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Hat die Impfpriorisierung ausgedient? Medizinethiker Norbert Paul will die festgelegte Reihenfolge noch nicht über Bord werfen - aber an der Auffrischung müsse gearbeitet werden, tagtäglich.

SWR Aktuell: Die Impfpriorisierung wurde geschaffen, weil es zunächst extrem wenig Impfstoff gab und man sicherstellen wollte, dass die vulnerablen über 80-Jährigen zuerst geimpft werden. Klare Vorgabe, klare Umsetzung. Diese Klarheit fehlt mittlerweile an vielen Stellen - Ist es Zeit, die Priorisierung über Bord zu werfen oder zumindest aufzufrischen?

Prof. Norbert Paul: Für mich als Ethiker ist absehbar, dass das passieren wird, aber noch ist es zu früh. Zum einen weil wir noch nicht genug Impfstoff haben. Wir wissen auch jetzt noch nicht, wie viel wir in Rheinland-Pfalz Ende Mai haben werden. Zum anderen haben wir noch eine Reihe von Gruppen, die zur Aufrechterhaltung des Gemeinwesens noch nicht in den Blick genommen wurden. Beispiel Apotheker - von denen sind nur die geimpft, die testen oder im Impfzentrum arbeiten. Aber alle anderen sind ja tagtäglich in Kontakt mit Kranken. Es gibt also noch Menschen, die wir konsequent schützen und deshalb vorrangig impfen müssen.

Prof. Norbert Paul leitet den rheinland-pfälzischen Ethik-Beirat zu den Corona-Impfungen und erläutert das weitere Vorgehen. (Foto: SWR)
Prof. Norbert Paul leitet den rheinland-pfälzischen Ethik-Beirat zu den Corona-Impfungen.

SWR Aktuell: Presst uns die Impfpriorisierung nicht in ein zu starres Korsett? Beispiel Lehrer: Wir wollen unbedingt die Schulen offen lassen. Gleichzeitig sind Lehrerinnen und Lehrer von weiterführenden Schulen in Rheinland-Pfalz noch nicht mit dem Impfen dran. Hessen hat diese Berufsgruppe mittlerweile höher priorisiert, das führt zu Unmut im Lehrerzimmer, wo Geimpfte und Nichtgeimpfte nebeneinander sitzen.

Diskussion um Corona-Impfung für alle Lehrer in Rheinland-Pfalz

Paul: Ja, an der Stelle müssen wir in einen offenen Diskurs eintreten und die Priorisierung situationsbedingt abwägen. Wenn wir die Öffnung der Schulen als hohes Ziel haben und wenn man dann das bunte Treiben nach Schulschluss beobachtet - das sieht ja oft nach Normalität aus - dann ist es sicher sinnvoll, Lehrerinnen genauso zu schützen wie Erzieherinnen. Allerdings beobachten wir, dass die Schulen exzellente Hygienekonzepte haben. Das Übertragungsgeschehen ist dort übersichtlich, das ist das Verdienst der Schulen. Aber: Man muss die Priorisierung ständig aushandeln, täglich, da kommt man nicht drumherum. Und bei Lehrern ist das sicher noch eine offene Diskussion - die aber eben durch den Impfstoffmangel erschwert wird.

SWR Aktuell: Was würde passieren, wenn man die Impfpriorisierung aufgibt?

Paul: Es braucht einfach auf Landesebene einen Konsens und der ist von der Menge der zur Verfügung stehenden Impfdosen abhängig. Schafft man die Priorisierung ab, würde jede impfende Einheit nach eigener Priorität impfen - dann hinge es vom Zufall ab, wer priorisiert wird, solange nicht genug Impfstoff da ist. Wir kommen dann in eine Situation, der Ungleichheit, die zugleich ungerecht ist. Prioritäten muss man willentlich setzen und jede Gruppe hat gute, gerechtfertigte Gründe, eine Priorisierung zu fordern. Als Ethik-Beirat ringen wir sehr mit all diesen Entscheidungen und müssen sie gut begründen.

SWR Aktuell: Wie intensiv wird der Ethik-Beirat jetzt noch in Fragen der Impfreihenfolge gehört?

Paul: Wann immer eine neue Frage auftaucht, sind wir involviert. Das war zum Beispiel so, als die Forderung aufkam, die Bereitschaftspolizei in der Reihenfolge hochzuziehen. Und das ist auch bei den Einzelfallentscheidungen so. Wir haben uns in Rheinland-Pfalz bewusst dafür entschieden, diese zuzulassen. Eine rein schematische Priorisierung lässt einfach zu viele Einzelschicksale unberücksichtigt. Viele hundert Einzelanträge sind beim Land eingegangen und vom Ethik-Beirat mit beraten worden.

SWR Aktuell: Wie vorgesehen wurden die ganz alten Menschen mit Impfungen versorgt, jetzt liegen aber viele 30- bis 40-Jährige schwer krank auf den Intensivstationen. Hinkt die Priorisierung der Pandemie hinterher?

