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Viele Unternehmen in Rheinland-Pfalz haben in der Corona-Pandemie Homeoffice ermöglicht und damit gute Erfahrungen gemacht. Doch Studien zufolge macht sich derzeit auch ein gewisser Verdruss breit. Wie wird es nach der Pandemie mit dem mobilen Arbeiten weitergehen?

Schott in Mainz und Boehringer Ingelheim wollen die Erfahrungen der vergangenen Monate nutzen und neue Wege gehen. Man habe gelernt, flexibler zu sein und sich durchaus Zeiten frei einteilen zu können, sagt Nina Moyer, bei der Schott AG für das Talentmanagement zuständig. Vorbehalte gegenüber dem mobilen Arbeiten seien, sofern es sie gab, definitv abgebaut worden. Auch fern vom eigenen Büro könne man sehr erfolgreich arbeiten. Es sei gelungen, gute Erfahrungswerte in den letzten Monaten zu bekommen.

Das mobile Arbeiten bei dem Spezialglashersteller sei bundesweit in einer Betriebsvereinbarung geregelt. Kern des Konzepts sei das "Prinzip der doppelten Freiwilligkeit", so Moyer im Gespräch mit dem SWR. Zwischen Mitarbeitern und dem jeweiligen Vorgesetzten werde vereinbart zu welchen Anteilen mobil gearbeitet und auch wo mobil gearbeitet werde. Diese Freiwilligkeit sei ganz besonders wichtig, denn man wolle nicht vorschreiben, zu welchen Anteilen jemand von seinem Arbeitsplatz fernbleiben müsse.

Homeoffice Teil des Projekts "Future of Work" bei Boehringer

Auch Julia Meyer-Kleinmann von Boehringer Ingelheim hebt positive Erfahrungen hervor. Diese habe man überführt in das Projekt "Future of Work". Dieses Projekt benenne ganz klar, dass das Pharmaunternehmen nicht mehr so weitermache wie früher, ohne aber komplett alles zu ändern. Man werde einen klugen Mittelweg finden. Arbeitsräume und Arbeitszeiten würden durch "Future of Work" anders definiert. Man werde den Mitarbeitern und Teams die Freiheit geben, dies projektbezogen zu gestalten.

Der individuelle Arbeitsplatz werde in dem Konzept umdefiniert zum Treffpunkt. Das Büro erhalte eine neue Rolle, so Meyer-Kleinmann, es werde ein Ort des Austauschs und zum gemeinsamen Entwickeln. Arbeiten, die gut, schnell und sinnvoll zuhause erledigt werden könnten, sollten auch weiter zuhause bleiben, sagt die Sprecherin aus dem Bereich Kommunikation bei Boehringer. Nach der Corona-Pandemie hätten dann die jeweiligen Vorgesetzten die Möglichkeit, Präsenzmeetings oder Workshops anzusetzen. Alles werde beibehalten, wo man die persönliche Interaktion brauche. Das gute Betriebsklima bei Boehringer fuße auf Begegnungen und das wolle man auch in Zukunft nicht verlieren.

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Wichtig sei zu betonen, dass jeder Mitarbeitende auch einen Platz im Unternehmen habe, wenn er ihn brauche. Viele Beschäftigte sagten, ihr Homeoffice-Platz sei in der Pandemie zu ertragen, aber nicht auf Dauer.

Nina Moyer von Schott hebt ebenfalls die persönliche Zusammenkunft als Kern hervor. Sie sei wichtig für den Teamspirit, die Kollegialität und den Wissensaustausch. Mobiles Arbeiten und virtuelle Meetings könnten aber eine "super Ergänzung" darstellen.

Arbeits- und Begegnungsbereich bei der Schott AG in Mainz (Foto: SWR)
Arbeits- und Begegnungsbereich bei der Schott AG in Mainz

Reduzierung der Bürofläche nicht im großen Stil

Ungeachtet des Homeoffice-Booms wollen lediglich 6,4 Prozent der Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten ihre Bürofläche reduzieren. Das zeigt eine neue Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) unter über 1.200 Unternehmen im vierten Quartal 2020.

Noch am ehesten wollen große Unternehmen mit über 250 Beschäftigten sowie Kanzleien, Beratungen und Wirtschaftsprüfer Flächen verringern, doch auch hier sind es weniger als zehn Prozent der befragten Firmen.

