Eine Frau sitzt im Homeoffice auf einem Teppich und arbeitet an einem Laptop. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Wegen hoher Energiekosten

Drängen Unternehmen Beschäftigte in RLP zum Homeoffice?

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AUTOR/IN
Christian Papadopoulos

Lange Zeit war Homeoffice nur im Zusammenhang mit Corona ein Thema. Doch mit Beginn des Herbstes stellt sich die Frage, ob Unternehmen auch in Rheinland-Pfalz ihre Mitarbeitenden ins Homeoffice drängen, um Energiekosten zu sparen.

Metallarbeitgeberchef Stefan Wolf hatte es kürzlich begrüßt, wenn Mitarbeitende freiwillig ins Homeoffice gehen. Wolf sagte in der FAZ, "Ich glaube, dass es viele Mitarbeiter gibt, die versuchen, dem Unternehmen Strom und damit Kosten zu sparen und ihre Arbeitsplätze abzusichern, indem sie von zu Haus aus arbeiten". Und er fügte hinzu, dies erwarte er auch.

Was aber sagen Arbeitgeber und Gewerkschaften in Rheinland-Pfalz zu solchen Vorschlägen? Sollen Angestellte mit dickem Strickpulli in den eigenen vier Wänden arbeiten, um ihren Unternehmen beim Kostensparen zu helfen? Oder ist dies sozial ungerecht? Wollen sich die Betriebe so auf Kosten ihrer Mitarbeitenden bereichern? Wir haben uns umgehört.

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DGB: Bislang keine Beschwerden in Rheinland-Pfalz

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) in Rheinland-Pfalz hat bislang von seinen Mitgliedern keine Beschwerden gehört, dass sich Mitarbeitende ins Homeoffice gedrängt fühlten. Wie die Vorsitzende des Landesverbands Rheinland-Pfalz/Saarland, Susanne Wingertszahn, auf SWR-Anfrage sagte, begrüßt sie generell die Möglichkeit des Homeoffice. Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass die Arbeitnehmer*innen die Energiekosten zahlten, der Staat die Homeoffice-Pauschale erhöhe, die Unternehmer aber "fein raus" seien.

Die Homeoffice-Pauschale werde in der Steuererklärung bei den Werbungskosten erfasst und entlaste damit kleine Einkommen gar nicht bis wenig und große Einkommen am stärksten, so Wingertszahn. Bei Arbeitnehmer*innen mit geringeren Einkommen erhöhten sich also bei längeren Homeoffice-Zeiten die Kosten für Strom und Heizen, von den Steuervorteilen profitierten sie aber kaum. Wingertszahn wies aber darauf hin, dass nach geltendem Recht Arbeitnehmer nicht zum Homeoffice gezwungen werden könnten, wenn sie lieber im Betrieb arbeiten wollten.

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Ähnlich äußerte sich die Gewerkschaft ver.di. Weder von Seiten der Arbeitgeber noch von den Arbeitnehmervertretern seien Pläne bekannt, dass mehr im Homeoffice gearbeitet werde, um Kosten für die Unternehmen einzusparen. Allerdings sei es auch lange Zeit sehr hell und warm gewesen. Man müsse daher die Entwicklung im Herbst abwarten, sagte Sprecherin Birgit Beier vom Landesverband Rheinland-Pfalz.

IG Metall: Arbeitgeber wollen Kosten abwälzen

Dagegen wirft die IG Metall den Arbeitgebern vor, die hohen Energiekosten auf die Beschäftigten abwälzen zu wollen. Jörg Köhlinger, Leiter des IG Metall-Bezirks Mitte, zu dem auch Rheinland-Pfalz gehört, sagte dem SWR: "Genau das versuchten die Arbeitgeber derzeit, indem sie die Beschäftigten ins Homeoffice schicken wollen, um Heizkosten zu sparen. Sie wollen die Kosten schlicht auf ihre Mitarbeitenden abwälzen. Bei vollen Auftragsbüchern eine völlig aberwitzige Idee, zumal niemand Trucks oder Autos am Küchentisch bauen kann."

Köhlinger verteidigte in diesem Zusammenhang auch die Forderung seiner Gewerkschaft nach acht Prozent mehr Lohn und Gehalt in der laufenden Tarifrunde. Wer die Preise kenne, wisse, dass acht Prozent mehr Geld eine verantwortungsvolle Forderung darstellten. Schließlich könnten die Beschäftigten die hohen Energie- und Lebenshaltungskosten nicht an Dritte weitergeben. 

"Niemand kann Trucks oder Autos am Küchentisch bauen."

Unternehmer in RLP für Beibehaltung der Homeoffice-Pauschale

Die Unternehmen in Rheinland-Pfalz sehen offenbar in dieser Frage keinen Handlungsbedarf. Nach Angaben der Landesvereinigung der Unternehmerverbände (LVU) arbeiten derzeit rund 30 Prozent der Beschäftigten zumindest stundenweise im Homeoffice. "Für diese Gruppe wurde die Homeoffice-Pauschale eingeführt. Dadurch können bis zu 600 Euro jährlich von der Steuer abgesetzt werden. Diese Maßnahme sollte verlängert werden", forderte die LVU.