Paul: Sie glauben nicht, wie viele schlaflose Nächte mich diese Fragen kosten: Ist ethisch alles noch gut begründet? Ist die Strategie der Priorisierung noch richtig? Eine Zeitlang war es sicher richtig, die Kliniken haben sich wegen der Impfung der über 80-Jährigen geleert. Jetzt wird die Pandemie aber in jüngere Gruppen gedrückt. Aber letztlich ist es immer wieder die Frage: Wann können wir alle impfen und auch, ob die Impfbereitschaft dann hoch genug sein wird. Das macht mir in der Tat auch Sorgen.

Bei den Impfungen gegen Corona gerät auch in Rheinland-Pfalz die Priorisierung immer wieder in die Kritik. Das Bild zeigt eine Spritze und die aufforderung zu warten, bis man aufgerufen wird. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Felix Kästle)
Immer schön der Reihe nach - so ist es zumindest gedacht (Symbolbild) picture alliance/dpa | Felix Kästle

SWR Aktuell: Ab kommender Woche sind die Impfstoff-Lieferungen an die Hausärzte gemischt. 50 Prozent Biontech, 50 Prozent Astrazeneca. Hausärzte befürchten, dass Astrazeneca von vielen verweigert wird, die Priorisierung aber nicht erlaubt, andere Menschen zu impfen, die noch nicht an der Reihe sind, aber gerne den Astrazeneca-Impfstoff nehmen würden.

Paul: Ich halte das im Moment noch für ein künstliches Problem, weil ich bei uns in der Uniklinik Mainz andere Erfahrungen mache. Wir haben über 2.000 Mitarbeiter mit Astrazeneca geimpft. In einer Krisensitzung wurde ich diese Woche darauf angesprochen, ob nicht auch eine zweite Impfung mit diesem Impfstoff möglich sei. Nicht wenige Beschäftigte wollen das, denn ein Wechsel zwischen verschiedenen Impfstoffen erscheint ihnen nach einer Risikoabschätzung als die schlechtere Variante. Also: Bei vielen Menschen im medizinischen Bereich ist die Diskussion um den Astra-Impfstoff nicht so das große Thema, obwohl auch wir in Mainz in der Klinik jemanden mit einer impfbedingten Sinusthrombose behandeln mussten.

Die Priorisierungsliste gilt jetzt schon für einen Zeitraum, den wir uns so lang gar nicht vorstellen wollten.

Mainzer Medizinethiker Norbert Paul

SWR Aktuell: Wo immer man sich umhört, gibt es Geschichten, die einen daran zweifeln lassen, dass die aufgeschriebene Priorisierung in der Praxis funktioniert. Geimpfte Kosmetikerinnen oder Menschen, die ein Attest wegen der täglichen Pflege der Eltern haben, die aber 300 Kilometer entfernt wohnen.

Paul: Gut gedacht - und das ist die Priorisierung - ist eben noch nicht gut gemacht. Die körpernahen Dienstleister wurden priorisiert, weil es einige unter ihnen gibt, die eben den alten Menschen in den Pflegeheimen die Haare oder Füße pflegen. Aber an der Stelle bin ich auch etwas altmodisch: Das hat auch was mit Anstand und Solidarität zu tun. Und natürlich gilt die Priorisierungsliste jetzt schon für einen Zeitraum, den wir uns so lang gar nicht vorstellen wollten. Wir haben jetzt eine Phase der weicher werdenden Priorisierung, wo jeder denkt: "Jetzt kann ich ja auch." Das schlechte Gewissen wird beim Vordrängeln nicht mehr so mitgeliefert. Aber es ist wie bei der Steuerhinterziehung: Steuern nicht korrekt zahlen und sich dann über fehlende Brücken über den Rhein beschweren, das geht nicht. Und noch mehr Obrigkeitsstaat zur Durchsetzung der Priorisierung, das möchte ich auch nicht.

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Lockerungen nach Lockdown in Rheinland-Pfalz eine "Schnapsidee"

SWR Aktuell: Wann kommt der Zeitpunkt, zu dem wir die Priorisierung über Bord werfen können, weil wir in Impfstoff schwimmen?

Paul: Ich wage da keine Prognose. Das von der Bundesregierung angekündigte Impfangebot für alle bis Sommer halte ich nicht für abwegig, wenn mit Sommer eher der Zeitraum um die Bundestagswahl im September als der Beginn der Sommerferien gemeint ist. Für die meisten von uns wird es dann für einen geregelten Urlaub zu spät sein. Aber wir wissen auch nicht, was mit den Mutanten auf uns zukommt. Wir sehen derzeit viele jüngere schwerkranke Patienten - alle mit Mutanten. Es war einfach eine Schnapsidee, dass wir begonnen haben zu lockern, als die dritte Welle Fahrt aufgenommen hat.

Das Interview führte SWR Aktuell-Redakteurin Andrea Lohmann.

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