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Mal hü, mal hott in der Corona-Politik. Die Zahlen mal rauf, mal runter, auch in Rheinland-Pfalz. Hilft jetzt nur noch ein harter Lockdown? So antworten eine Psychologin, ein Intensivpfleger und ein Medizinethiker.

Keiner von ihnen hat gezögert bei der Antwort auf die Frage "Höchste Zeit für einen harten Lockdown?". Der Intensivpfleger Klaus Hampl, die Psychologin und Resilienzforscherin Michèle Wessa und der Medizinethiker Norbert Paul haben sich ganz klar für einen harten Lockdown ausgesprochen und dafür viele Gründe genannt:

Das sagt der Intensivpfleger Klaus Hampl aus Mainz

"Das ist ganz klar: So wie sich das bei uns entwickelt, brauchen wir sehr harte Maßnahmen." Hampl betreut schon lange Covid-19-Patienten auf einer Mainzer Intensivstation mit. Im Vergleich zu den letzten Monaten ist die Situation aber nochmal dramatischer geworden: "Jetzt sterben meine ganz jungen Patienten. Als ich letzte Woche nach freien Tagen zurück im Dienst war, war ich richtig geschockt", erzählt Hampl. Kerngesunde Typen, Anfang 30, mit kleinen Kindern - das rücke nah an die eigene Lebenswelt heran. "Als am Anfang die über 80-Jährigen starben, war das auch traurig. Aber jetzt kann man das nicht mehr vom Privaten trennen, da ist ein Brücke zu deinem Leben."

Intensivpfleger Klaus Hampl (Foto: SWR)
Hampl sieht junge Menschen sterben und verzweifelt an der Unvernunft in der Gesellschaft

Seine Sorge ist die Durchsetzung eines harten Lockdowns: "Würden sich die Leute alle benehmen und die Regeln einhalten, bräuchten wir wahrscheinlich gar keinen Lockdown. Ich arbeite an vorderster Front und ich bin doch auch nicht krank geworden. Das ist jetzt vielleicht lapidar gesagt, aber ich bin überzeugt, dass die Leute zu leichtsinnig sind."

Wir können doch nicht die Menschen durch unsere Station schleifen, wie durch ein Affengehege, damit sie endlich verstehen

Klaus Hampl, Intensivmediziner

Hampl erzählt von einem Besuch in einem Impfzentrum mit seiner Mutter. Zwei von drei Ordnern hätten keine Maske getragen, aber eng beieinander gestanden, ins Gespräch vertieft. Im Supermarkt habe in der Schlange hinter ihm ein Mann ohne Maske gestanden. "Da könnte ich verrückt werden", sagt er und ergänzt: "Die Leute raffen es einfach nicht, es ist so frustrierend. Wir können doch nicht alle durch unsere Station schleifen, wie durch ein Affengehege, damit sie es endlich verstehen."

Zusätzliche Sorge bereiteten ihm die Mutanten: "Was, wenn die nächste Mutante besonders Kinder trifft und die dann die Intensivstationen füllen? Darüber machen sich die Menschen keine Gedanken." Ein junger Arzt habe zu ihm gesagt: "Die da draußen, die haben uns einfach wieder vergessen." Es sei wie ein schlechter Film, mittlerweile in der dritten Staffel.

Das sagt die Mainzer Psychologin und Resilienzforscherin Prof. Michèle Wessa

"Es wird einen kurzen Aufschrei geben. Aber: Ja, ich bin für einen harten Lockdown, weil er uns eine Perspektive gibt", sagt Wessa. Im Moment wüssten die Menschen nicht, wie es weitergeht. Eine Perspektive gebe es nicht.

Corona-Kranke aus anderen Altersgruppen

Genau die würde ein harter Lockdown zurückbringen, auch wenn das widersprüchlich klinge. "Es gibt dann wieder klare Regeln. Und wir wüssten: Wir ertragen den harten Lockdown gemeinsam mit dem Wissen, dass die Zahlen dann auch definitiv runtergehen werden." Die unklaren Regeln, das belaste die Menschen. Hinzu komme, dass die Sorgen und Ängste größer seien als vor einem halben Jahr: "Bislang war Corona gefühlt noch oft weit weg. Aber die Gruppe der Betroffenen hat sich geändert, es ist näher dran an den Menschen, das lässt die Angst wachsen."