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In einigen Bereichen, sagt Nina Moyer, seien Bürokonzepte neu gedacht worden. Großflächig sei es bei Schott aber kein Thema, dies aufgrund der Pandemie anzupassen.

Bei Boehringer werde es Veränderungen geben, sagt Julia Meyer-Kleinmann. Denn die Präsenz im Unternehmen werde sich reduzieren. Es würden nicht mehr 100 Prozent der Mitarbeitenden jeden Tag einen Arbeitsplatz brauchen. Individuelle Arbeitsplätze würden in Gruppenarbeitsplätze oder "kreative Zonen" umgewandelt. Zufällige Begegnungen seien oft fruchtbar, auch quer durch Abteilungen.

Modell für eine Raumgestaltung bei Boehringer Ingelheim (Foto: Pressestelle, Boehringer Ingelheim)
Modell für eine Raumgestaltung bei Boehringer Ingelheim Pressestelle Boehringer Ingelheim

Dem müsse man Raum geben, etwa durch Sitzgruppen. Dafür werde man Umgestaltungen vornehmen. Ein Arbeitsteam sei bei Boehringer damit beschäftigt, Räumlichkeiten neu zu strukturieren. Dieses Projekt "Smart Working" höre in die einzelnen Bereiche hinein und befrage sie.

LVU-Präsident Braun sieht Homeoffice-Müdigkeit

Skeptischer beim Thema Homeoffice zeigt sich Gerhard F. Braun, der Präsident der Landesvereinigung der Unternehmerverbände (LVU). Man sehe auch eine gewisse Homeoffice-Müdigkeit. Die Menschen wollten auch einfach mal wieder soziale Kontakte im Büro haben. Er sei erstaunt, dass beim Homeoffice wieder das Niveau des vergangenen Frühjahres erreicht worden sei. Die Leute wollten wieder ins Büro, würden aber sehen, dass es im Moment sinnvoller sei, von Zuhause zu arbeiten.

Der Erfolg eines Unternehmens liege auch darin, dass sich Mitarbeiter austauschen und neue Ideen entwickeln. Das passiere nicht im Homeoffice. Daher sehe er auch eine Ernüchterung, so Braun im Gespräch mit dem SWR.

Dennoch erwartet er dauerhafte Veränderungen. Viele Unternehmen hätten zuvor gar keine Erfahrungen mit dem Homeoffice gehabt, nun hätten sie gesehen, dass es möglich sei. Er glaube, dass es bei ganz vielen Mitarbeitern in Zukunft möglich sein werde, zumindest zum Teil im Homeoffice zu arbeiten.

Sehnsucht nach Begegnungen groß

Beim Thema "Homeoffice-Verdruss" bestätigt Boehringer-Sprecherin Meyer-Kleinmann, dass die Sehnsucht nach Begegnungen bei vielen Beschäftigten "ganz groß sei". Der sehr positive Effekt habe sich etwas verbraucht. Man vermisse einander, man vermisse den Dialog. Dem müsse man wieder Raum geben, ohne etwas von dem "Benefit" des mobilen Arbeitens zu nehmen.

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In Zukunft mehr hybride Arbeitsformen

Eine Untersuchung des Münchner ifo-Instituts war im vergangenen Jahr zu dem Fazit gekommen, dass auch nach der Pandemie das Homeoffice-Potenzial nicht vollständig ausgeschöpft werde. Wahrscheinlicher sei eine Ausweitung hybrider Arbeitsformen aus Homeoffice und Präsenzarbeit.

Die Pandemie habe zwar auf Arbeitgeberseite in kürzester Zeit viele Hürden und Vorbehalte abgebaut: von der Digitalisierung der Arbeitsprozesse über die Ausstattung der Mitarbeiter mit entsprechenden Kommunikationstools bis zur Auflösung des Stigmas vom faulen Heimarbeiter.

Das dauerhafte Arbeiten von zu Hause bedeute aber auch für viele Menschen eher eine Be- statt eine Entlastung. Für eine Vielzahl gehe die Arbeit im Homeoffice auch mit einem gesteigerten Leistungsdruck und einer erschwerten Trennung von Beruflichem und Privatem einher.

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