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Spitzenpolitiker im Bund haben vor einer sozialen Schere beim Kampf gegen die Corona-Pandemie gewarnt. Auch Rheinland-Pfalz will bald verstärkt in sozialen Brennpunkten impfen. Doch wann geht es los und warum nicht schon früher?

So hat SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz kürzlich vor einer sozialen Spaltung der Gesellschaft beim Impfen gewarnt und Kommunen sowie Länder zum Gegensteuern aufgefordert. "Das Impfen darf nicht zu einer sozialen Frage werden. Schon der Lockdown hat die unteren Einkommensklassen deutlich härter getroffen als Besserverdiener. Wer mit Kindern in einer engen Wohnung lebt, für den sind die Einschnitte schmerzhafter als für Privilegierte in Villenvororten", sagte Scholz dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Man müsse sehr darauf achten, dass sich die soziale Spaltung jetzt nicht auch beim Impfen fortsetze. Nicht das Vorhandensein von Ärzten im Freundes- oder Bekanntenkreis dürfe über die Vergabe von Impfterminen entscheiden, sondern einzig und allein die Priorität, so der Kanzlerkandidat der SPD.

Auch Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) hat angesichts hoher Corona-Infektionszahlen in einigen Kölner Stadtteilen Schwerpunktaktionen für soziale Brennpunkte angekündigt. "Mich hat besonders das Beispiel aus Köln beeindruckt. Köln-Chorweiler Inzidenz 500, Köln-Hahnwald Inzidenz 0”, sagte Laschet am Mittwoch vergangener Woche im Düsseldorfer Landtag. "Da wo Menschen in beengteren Wohnverhältnissen leben, ist die Gefahr sich anzustecken größer als bei jemanden, der in einem großzügig angelegten Einfamilienhaus wohnt." In Rheinland-Pfalz wären davon Städte wie Mainz, Koblenz, Trier, Kaiserslautern, Ludwigshafen oder Worms betroffen.

Migranten erkranken häufiger

Im Nachbarland Baden-Württemberg gibt es inzwischen immer mehr Migranten und Migrantinnen unter den Patienten. Das teilte das Klinikum in Stuttgart mit. Klinikleiter Jan Steffen Jürgensen schätzt ihren Anteil an den Covid-19-Patienten in seinem Haus auf etwa 60 Prozent - Zahlen, die sich so auch in anderen Einrichtungen in Baden-Württemberg widerspiegelten.

In einer aktuellen Studie des Robert-Koch-Instituts (RKI) heißt es zum Beispiel: "Der Einfluss des sozialen Status auf die Gesundheit und Lebenserwartung wird durch epidemiologische Studien regelmäßig bestätigt. Menschen mit niedrigem Sozialstatus sind vermehrt von chronischen Krankheiten, psychosomatischen Beschwerden, Unfallverletzungen sowie Behinderungen betroffen."

Nationale Herkunft nicht Grund für größere Anfälligkeit

Der Vorsitzende des Zentralrates der Muslime, Ayman Mazyek, sieht keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und dem Corona-Infektionsrisiko. In der Tat gebe es in sozialen Brennpunkten mit hohem Migrantenanteil hohe Inzidenzen, das habe aber nicht mit der kulturellen Herkunft oder der Religion der Menschen zu tun, sondern mit Armut sowie prekären Arbeits- und Wohnverhältnissen, sagte Mazyek am Montag im Deutschlandfunk. Wichtig sei es deshalb, verstärkt in die armen Wohnviertel der Ballungsgebiete zu gehen, um die Menschen dort zu impfen, etwa mit Hilfe von Impfbussen, erklärte Mazyek. Die Impfteams sollten dabei mehrsprachig sein.

Ähnlich äußerte sich die Ärztegewerkschaft "Marburger Bund". "Ich unterstütze ausdrücklich die Forderung der Bundesfamilienministerin, verstärkt mobile Impfteams dort einzusetzen, wo sozial benachteiligte Menschen meist in beengten Wohnverhältnissen leben", sagte die Marburger-Bund-Vorsitzende Susanne Johna der Düsseldorfer "Rheinischen Post".