BASF, Boehringer Ingelheim und Schott setzen auf Freiwilligkeit

Große Unternehmen in Rheinland-Pfalz betonten gegenüber dem SWR, dass auf die Mitarbeitenden kein Druck ausgeübt werde, von zu Hause aus zu arbeiten. Nach Angaben des Chemiekonzerns BASF aus Ludwigshafen lassen das viele Produktionsprozesse auch gar nicht zu. Beschäftigte, die von Hause arbeiten könnten, würden dies im Schnitt zwei bis drei Tage pro Woche tun. Zudem verwies die BASF darauf, dass sie die Abwärme ihrer Produktionsanlagen zur Hälfte zum Heizen der Büros verwenden könne. Dort wo dies möglich sei, könne auch verstärkt in Präsenz gearbeitet werden, sagte Pressesprecherin Valeska Schössler. Es gebe daher auch keine Pläne, Büroabschnitte zu schließen. Auch das Pharma-Unternehmen Boehringer Ingelheim teilte mit, seine Beschäftigten arbeiteten nur auf freiwilliger Basis im Homeoffice.

Der Spezialglas-Produzent Schott aus Mainz setzt ebenfalls auf Freiwilligkeit beim Homeoffice. Dazu werde es wie im vergangenen Winter Vereinbarungen zwischen den Teams der Beschäftigten und den Führungskräften geben, wie das Homeoffice umgesetzt werde, so Pressesprecherin Christine Fuhr. Einen finanziellen Ausgleich für die Beschäftigten im Homeoffice gebe es nicht. Jeder könne ja ins Büro kommen, der wolle. Zudem spare das Homeoffice dem Unternehmen keine Kosten, da auch die Verwaltungsgebäude weiter beheizt und beleuchtet werden müssten, schrieb Fuhr. Man wolle auch keine Gebäudeteile stilllegen, um Kosten zu sparen.

Kein finanzieller Ausgleich für Kosten durch Homeoffice

Nach derzeitiger Rechtslage gibt es keine Pflicht zum Homeoffice. Arbeitgeber können ihren Beschäftigten Homeoffice anbieten, müssen dies aber nicht. Umgekehrt sind Arbeitnehmer nicht verpflichtet, von zu Hause aus zu arbeiten, wenn sie lieber in den Betrieb kommen wollen. Die Arbeitsrechtlerin Nora Steinsberg plädierte im Interview mit dem SWR bereits im Frühjahr für freiwillige Vereinbarungen zwischen Unternehmen und Beschäftigten.

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Steinsberger erläuterte dem SWR auf Anfrage aber nun auch, dass es kein Recht auf finanziellen Ausgleich für Beschäftigte gibt, die auf Basis einer freiwilligen Vereinbarung mit dem Arbeitgeber im Homeoffice arbeiten. Allerdings muss der Arbeitgeber ihren Angaben zufolge die notwendigen Arbeitsmittel (Laptop, Internet) bereitstellen, um von daheim arbeiten zu können. Dabei müsse der Arbeitgeber nur die Kosten übernehmen, die durch eine berufliche Nutzung entstehen. Auch Steinsberger verwies auf die Homeoffice-Pauschale, die Arbeitnehmer steuerlich geltend machen können. Hinzu kommt auch noch die einmalige Energiepauschale in Höhe von 300 Euro für alle Erwerbstätigen, die allerdings versteuert werden muss.

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Doch keine neue Homeoffice-Pflicht in Herbst und Winter

Die geplanten Corona-Vorgaben für Unternehmen im Herbst sind unterdessen entschärft worden: Die Betriebe sollen doch nicht verpflichtet werden, ihren Beschäftigten Homeoffice und Tests anzubieten. Das Bundeskabinett hat eine neue Corona-Arbeitsschutzverordnung beschlossen. Demnach sollen Arbeitgeber im Rahmen eines Hygienekonzepts Homeoffice- und Testangebote für die Beschäftigten prüfen. Die neue Verordnung soll vom 1. Oktober bis 7. April kommenden Jahres gelten.

In einem früheren Entwurf der Verordnung von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte es geheißen: "Der Arbeitgeber hat den Beschäftigten anzubieten, geeignete Tätigkeiten in ihrer Wohnung auszuführen, wenn keine zwingenden betriebsbedingten Gründe entgegenstehen." Zudem war eine Pflicht für das Angebot von zwei Tests pro Woche vorgesehen. Das ist nicht mehr der Fall. Hier hat sich offenbar die FDP in der Ampel-Koalition durchgesetzt.

Die Arbeitgeber begrüßten die neue Verordnung. Da wo es erforderlich und möglich sei, werde schon jetzt wieder Homeoffice angeboten, so der Arbeitgeberverband BDA. Kritik gab es vom Deutschen Gewerkschaftsbund. "Freiwillig hat es zuletzt nachweislich nicht gut funktioniert, zu wenige haben von zu Hause gearbeitet - trotz hoher Infektionszahlen. Genau deshalb wäre
das von Arbeitsminister Heil vorgeschlagene verpflichtende Angebot das richtige Mittel zum Pandemiemanagement gewesen", sagte Vorstandsmitglied Anja Piel. Sie forderte die Arbeitgeber dazu auf, zu verhindern, dass sich Beschäftigte im Herbst und Winter in vollen Zügen auf dem Weg zur Arbeit oder im Großraumbüro ansteckten.

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