STAND

Mit den galoppierenden Infektionszahlen steigt die Zahl der Covid-19-Patienten, die auf die Intensivstation müssen. Pfleger im Land fürchten, dass sie ihre Patienten nicht mehr adäquat versorgen können - mit schwerwiegenden Folgen.

Video herunterladen (12,2 MB | MP4)

Aktuell liegen in Rheinland-Pfalz mehr als 50 Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung auf einer Intensivstation, 43 von ihnen müssen beatmet werden. In ganz Deutschland sind es mehr als 1.600 Menschen, von denen gut 800 beatmet werden müssen.

Die Zahlen allein sind noch nicht besorgniserregend. Und anders als zu Beginn der Pandemie im Frühjahr fehlt es heute nicht mehr an Intensivbetten, Masken oder Beatmungsgeräten. Es ist die dünne Personaldecke, die manch einem heute genau wie vor sechs Monaten Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Hinzu kommt die aktuell rasante Entwicklung der Infektionen und schweren Erkrankungen.

Covid-Patienten brauchen 1:1-Betreuung

"Durch die Covid-Situation ist für uns deutlich geworden, dass sehr viel Personal fehlt. Wir brauchen für Covid-Patienten weitaus mehr Personal, weil sie in einer 1:1-Betreuung versorgt werden", erklärt Veith Stahlheber, der als Intensivpfleger an der Uniklinik Mainz arbeitet. Im Umkehrschluss würden damit die übrigen Patienten von weniger Pflegern betreut und das wirke sich ganz klar ungünstig auf die Versorgung der Patienten aus.

Ein Beatmungsgerät neben einem Bett auf einer Intensivstation (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp)
"Die Beatmung von Patienten muss laufend überwacht werden - Pflege auf der Intensivstation ist nicht nur mal eben waschen und mit Essen versorgen", sagt Pfleger Hampel. picture alliance/Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dp

Die Pandemie macht wie ein Mikroskop die seit Jahren angespannte Personalsituation in der Pflege überdeutlich sichtbar. "Schon ohne Covid haben wir durch Ausfälle bedingt Betten-Sperrungen auf Intensivstationen", sagt Klaus Hampl, der seit vielen Jahren als Intensivpfleger arbeitet. Sein Kollege Stahlheber rechnet damit, dass die Belastung enorm steigen wird, wenn die Patientenzahlen stark steigen. "Dann müssen Kollegen aus dem Frei kommen, es steht auch im Raum, dass die Arbeitszeit verlängert wird auf 12 Stunden." Das sei ein Riesenproblem.

Pflegepersonaluntergrenze könnte erneut aufgehoben werden

Doch wie viele Intensivpatienten muss ein Pfleger versorgen? Die Pfleger im Land treibt die Sorge um, dass die so genannte Pflegepersonaluntergrenzeregelung - wie im Frühjahr schon einmal geschehen - aufgehoben wird. Bislang sieht diese nach Angaben des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums vor, dass am Tag auf Intensivstationen mit nicht weniger als einer Pflegekraft für 2,5 Patienten kalkuliert werden darf.

Eine Befürchtung, die offenbar berechtigt ist. Im Gespräch mit dem SWR-Politikmagazin Zur Sache Rheinland-Pfalz sagt Gesundheitsministerin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD): "Ich glaube, dass die Untergrenze nochmal ausgesetzt werden muss, aber nicht auf Dauer, sondern für einen Übergangszeitraum." Das bedeute aber nicht, dass man in ein Betreuungsverhältnis von 1:3 oder gar 1:4 komme, denn es werde zusätzliches Personal auf die Stationen kommen, das den Pflegern auf den Intensivstationen unterstützend zur Hand geht. Zudem ist es laut Bundesgesundheitsministerium derzeit ohnehin möglich, aufgrund regional steigender Fallzahlen bei epidemiologischen Lagen von den Untergrenzen abzuweichen.

Die Intensivpfleger haben Bedenken. "Man muss die Situation bewältigen. Wenn man aber nur noch mit Hilfskräften oder mit zu wenig fachlichem Personal arbeitet, hat das Konsequenzen für den Patienten, das ist unweigerlich", sagt Stahlheber. Wenn die Situation durch steigende Patientenzahlen sehr schwierig wird, dann werde man die Patienten nicht adäquat versorgen können. Im schlimmsten Fall könne das zum Tod führen.

1.000 Medizinstudenten sollen im Notfall aushelfen

"Personal ist immer knapp, wir haben aber die Zeit genutzt. Es haben sich fast 1.000 Pflegende im Umgang mit Corona-Patienten schulen lassen", sagt der medizinische Vorstand der Uniklinik Mainz, Prof. Norbert Pfeiffer. Außerdem habe man einen Pool von über 1.000 Medizinstudenten, die im Notfall aushelfen könnten.

Das Gesundheitsministerium spricht von landesweit 2.149 Pflegefachkräften, die eine Kurz-Qualifizierung Intensivpflege bekommen oder am Auffrischungskurs für ehemalige Intensivpflegefachkräfte teilgenommen hätten.

