Das Behindertenwohnheim Lebenshilfe-Haus in Sinzig am Tag nach der Flut (16.07.2021) (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa | Thomas Frey)

Sinziger Lebenshilfehaus in Gefahrengebiet

Debatte um Hochwasserkarten im Ahrtal entbrannt

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In der Flutnacht sind zwölf Menschen mit Behinderung vom Lebenshilfehaus in Sinzig ums Leben gekommen. Laut einer Hochwassergefahrenkarte liegt diese Einrichtung in einem Gefahrenbereich. Hätte das Haus früher evakuiert werden müssen?

Schwere Vorwürfe erhebt der Hochwasserschutz-Experte Marc Daniel Heintz im SWR. Er verweist auf die Hochwassergefahrenkarten, die es seit 2013 gebe. Diese zeigten genau, welche Bereiche betroffen sein könnten. Heintz kritisiert das Vorgehen der Behörden aus der Katastrophennacht: "Man evakuiert nicht einfach 50 Meter links und rechts des Flusses pauschal." Man müsse in die Karten schauen und die Senioren- und Behindertenheime evakuieren. Und das Lebenshilfehaus in Sinzig liege im Restrisiko-Bereich.

Der Krisenstab des Kreises Ahrweiler hatte beim Ausrufen des Katastrophenfalls am späten Abend des 14. Juli eine Evakuierung 50 Meter links und rechts der Ahr für Bad Neuenahr-Ahrweiler und Sinzig sowie den Stadtteil Bad Bodendorf angeordnet. Fragen dazu wollte die Kreisverwaltung dem SWR mit Hinweis auf die laufenden staatsanwaltlichen Ermittlungen nicht beantworten.

Die am Ufer der Ahr gelegene Einrichtung der Lebenshilfe mit 34 Wohnplätzen war in kurzer Zeit überflutet worden. Die Deutsche Stiftung Patientenschutz hatte eine umfassende Aufklärung zum Tod der zwölf Bewohnern des Heims für Menschen mit geistiger Behinderung gefordert.

Ermittlungen gegen Pföhler laufen

Inzwischen ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz gegen den Landrat des Kreises Ahrweiler, Jürgen Pföhler (CDU), und ein weiteres Mitglied des Krisenstabs. "Mit dem Strafrecht allein wird diese Katastrophe nicht aufzuarbeiten sein", meinte allerdings der Vorstand der Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch.

Forscher: Ähnliche Katastrophen im Ahrtal bereits 1804 und 1910

Im Gespräch mit dem SWR kritisiert auch der Katastrophenforscher Professor Wolf Dombrowsky aus Bremen die Arbeit des Krisenstabs. Er lenkt den Blick auf die ähnlich schlimmen Katastrophenlagen im Ahrtal in den vergangenen Jahrhunderten, etwa 1804 und 1910. Man müsse die eigene Geschichte kennen, um vorbereitet zu sein. Es sei "beschämend", so zu tun, als sei es noch nie dagewesen.

Experte: Realistische Übungen fehlen in Deutschland

Vor allem gilt seine Kritik aber auch dem Vorgehen nach der Flutnacht. Einer der größten Mängel in Deutschland sei, dass realistische Übungen fehlten. Es werde geübt, aber die Übungen dienten dazu nachzuweisen, was man beschaffen müsse, was man an neuem Gerät brauche. Der Krisenstab im Ahrtal sei nicht praxiserprobt gewesen.

Für die Zukunft fordert Dombrowsky auch einen nationalen Krisenstab, der alle Ressourcen bündelt, etwa mit Blick auf die Aufklärung nach einer Katastrophe. Mehrere Flugzeuge der Bundeswehr hätten hervorragende Frühaufklärung im Ahrtal gemacht. Doch diese Kartierung sei nicht bis in den Krisenstab vorgedrungen, so Dombrowsky. Solche Erkenntnisse müssten schnell ausgewertet werden. Das müsse einfach national organisiert werden.

