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Die Impfungen in Rheinland-Pfalz kommen nur recht langsam voran. Denn die 32 Impfzentren im Land sind an die strikte Einhaltung der Priorisierung gebunden. Ginge es schneller, wenn die Arztpraxen flächendeckend ins Spiel kommen? Oder sind diese schon jetzt überlastet?

Seit Anfang April können sich Hausärzte in Rheinland-Pfalz flächendeckend für eine Mitwirkung bei den Corona-Impfungen registrieren lassen. Ärztevertreter äußerten sich anfangs optimistisch, was den Fortschritt der Impfungen anbetrifft. Haben sich die Prognosen bestätigt, oder kommt es in den Praxen zum Impfstau? Sind die Ärzte überlastet, oder können sie sich noch ausreichend um die anderen Erkrankungen bei ihren Patienten kümmern?

Kassenärztliche Vereinigung sieht Mehrbelastung

Die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Rheinland-Pfalz hat nach eigenen Angaben bislang nur vereinzelte Rückmeldungen von ihren Mitgliedern. Wie Pressesprecher Rainer Saurwein dem SWR mitteilte, ist die "Mehrbelastung erheblich". Großer Aufwand entstehe allein schon durch den Bestellvorgang bei den Apotheken. Die Bestellung pro Woche müsse bis Dienstagnachmittag bei den Apotheken eintreffen, erst im Lauf der Woche erführen die Ärzte dann, wie viel Impfstoff sie erhalten.

Saurwein: Honorarsatz nicht kostendeckend

Zudem kritisierte Saurwein den Honorarsatz pro Patient oder Patientin von 20 Euro als nicht kostendeckend. Er forderte 35 Euro als Minimum, um auch die Mitarbeitenden in den Praxen angemessen honorieren zu können. Dennoch sprach sich Saurwein auf Nachfrage dafür aus, die Impfungen aus den 32 Impfzentren im Land in die Hausarztpraxen zu verlagern. Die Kapazitäten seien vorhanden, die Praxen seien näher am Wohnort der Impflinge und diese seien froh, sich von ihrem Arzt oder ihrer Ärztin beraten lassen zu können.

Liefermenge hängt von Zahl der bestellenden Praxen ab

Die tatsächliche Liefermenge pro Ärztin und Arzt hängt von der Anzahl der bestellenden Praxen insgesamt ab. Es soll nach Angaben der KV jedoch sichergestellt sein, dass jede Ärztin und jeder Arzt mindestens 18 bis 24 Dosen pro Woche von Biontech/Pfizer erhält. Die maximale Bestellmenge je Ärztin beziehungsweise Arzt, die wöchentlich bekanntgegeben wird, umfasst insgesamt die Impfstoffdosen für Erst- und Zweitimpfungen.

Um die Effektivität der Impfstoffe zu gewährleisten und gleichzeitig so viele Menschen wie möglich mit einer ersten Impfdosis zu versorgen, liegen nach der aktuellen Impfverordnung zwischen Erst- und Zweitimpfung bei Biontech/Pfizer und Moderna sechs Wochen und bei Astrazeneca zwölf Wochen. Bei Johnson & Johnson ist nur eine Impfgabe erforderlich. Das Bundesgesundheitsministerium informiert, welche Mengen im Mai und Juni an Haus-und Betriebsärzte geliefert werden sollen.

Lieferprognose für Hausarztpraxen und Betriebsärzte (Stand 30.04.2021)

Quelle: Bundesgesundheitsministerium (Foto: Bundesgesundheitsministerium)
Quelle: Bundesgesundheitsministerium Bundesgesundheitsministerium

Haus- und Betriebsärzte werden künftig stärker beliefert

Wie viel Impfstoff welches Herstellers im Mai und Juni an die Impfzentren gehen sollen, veranschaulicht eine weitere Tabelle des Bundesgesundheitsministeriums. Klar ist, Biontech/Pfizer liegt weit vorn. Insgesamt sollen die 32 Impfzentren in Reinland-Pfalz 487.000 Impfdosen im Mai und knapp 610.000 Impfdosen im Juni erhalten. Hausärzte und Betriebsärzte sollen künftig stärker beliefert werden. Allerdings liegen für Astrazeneca für den Juni und für andere Hersteller generell keine Prognosen vor (siehe Tabelle oben). Der Impfstoff von Curevac (Tübingen) ist noch im Zulassungsverfahren.

