehen uns wirklich konfrontiert mit der Vereinnahmung der NS-Geschichte durch diese Querdenker- und Montagsspaziergangsbewegungen. Wir haben in den letzten Monaten viele unschöne Vergleiche mit Dingen aus der NS-Zeit gehabt - mit Sophie Scholl, mit Anne Frank. Es gab sehr unschöne Bilder mit Menschen, die mit gelben Sternen herumgelaufen sind, wo "ungeimpft" draufstand. Da sehe ich eine Herausforderung auch wirklich ganz klar zu kommunizieren, dass diese Vergleiche unzulässig sind.

Ein Porträt von Martina Ruppert-Kelly (Foto: Martina Rupppert-Kelly)
Martina Ruppert-Kelly leitet seit 2010 den pädagogischen Dienst der Gedenkstätte. Martina Rupppert-Kelly

SWR Aktuell: Gerade im Hinblick auf die jungen Generationen gibt es immer weniger direkten Bezug zu Tätern und Opfern. Was muss getan werden, um bei ihnen das Gedenken hochzuhalten?

Ruppert-Kelly: Das ist tatsächlich das, was ich vorhin gemeint habe: Wir müssen das Thema Nationalsozialismus andocken an die Lebenswirklichkeit der Menschen heute. Also: Was hat dieses Thema heute noch mit mir zu tun? Da ist diese aktuelle Diskussion vielleicht gar nicht verkehrt, um das Thema noch einmal aufzugreifen. In Osthofen geht es zum Beispiel darum, wie schnell eine Demokratie aufgelöst werden kann, wie diese Mechanismen funktionieren. Man muss es in das Hier und Jetzt bringen. Das war auch den Zeitzeugen und -zeuginnen immer ganz wichtig. Die, die ich kennengelernt habe, denen ging es nicht darum, nur ihre Geschichte zu erzählen, sondern dass gerade junge Menschen daraus Konsequenzen für ihr eigenes Leben ziehen.

Das Interview führte SWR Aktuell-Redakteurin Rafaela Rübsamen

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