Fachwissen wird zu wenig einbezogen

Man müsse auch mehr auf wissenschaftliche Expertise zurückgreifen. So gebe es in Bad Neuenahr-Ahrweiler eine Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. Die habe aber nur beraten dürfen und nicht mehr, sagt Dombrowsky. Dort sei so viel Kompetenz und Fachwissen. Das müsse mehr in der Breite genutzt werden.

Neue Hochwasserrisikokarten notwendig?

Müssen die Hochwasserrisikokarten nach der Flutkatastrophe neu geschrieben werden und was bedeutet das für das Ahrtal? Müssen die Kommunen im Ahrtal ihre Flächennutzungspläne umschreiben oder sogar komplett neu fassen?

Dazu schreibt das Klimaschutzministerium dem SWR, es sei wichtig, den Wiederaufbau hochwasserangepasst zu gestalten und die Infrastruktur zukunftssicher und klimaresillient zu errichten.

Künftig größere Überschwemmungsgebiete an der Ahr

Die Kommunen müssten diese Frage bei der künftigen Ausweisung von Neubaugebieten stärker in den Blick nehmen und auch das Konzept "Stadt als Schwamm" müsse weiter vorangebracht werden, um die Wasserrückhaltemöglichkeiten zu verbessern. Detaillierte Aussagen zum Wiederaufbau im Ahrtal seien aktuell noch nicht möglich, so das Ministerium. An der Ahr müsse überprüft werden, ob das festgesetzte Überschwemmungsgebiet noch dem Maßstab des Ereignisses vom Juli genügt. Die Ausdehnung des Überschwemmungsgebiets werde jedoch künftig angesichts der bislang vorliegenden Abflussdaten mit Sicherheit größer sein.

Hochwassergefahrenkarten werden Prüfung unterzogen

Die Hochwassergefahren- und die Hochwasserrisikokarten werden nach Angaben des Ministeriuns mindestens alle sechs Jahre gemäß EU-Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie aktualisiert. Diese Karten, ebenso wie auch die festgesetzten Überschwemmungsgebiete, würden nach den Ereignissen im Ahrtal und der Eifel einer Prüfung unterzogen.

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Die Bewohner der betroffenen Gebiete sollten sich aber bereits jetzt an Hand der aktuell vorliegenden Karten überlegen, wie sie sich bei einer solchen Überflutung durch ein Extremereignis verhalten bzw. ihr Gebäude vor Schäden schützen können und wie nicht zu verhindernde Schäden ausgeglichen werden können. Der Abschluss einer Elementarschadenversicherung könne z.B. helfen, die hohen Schäden finanziell aufzufangen.

Um die Karten und Informationen den potenziell Betroffenen bekannter zu machen, finde u.a. innerhalb der Erstellung der örtlichen Hochwasser- und Starkregenvorsorgekonzepte eine intensive Öffentlichkeitsbeteiligung statt, heißt es aus dem Ministerium.

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Im Juli hatte Klimaschutzministerin Anne Spiegel (Grüne) erklärt, Hochwasserschutz werde schwieriger, je mehr Böden überbaut seien. Auf asphaltierten Flächen könne Wasser nicht versickern und fließe schnell ab. Daher müsse mehr als bisher die zunehmende Versiegelung von Flächen begrenzt werden, sagte Spiegel. Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal müsse in besonders gefährdeten Regionen auch über die Entsiegelung von Flächen - also über ihre Renaturierung - nachgedacht werden.

Auch Professor Dombrowsky fordert ein Umdenken: Das gesamte Baurecht und die Bauleitplanung müssten "grundlegend verändert werden", verlangte der Experte bereits im Juli. Es sei notwendig, wieder Ausdehnungsgebiete für Flussläufe zu schaffen und eine "verletzungssichere Infrastruktur". Dies sei bislang auch nach schweren Hochwassern versäumt worden.

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