Johna forderte zudem bessere Informationsangebote für Menschen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Die Impfkampagne müsse auch die Menschen erreichen, die weder in ein Impfzentrum noch in eine Arztpraxis kommen. "Mit ein paar mehrsprachigen Informationen auf einer Internetseite ist es nicht getan, um diejenigen anzusprechen, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind", mahnte die Internistin aus Hessen. Die Kampagne müsse zudem sehr viel mehr soziale Medien nutzen, um die ganze Breite der Bevölkerung, auch die Jüngeren, zu erreichen.

Auch Rheinland-Pfalz will in sozialen Brennpunkten impfen

Einmalig 12.000 Johnson & Johnson-Impfdosen hat Rheinland-Pfalz nach Angaben von Gesundheitsstaatssekretär Alexander Wilhelm (SPD) kürzlich erhalten. Sie werde man an Menschen aus folgenden Unterkünften verimpfen:

  • Obdachloseneinrichtungen
  • Erstaufnahmeeinrichtungen
  • Frauenhäuser
  • Maßregevollzug
  • psychiatrische Tagesambulanzen

Gibt es einen konkreten Termin, wann die Impfungen beginnen?

Nein. Laut Gesundheitsministerium gehören die Betroffenen zur Priorisierungsgruppe 2, die schon seit längerem geimpft wird. Allerdings müssten zuvor organisatorische Fragen geklärt werden.

So sei die Zuständigkeit in der Wohnungslosenhilfe in Rheinland-Pfalz zwischen Land und Kommunen aufgeteilt. Das Land ist laut Sozialgesetzbuch für stationäre und teilstationäre Einrichtungen zuständig und die Kommunen für alle weiteren Einrichtungen - wie etwa Tagesaufenthalte, Übernachtungsheime und Notunterkünfte.

Wie das Gesundheitsministerium dem SWR mitteilte, hat das Land im März alle Kommunen und Einrichtungen angeschrieben und über die Möglichkeit informiert, in den Einrichtungen mit mobilen Impfteams zu arbeiten. Die Kommunen haben rund 2.300 Personen aus den Einrichtungen zum Impfen angemeldet, einschließlich Personal. Für Menschen, die im engeren Sinn "auf der Straße" leben, sei geplant, zusätzlich eine Impfmöglichkeit in Tagesaufenthalten oder ähnlichen Einrichtungen anzubieten.

Warum wird mit Johnson & Johnson geimpft?

Der Impfstoff muss im Gegensatz zu den anderen Vakzinen nur einmal verabreicht werden. Die besondere Lebenssituationen der Betroffenen macht es nach Einschätzung der Landesregierung schwierig, zwei Impftermine zu organisieren.

Was passiert mit Menschen in den sozialen Brennpunkten der Großstädte?

Menschen, die in beengten Wohnungen in sozialen Brennpunkten der großen Städte leben, sind besonders gefährdet, sich mit dem Coronavirus anzustecken. Denn oft ist es schwierig, hier das Abstandsgebot einzuhalten. Allerdings sind die soziale Herkunft und die allgemeinen Lebensverhältnisse an sich laut Bundesimpfverordnung kein Priorisierungsgrund. Auch für Menschen aus sozial schwierigen Verhältnissen gilt daher die generelle gesetzliche Impfreihenfolge.

Diese sieht Priorisierungen nach Alter, Gesundheitsrisiken (Vorerkrankungen) und Berufsgruppen vor, die zur wichtigen Infrastruktur gehören. Diese Gruppen müssten nach geltendem Recht zuerst geimpft werden. Voraussetzung hierfür sei, dass ausreichend geeingnete Impfstoffe zur Verfügung stünden, so das Gesundheitsministerium.

Allerdings setze sich die Landesregierung für Chancengleichheit in der Gesundheitsversorgung ein. Diese dürfe nicht von der sozialen Herkunft abhängen. In diesem Sinne sei auch die Forderung von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz zu verstehen, hieß es.

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