Rund 250.000 Menschen seit Ostern in Hausarztpraxen geimpft

Nach Angaben des Hausärzteverbandes (HÄV) Rheinland-Pfalz wurden seit 6. April in Rheinland-Pfalz knapp 248.000 Menschen in Praxen gegen Corona geimpft, davon rund 76.000 Menschen unter 60 Jahren und etwa 172.000, die älter als 60 Jahre waren (Stand. 2. Mai 2021). Welchen Priorsierungsgruppen diese Patienten angehören, werde statistisch nicht erfasst, teilt der HÄV weiter mit.

Unter den Geimpften hätten ca. 6.200 Menschen bereits ihre Zweitimpfungen erhalten. Einige hätten ihre Erstimpfung im Impfzentrum bekommen, hätten dann aber ihren zweiten Termin dort nicht wahrnehmen können. Bei anderen sei eine vorausgegangene Covid-19-Erkrankung nachgewiesen worden. In diesen Fällen werde die Impfung als Zweitimpfung gewertet, weil schon durch die Erkrankung ein gewisser Immunschutz erreicht worden sei. Der Großteil der Zweitimpfungen werde in zwei Wochen beginnen. Dann seien sechs Wochen vergangen, seit die ersten Patienten ihre Erstimpfung in den Praxen bekommen hätten, hieß es.

1.893 Arztpraxen verimpften den Angaben zufolge beide verfügbaren Impfstoffe. Zirka 25.000 Menschen (10 Prozent) seien mit dem Vakzin des schwedisch-britischen Hersteller Astrazeneca geimpft worden, knapp 225.000 mit dem von Biontech/Pfizer. Der Impfstoff von Astrazenca sei aber nur in zwei von vier Wochen in diesem Impfzeitraum seit Ostern angeliefert worden. Wie viele Menschen insgesamt in Rheinland-Pfalz und in den anderen Bundesländern bereits ihre Erst- und Zweitimpfung erhalten haben, zeigt diese Karte der SWR-Datenjournalisten. Sie wird täglich aktualisiert.

Hausärzte leisten Überstunden

Die Bitburger Ärztin Dr. Heidi Weber berichtet, dass der organisatorische Mehraufwand für die Corona-Impfungen enorm sei. Allerdings habe man genügend Erfahrung durch die jährlichen Grippe-Impfungen. So gebe es in ihrer Praxis zwei Impfstraßen mit jeweils zwei Impfzimmern und einem Wartezimmer. Andere ihr bekannte Praxen böten täglich eigene Impfsprechstunden parallel zur regulären Sprechstunde an oder arbeiteten zusätzlich an Samstagen und Abenden sowie in den Mittagspausen. Nur dadurch gelinge es, auch den regulären Praxisbetrieb für die Patienten aufrecht zu erhalten.

Patienten vertrauen ihren Ärzten bei Impfung

Die meisten Patienten vertrauten ihren Ärzten nicht nur bei Therapie und Diagnostik, sondern auch beim Impfen, sagt Weber. Meist fragten sie nicht einmal, welchen Impfstoff sie bekämen. Täglich würden die verimpften Mengen an die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) gemeldet - aufgesplittet nach Impfstoff, Erst- und Zweitimpfung und dem Alter der Patienten. Problematisch sei beim Biontech-Impfstoff die kürzere Lagerungszeit. Was geliefert werde, müsse innerhalb einer Woche unter Beachtung der Priorisierungs-Reihenfolge verimpft werden. In Einzelfällen erlaubt das Bundesgesundheitsministerium auch, von den Priorisierungen abzuweichen, wenn dies für eine effiziente Organisation der Impfungen nötig ist oder wenn Impfstoffe zu verfallen drohen.

Auch beim Facharzt darf man sich impfen lassen

In Deutschland können auch Fachärzte gegen Corona impfen. Dazu gehören etwa Gynäkologen. Auch Augenärzte dürfen impfen, sind aber natürlich bei etwaigen Vorerkrankungen ihrer Patienten auf deren korrekte Angaben angewiesen. Nach einem Bericht des Ärzteblatts beteiligen sich daran aktuell bundesweit rund 40.000 Praxen. Für Rheinland-Pfalz liegen hier keine konkreten Zahlen vor.