Ein Intensivpfleger hält die Hand eines Corona-Patienten. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/Dirk Waem/BELGA/dpa)
picture alliance/Dirk Waem/BELGA/dpa

Intensivpflege braucht intensive Ausbildung

Doch ob das reicht? Selbst Intensivpfleger, die eine Zeit lang in anderen Bereichen tätig waren, trauen sich eine Rückkehr nicht zu. "Für einen Intensivpatienten braucht man entsprechende Qualifikation, praktische Erfahrung und Know-How", so der Intensivpfleger Stahlheber. Die reguläre Ausbildung zum Intensivpfleger sei nichts, was man eben mal nebenbei lernen kann. Das sei eine mehrjährige Zusatzausbildung, die es in sich habe, sagt Pfleger Hampl. "Ein Pilot, der ein Wochenendseminar macht und der dann eine große Maschine fliegen soll - das wird nicht funktionieren. Und so ist es in der Pflege auch", so Stahlheber.

Nach neuen Kollegen auf der Intensivstation müsse man gucken, die müsse man an die Hand nehmen. Hampl ist skeptisch, ob Hilfskräfte auf einer Intensivstation eine Entlastung sein können. Gleichzeitig die Patienten zuverlässig versorgen und die Hilfskräfte betreuen, das sei problematisch.

Kollaps der Intensivstationen nicht ausgeschlossen


Man müsse alles tun, um erst gar nicht in die Überlastungssituation hineinzukommen, sagt Uniklinik-Vorstand Pfeiffer. Es gebe Notkapazitäten, man könne die Zahl der Intensivbetten fast verdoppeln. Aber : "Das würde heißen, dass wir dann kaum noch reguläre Operationen machen könnten." In Mainz seien die Kapazitäten so erweitert worden, dass 150 Intensivpatienten gleichzeitig behandelt werden könnten - aber auf Kosten eben der weiteren Medizin. Auch Notfallmedizin könne dann kaum noch zur Verfügung gestellt werden. Irgendwann sei jede Ressource und auch das letzte Intensivbett verbraucht. Und es gebe nicht beliebig viele Pfleger, so Pfeiffer.

Bislang sind die Szenarien von überlasteten Intensivstationen und Pflegern sowie leidtragenden Patienten noch mit vielen "Wenns" behaftet. Klar ist aber auch: Explodieren die Zahlen weiter, kann nicht mehr gegengesteuert werden. Nur wenn die Infektionswelle gebrochen wird, bleibt die Situation in den Krankenhäusern kontrollierbar. Zumindest darin sind sich alle einig.

Medizin Coronavirus - Hat Deutschland genügend Intensivbetten?

Wann kommen die Krankenhäuser im Kampf gegen das neue Coronavirus an ihre Grenzen? Ein neues Melderegister soll die aktuell verfügbaren Intensivbetten für akute Covid-19-Fälle anzeigen.  mehr...

Interview mit Prof. Günter Layer, Klinikum Ludwigshafen Corona-Fälle am Klinikum Ludwigshafen: "Innerhalb einer Woche explodiert"

Die zweite Coronawelle hat das Klinikum in Ludwigshafen erreicht: Im Testzentrum sind zehn Prozent der Abstriche positiv, mehrere Klinik-Mitarbeiter sind in Quarantäne. Die Corona-Station im Haus wird voller. Wie das Klinikum mit der Lage umgeht, erklärt Prof. Günter Layer im Interview.  mehr...

Bundestagsrede zur Corona-Bekämpfung Dreyer: "Große Kraftanstrengung erforderlich"

In ihrer Rede im Deutschen Bundestag hat die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Dreyer die von Bund und Ländern beschlossenen Corona-Maßnahmen erneut verteidigt. Der entscheidende Schlüssel sei das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger.  mehr...

"Vor uns liegen schwierige Wintermonate" Dreyer verteidigt Corona-Maßnahmen

Auch auf die Rheinland-Pfälzer kommen im November wegen der Corona-Pandemie weitere Einschränkungen zu. Öffentliche Treffen werden begrenzt und Gaststätten geschlossen.  mehr...

Neuer Corona-Lockdown? Online-Simulator: Neuinfektionen bis Wochenende bei 20.000

Maßnahmen gegen die hochschnellenden Ansteckungszahlen jetzt, fordert Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie der Universität des Saarlandes. Er berechnet Corona-Zahlen anhand eines eigens entwickelten Online-Simulators.  mehr...

Aktuelle Lage im Land Live-Blog zum Coronavirus in Rheinland-Pfalz - Impfzentrum Trier am 15.12. startklar

Das Coronavirus bestimmt weiter das öffentliche Leben in Rheinland-Pfalz. Seit Anfang November gelten wieder erhebliche Einschränkungen - die Zahl der Neuinfektionen liegt teils höher als im Frühjahr. Die aktuellen Entwicklung hier im Blog.  mehr...

STAND
AUTOR/IN