Boxen mit verschiedenen Gemüsen stehen auf einem Bioland-Hof zum Verkauf. In Hofläden und Bio-Supermärkten macht sich die Inflation bemerkbar. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Lino Mirgeler)

Teure Lebensmittel

Führt die Inflation zu einem Ende des Bio-Booms?

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Fridolin Skala
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Seit Monaten steigen die Lebensmittelpreise. Das betrifft das konventionelle Sortiment, aber auch die ohnehin teureren Bio-Produkte. Führt das zu einem Ende des Bio-Booms?

Aufgrund der gestiegenen Lebenshaltungskosten muss sich laut dem aktuellen ARD-Deutschlandtrend die Hälfte der Deutschen stark einschränken. Diese Zurückhaltung macht sich mittlerweile auch beim Lebensmitteleinkauf bemerkbar. Über Discounter, Supermärkte und kleinere Fachgeschäfte hinweg ging den Daten des Statistischen Bundesamtes zufolge der Umsatz im April um 6,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat zurück.

Kaufen die Menschen weniger Bio-Produkte?

Dass davon der in der Regel höherpreisige Bio-Lebensmittelbereich besonders stark betroffen ist, kann Peter Röhrig nicht erkennen. Der Geschäftsführer des Bio-Verbandes Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) sagt: "Die Zahlen aus dem ersten Quartal des Jahres zeigen, dass der Umsatzrückgang im Bio-Bereich des Lebensmitteleinzelhandels sogar leicht unter dem der konventionellen Produkte liegt."

Einen Teil des Rückgangs erklärt er damit, dass die Leute mit der Aufhebung der meisten Corona-Beschränkungen wieder vermehrt außer Haus essen und somit generell weniger (Bio-)Lebensmittel für das Kochen zu Hause einkaufen als noch 2020. Dazu komme, dass die Kunden vor den Regalen eher zu den etwas günstigeren Bio-Eigenmarken der Händler griffen als zu den etablierten Bio-Marken, so Röhrig.

Discounter werden zum Bio-Hotspot

Der Anbauverband Bioland, der seine Zentrale in Mainz hat, bemerkt sogar eine generelle Verschiebung vom Naturkostfachhandel hin zum Einkauf von Bio-Lebensmitteln in den Discountern.

Das bestätigt auch der Discount-Riese Aldi Süd. Auf SWR -Anfrage heißt es vom Unternehmen: "Wir verzeichnen eine gestiegene Nachfrage unserer Kunden nach Bio-Produkten und das, obwohl diese Nachfrage im Lebensmitteleinzelhandel in unserem Vertriebsgebiet verglichen zum Vorjahr zurückgeht."

Weniger Preisschwankungen bei Bio-Lebensmitteln

Dass es im Bio-Bereich bislang zu keinem dramatischen Umsatzeinbruch kommt, erklären die Verbände auch damit, dass die Preise von Bio-Produkten vergleichsweise konstant seien. Die Geschäftsführerin des Bundesverbands Naturkost und Naturwaren (BNN), Kathrin Jäckel, sagt sogar: "In bestimmten Bereichen, wie zum Beispiel bei Milch und Butter, sind konventionelle Produkte teils auch schon teurer als Bio-Lebensmittel."

Ein Grund für die Preisschwankungen bei konventionellen Lebensmitteln: Bei ihrer Herstellung sind die Kosten für chemisch-synthetische Pestizide und für die energieintensive Herstellung künstlicher Dünger extrem gestiegen. Da diese bei der Produktion von Bio-Lebensmitteln nicht zum Einsatz kämen, sei Bio zumindest von diesen Preissteigerungen unabhängig, erklärt Jäckel.

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Situation bei Bio-Höfen in Rheinland-Pfalz

Diesen Vorteil sieht auch Markus Reisle vom Gerbachhof im Donnersbergkreis. Der Bio-Bauer sagt, dass er bei seiner Betriebsgröße von 65 Hektar - konservativ gerechnet - allein durch den Verzicht auf Stickstoff-Dünger die Kosten für knapp 10.000 Liter Öläquivalent einsparen könne.

Trotzdem setzt auch ihm und den Mitbetreiberinnen und -betreibern des Bio-Hofs die Inflation zu. "Wir merken das natürlich beim Diesel für den Traktor, aber auch bei den Produkten, die wir für den Hofladen zukaufen, zum Beispiel bei Backwaren und Molkereiprodukten", berichtet er. Bei den eigenen Produkten wie Eiern und Getreide hätten die Preise bislang aber noch nicht erhöht werden müssen und noch mache der Hofladen - anders als der mancher Kollegen - auch keine Verluste.

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Eine Preiserhöhung hat sich auch Meike Jaschok verkniffen - vorerst. Die Demeter-Landwirtin betreibt einen Hof mit Käserei im Hunsrück und sagt: "Ich hatte schon die neue Preisliste ausgedruckt. Wir hätten eigentlich schon vor dem Krieg die Preise anpassen müssen. Aber als dann doch spürbar war, dass die Leute Schwierigkeiten damit haben, das Geld auszugeben, haben wir das noch mal hinten angestellt. Wir wollen das jetzt ein bisschen durchhalten."

Anders sieht es bei Kerstin Doppstadt am Albertshof im Westerwaldkreis aus. Sie hat im vergangenen Monat die Preise im Hofladen anheben müssen, nachdem die Kosten für die zugekauften Produkte an einigen Stellen stark angezogen sind. Vor allem hätten sich aber die Kraftstoff- und Stromkosten am Hof immens erhöht, so die Bio-Landwirtin. "Ich bezahle im Moment alle zwei Wochen Diesel-Rechnungen von mehr als 2.000 Euro und wir verbrauchen mit dem Kuhstall und der Melkanlage so viel Strom in einem Monat, wie ein Einfamilienhaus im ganzen Jahr", berichtet sie.

Noch hat die Preiserhöhung bei ihr in Rennerod keine Kunden abgeschreckt. "In einen Hofladen auf dem Land kommen aber auch Menschen, die das aus Überzeugung tun und sich das meist auch leisten können", sagt sie. Und für die wenigen Kunden, die tatsächlich nach jedem Cent gucken müssten, gäbe es auch immer eine Lösung.

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