Barbara Römer ist die Vorsitzende des Hausärzteverbandes Rheinland-Pfalz  (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Moderna-Impfstoff soll aufgebraucht werden

Hausärzte entsetzt über geplante BioNTech-Rationierung

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Die Ankündigung von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zu den Impfstoffbegrenzungen von Biontech stößt weiter auf heftige Kritik. "Das kann man mit nichts entschuldigen", sagt Landesgesundheitsminister Hoch.

Der Hausärzteverband, die Landesapothekerkammer und die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz haben den noch amtierenden Bundesgesundheitsminister Spahn aufgefordert, die Einführung der Höchstbestellmengen des BioNtech-Impfstoffs gegen das Coronavirus zurückzunehmen. Die Maßnahme sei zu kurzfristig und gefährde den Erfolg der Impfkampagne, heißt es in einem am Montag veröffentlichten Beschluss.

Spahn hat laut Ärzten "mangelndes Gespür"

Mit der angekündigten Verknappung des BioNtech-Impfstoffs "demonstriert der scheidende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn mangelndes Gespür für den enormen Druck, unter dem die Vertragsärztinnen und Vertragsärzte schon seit Monaten stehen", kritisierte der Vorsitzende der KV, Peter Heinz.

Seit der Ankündigung aus dem Bundesgesundheitsministerium, Auffrischungsimpfungen stünden für jeden ab 18 Jahren und zeitnah zur Verfügung, überschreite die Anspruchshaltung vieler Patienten und die damit verbundenen Anfeindungen gegenüber Arztpraxen und Mitarbeitern das Maß des Zumutbaren.

"Spahn zerstört das Vertrauen der Menschen in die Impfkampagne"

Auch die Vorsitzende des Hausärzte-Verbandes Rheinland-Pfalz, Dr. Barbara Römer, ist empört über die Pläne, die BioNTech-Lieferungen für Hausarztpraxen zu beschränken. Im Interview mit SWR 1 Rheinland-Pfalz nimmt sie kein Blatt vor den Mund.

Bundesgesundheitsminister Spahn zerstöre damit das Vertrauen der Menschen in die Impfkampagne. Denn ihnen sei zugesichert worden, sie dürften ihren Impfstoff frei wählen. Und die Hausärzte hätten darauf vertraut, dass sie ihren Patienten und Patientinnen eine feste Zusage für einen bestimmten Impfstoff geben könnten.

Hausärztin Römer: "Es reicht, Herr Spahn!"

Römer befürchtet, dass Patienten und Patientinnen ihre Termine absagen oder zumindest viele Fragen haben werden. "Unsere Termine sind bereits bis März hinein vergeben. Die Praxis-Telefone und Mail-Accounts werden in der nächsten Woche kollabieren. Es reicht, Herr Spahn!“

Barbara Römer - Hausärztin führt eine Corona-Impfung in ihrer Praxis durch (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)
Dr. Barbara Römer führt in ihrer Praxis im rheinhessischen Saulheim selbst Corona-Impfungen durch. picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow

Ärzten fehlt ohne BioNTech Impfstoff für Kinder

Ein weiteres Problem ergibt sich bei der Impfung von Kindern und Jugendlichen. Die Ständige Impfkommission hat vor kurzem die eindeutige Empfehlung herausgegeben: Kein Moderna-Impfstoff für Personen unter 30 Jahren. Aber gerade in der Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen ab 12 Jahren gebe es noch erhebliche Impflücken, sagte Römer. "Und jetzt werden die Kinderärzte maximal ausgebremst. Können pro Woche, pro Arzt maximal 30 Kinder impfen. Da wird es Jahre dauern, bis wir überhaupt die Kinder durchgeimpft haben, weil die Kinder keine Alternative zu dem BioNTech-Impfstoff haben.“ Bei den Kinderärzten komme die Impfkampagne damit praktisch zum Erliegen.

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Gesundheitsminister Clemens Hoch (SPD) erneuerte seine Kritik an Spahn. Wenn er nicht genug BioNTech habe, hätte er dies zumindest bei der Bund-Länderkonferenz vergangene Woche einmal "sauber sagen müssen".

Mehr BioNTech-Impfstoff als geplant?

Das Unternehmen BioNTech prüft unterdessen, ob es mehr Impfstoff gegen das Coronavirus liefern kann als bisher vereinbart. "Wir prüfen aktuell, ob und wenn ja, wie viele Dosen wir kurzfristig und zusätzlich zu den vertraglich vereinbarten liefern könnten", sagte BioNTech-Sprecherin Jasmina Alatovic.

Moderna-Impfstoff soll nicht verfallen

Das Bundesgesundheitsministerium hatte in einem Schreiben an die Länder für die nächsten Wochen Begrenzungen bei Bestellmengen für den BioNTech-Impfstoff angekündigt. Dafür soll das Präparat von Moderna bei den Auffrischungsimpfungen vermehrt zum Einsatz kommen. Zur Begründung wurde auch darauf verwiesen, dass andernfalls eingelagerte Moderna-Dosen zu verfallen drohten. Aktuell mache der Impfstoff von BioNTech über 90 Prozent der Bestellungen aus.

Spahn verteidigt Vorgehen

Inzwischen meldete sich Spahn nochmals zu Wort. Der Deutschen Presse-Agentur sagte der CDU-Politiker, er wisse, dass diese kurzfristige Umstellung für viele vor Ort in den Arztpraxen und Impfzentren viel zusätzlichen Stress bedeute. Die Nachfrage nach BioNTech sei in den letzten zwei Wochen so stark gestiegen, dass sich das Lager sehr schnell leere. Allein in der neuen Woche würden fast sechs Millionen Dosen an die impfenden Stellen geliefert. Das sei mehr, als es bisher überhaupt an Booster-Impfungen in Deutschland gegeben habe.

Mit BioNTech und Moderna gebe es zwei exzellente und hoch wirksame Impfstoffe. Von beiden gebe es genug, um bis Jahresende 50 Millionen Menschen zu impfen, sagte Spahn. In manchen Studien zur Wirkung von Auffrischungsimpfungen schneide eine dritte Impfung mit Moderna sogar besser ab als eine mit BioNTech.

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