Der Wormser Augenarzt Dr. Gregor Hirschbiel sagte auf Anfrage, dass viele ältere Patienten in seiner Praxis schon geimpft worden seien. Jetzt kämen auch Angehörige von Risikogruppen und Menschen aus Berufen der kritischen Infrastruktur sowie deren Angehörige an die Reihe. Wer geimpft werden wolle, könne sich auf eine Warteliste setzen lassen. Die Impfberechtigung müsse nachgewiesen werden - etwa durch eine Bescheinigung des Arbeitgebers.

Bundesvereinigung der Kassenärzte warnt vor Engpässen bei Biontech/Pfizer

Die KBV warnt vor einem Stopp der Erstimpfungen mit Biontech in den Praxen. "Die vom Bundesgesundheitsministerium für Mai angekündigten Mengen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer reichen nicht aus, um damit ab Mitte des Monats Erstimpfungen in nennenswertem Umfang in den Praxen durchführen zu können", erklärte KBV-Chef Andreas Gassen in einer Mitteilung an die Praxen, die der "Rheinischen Post" (Ausgabe 3. Mai) vorliegt.

"Grund hierfür ist, dass ab diesem Zeitpunkt die erforderlichen Zweitimpfungen mit diesem Impfstoff erfolgen.“ Gassen forderte die Politik auf, "endlich dafür zu sorgen, dass die Praxen genügend Impfstoff erhalten“.

Misstrauen gegen Astrazeneca

Hausärzte im Nachbarland Baden-Württemberg melden unterdessen massive Probleme beim Impfen des Wirkstoffes des britisch-schwedischen Konzerns Astrazeneca. "Wir diskutieren uns mit den Patienten dumm und dusselig", erklärt Nicola Buhlinger-Göpfarth vom Landesvorstand des Hausärzteverbandes. "Viele Praxen bekommen den Impfstoff wenn überhaupt nur mit maximalem Zeitaufwand an die Patienten." Das koste Zeit, die die Hausärzte nicht bezahlt bekämen, so die Pforzheimer Ärztin weiter. Als Reaktion will Buhlinger-Göpfarth nun an diesem Mittwoch vor einem Pforzheimer Supermarkt rund 250 Dosen Astrazeneca verimpfen, die in ihrer Sprechstunde keine Abnehmer fanden.

Zu einem ähnliche Ergebnis kam auch eine bundesweite Studie der Universität Koblenz. Am beliebtesten ist danach der Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und seines US-amerikanischen Partners Pfizer. Der Impfstoff von Astrazeneca war bei den Befragten noch unbeliebter als der russische Sputnik V. Hintergrund sind Berichte über seltene Fälle von Hirnvenen-Thrombosen vor allem bei jüngeren Frauen in zeitlichem Zusammenhang mit der Impfung. Eine unmittelbare Kausalität zwischen Impfung und Thrombose ist allerdings bislang nicht belegt.

In Hessen impfen auch schon Betriebsärzte - in Rheinland-Pfalz ab Juni

Gut einen Monat vor dem geplanten bundesweiten Start haben am 3. Mai in Hessen erste Impfungen gegen das Coronavirus durch Betriebsärzte begonnen. Es handelt sich um ein Pilotverfahren in vier größeren Pharmafirmen, wie Innenminister Peter Beuth (CDU) und Sozialminister Kai Klose (Grüne) in Wiesbaden mitteilten. Konkret nehmen daran die Firmen Merck in Darmstadt, Sanofi-Aventis in Frankfurt, B. Braun in Melsungen und Pharmaserv in Marburg teil. Dafür wurden den Angaben zufolge rund 10.000 Impfdosen zur Verfügung gestellt.

Spätestens ab 7. Juni sollen auch Betriebsärzte in Rheinland-Pfalz ins Impfgeschehen eingreifen. Die Bereitschaft in der rheinland-pfälzischen Wirtschaft ist nach einer Umfrage der Industrie- und Handelskammern sehr groß. In vielen rheinland-pfälzischen Unternehmen steht beim Thema Corona-Impfung die Ampel auf Grün. Beim Pharmakonzern Boehringer-Ingelheim heißt es: "Von uns aus kann es morgen losgehen." Am Hauptsitz in Ingelheim sei alles für den Impfstart vorbereitet, sagte Unternehmenssprecher Matthias Reinig. Ähnlich sieht es auch bei Schott in Mainz aus.

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