Ein harter Lockdown holt uns aus der Misere

Michèle Wessa, Resilienzforscherin und Psychologin

Aus psychologischer Sicht führe ein harter Lockdown dazu, dass jeder das Gefühl habe 'Ich trage zur Verbesserung der Situation aktiv bei'. "Das macht ja im Moment die Krise so schwer - wir fühlen uns so ausgeliefert. Mit einem Lockdown werden wir aktiv, wir gewinnen Kontrolle zurück und das macht die Sorgen ein bisschen kleiner."

Professorin Michèle Wessa aus Rheinland-Pfalz ist überzeugt, dass ein harter Lockdown unterm Strich gut für die Psyche wäre und die Corona-Zahlen runterbringen würde (Foto: Thomas Lohnes)
Professorin Michèle Wessa ist überzeugt, dass ein harter Lockdown unterm Strich gut für die Psyche wäre Thomas Lohnes

Die Umfragen, so Wessa weiter, zeigten auch: Der harte Lockdown sei nicht das, was die Mehrheit nicht wolle. Es sei die Unklarheit, die die Menschen nicht mehr wollen. "Das Wischi-Waschi bringt uns nicht weiter." Zu verkaufen sei ein harter Lockdown aber nur, wenn alle mit gleicher Stimme sprechen, mahnt die Psychologin Richtung Politik und ergänzt: "Ich verstehe nicht, was die Zerfleischerei in dieser Situation soll."

Die Struktur, die wir im Moment so dringend bräuchten, gehe gerade komplett verloren: "Die Menschen sind mürbe - und das ist eigentlich wirklich wie bei einem Mürbeteig: Einmal vorsichtig angestupst, dann zerbröselt der - beim Menschen ist es ähnlich. Ein kleines bisschen und dann ist einfach alles zu viel, dann geht nichts mehr." Deshalb: "Harter Lockdown - ja! Der holt uns aus der Misere. Wir müssen da durch, gemeinsam."

Das sagt der Mainzer Medizinethiker Prof. Norbert Paul

Klare Position auch vom Mainzer Medizinethiker: "Ich würde einen harten Lockdown jetzt befürworten", sagt Paul - knüpft einen solchen Schritt zugleich aber an eine ganz klare Bedingung.

Prof. Norbert Paul leitet den rheinland-pfälzischen Ethik-Beirat zu den Corona-Impfungen und erläutert das weitere Vorgehen. (Foto: SWR)
Prof. Norbert Paul leitet den rheinland-pfälzischen Ethik-Beirat

Er erklärt, dass sich derzeit die positiven Wirkungen der Impfungen auf das Infektionsgeschehen nicht voll entfalten könnten, nicht spürbar würden. Das liege zum einen an den hoch schnellenden Inzidenzen, zum anderen auch am sehr niedrigen Impftempo, das so zu Beginn der Impfkampagne nicht erwartet worden war. Diese Gemengelage führe gleichzeitig dazu, dass viele Menschen "persönlich einen hohen Preis zahlen". Als Beispiel nennt der Medizinethiker eine Operation, die verschoben werden muss, obwohl ein kranker Mensch sie ganz dringend braucht.

Harter Lockdown ja - aber gekoppelt an ein Ziel mit positiver Aussicht

Norbert Paul, Medizinethiker

"Die bittere Wahrheit ist: Es dürfte kein halbherziger Lockdown sein, sondern ein echter, harter, so wie in Irland." Dann könnte man erstens die "fulminanten Übertragungsraten mit Corona-Infektionen senken" und zweitens die Nachteile reduzieren, die für viele Menschen im Schlepptau der Pandemie entstehen.

Paul ist sich der Unwägbarkeiten und Belastbarkeiten eines harten Lockdowns bewusst. Dennoch ist der Medizinethiker überzeugt, dass ein solcher funktionieren könnte, wenn eine Bedingung erfüllt werde: "Wir müssen für uns alle ein echtes Ziel formulieren, das uns eine Perspektive gibt." Die Bevölkerung brauche dringend eine positive Aussicht und die sollte so aussehen: "Wenn wir 60 bis 65 Prozent der Menschen bei uns geimpft haben, dann können wir nicht mehr anders als lockern, dann kann es keine großflächigen Lockdowns mehr geben."

Ab einer solchen Impfquote müssten wir unser soziales Leben wieder aufnehmen, alles andere wäre eine unendliche Geschichte und nicht durchhaltbar. Utopische Vorstellung eines Wissenschaftlers? "Dänemark macht es gerade ähnlich und es scheint zu funktionieren."

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