STAND
AUTOR/IN

Die Schilderungen einer Frau aus Tübingen im SWR über die traumatisierende Geburt ihrer Zwillinge hat eine Welle an Reaktionen ausgelöst. Wie gewaltsam geht es im Kreißsaal tatsächlich zu? Einschätzungen aus Rheinland-Pfalz.

Magdalena Werner schilderte ihre Erinnerungen ruhig und klar. "Alles sprach für eine vaginale, natürliche Geburt, die ich mir auch sehr gewünscht hatte", berichtete die Frau aus Tübingen im SWR-Bürgertalk "mal ehrlich...". Was dann folgte, ließ den Zuschauern im Studio den Atem stocken: Eine Ärztin, die verbal Druck machte, vaginale Untersuchungen und medizinische Maßnahmen gegen ihren Willen, Drohungen und Demütigungen. "Das Ganze ist darin geendet, dass mir die Nachgeburt aus dem Körper gerissen worden ist." Werner beschreibt sich heute als hoch traumatisiert aufgrund des Erlebten.

Überwältigende Resonanz auf die Schilderungen

Ein extremer Einzelfall? Die Resonanz auf die Schilderungen Werners ist überwältigend. Auf Facebook wurde das entsprechende Video bislang rund drei Millionen mal angesehen, mehr als 9.000 Kommentare sind zu lesen. Viele Frauen offenbaren ihre eigenen negativen Erfahrungen bei der Geburt im Krankenhaus. Seit 2011 gilt der 25. November als "Globaler Tag gegen Gewalt in der Geburtshilfe". Dann legen Frauen, die sich betroffen fühlen, symbolisch eine rosafarbene Rose vor die betreffende Kreißsaaltür.

30 Prozent der Gebärenden betroffen?

Die Datenlage für Deutschland ist nicht sehr groß. "Internationale Studien zeigen, dass 30 Prozent der Gebärenden von einer Form der Gewalt betroffen sind", sagt Pia Müller vom rheinland-pfälzischen Ableger der Elterninitiative "Mother Hood e.V.". Müller sieht auf den Geburtsstationen vor allem "strukturelle Gewalt": Personalmangel, starre Abläufe, unzureichende Richtlinien. "Das fördert Eingriffe bei der Geburt, die nicht die Bedürfnisse der Frauen berücksichtigen und am Ende sogar ohne Einverständnis einfach routinemäßig durchgeführt werden", so Müller. "Dabei ist eine Geburt sehr individuell." Wegen der zu niedrigen Fallpauschalen für Geburten werde die Geburtshilfe für Krankenhäuser unrentabel. Folge: "Geburten sollen mit entsprechenden Maßnahmen beschleunigt werden." Doch es müsse klar sein: "Die Frau muss in jeden einzelnen medizinischen Eingriff einwilligen."

Elterninitiative: "Geburtshilfe völlig neu denken"

Nach Müllers Ansicht muss die Geburtshilfe "völlig neu gedacht werden". Die Liste der Forderungen ist lang: Mehr Stellen und eine bessere Ausbildung für Hebammen, Studienreform bei den Gynäkologen, Standards für die Betreuung definieren und eine Vergütung, die dem Aufwand für eine natürliche Geburt entspricht. Außerdem müsse eine 1:1-Betreuung einer Gebärenden durch eine Hebamme für die gesamte Geburt sichergestellt werden. In einem 10-Punkte-Plan für eine sichere Geburtshilfe hat der Verein seine Forderungen an die Politiker zusammengefasst. In Rheinland-Pfalz sitzen Vertreter mit am "Runden Tisch Geburtshilfe" des Landes.

Gewalt in der Geburtshilfe Thema unter jungen Hebammen

Dass das Thema Gewalt in der Geburtshilfe offenbar keine Geister-Debatte ist, bestätigt Ingrid Mollnar als Vorsitzende des rheinland-pfälzischen Hebammen-Verbands. Sie organisiert noch in diesem Monat eine Fachtagung für Hebammen-Schülerinnen, bei der das Thema ein Schwerpunkt auf der Tagesordnung ist. "Und der Wunsch danach kam aus den Reihen der jungen Hebammen", sagt Mollnar.

Auch Mollnar sieht durch den Arbeitsdruck auf den Geburtsstationen die Gefahr, dass die Achtsamkeit für die Schwangere und die Geburt verloren gehen kann. "Wenn zum Beispiel eine vaginale Untersuchung nicht ordentlich kommuniziert wird, ständig jemand raus und rein kommt, die ganze andere Stationsarbeit noch erledigt werden muss, die Schwangere sich dann allein gelassen oder überrumpelt fühlt, dann kann ein Klima im Kreißsaal eskalieren." Auch wenn das freilich für gewaltsame Eingriffe keine Entschuldigung sein könne. Mollnar sagt aber auch: "Ob man Dinge als Gewalt empfindet, hat auch was mit der eigenen Wahrnehmung zu tun. Für den einen kann schon ein Satz verbale Gewalt sein, und ein anderer nimmt den gar nicht weiter wahr."

"Wir brauchen vor allem die 1:1-Betreuung in der Geburt."

Ingrid Mollnar, Vorsitzende des Hebammen-Verbandes Rheinland-Pfalz

Hebammen-Kreißsäle auch für Rheinland-Pfalz

Mollnars Forderungen ähneln denjenigen der Elterninitiative "Mother Hood": "Wir brauchen vor allem die 1:1-Betreuung in der Geburt." Und sie erinnert an die Idee der Hebammen-Kreißsäle: Dabei handelt es sich um keinen besonderen Raum, sondern ein spezielles Betreuungskonzept. Hebammen betreuen dabei die Gebärende ähnlich wie bei Hausgeburten oder im Geburtshaus, jedoch unter dem Schutz des Krankenhauses. "Untersuchungen belegen, dass dort, wo solche Säle angeboten werden, die Zufriedenheit des Personals steigt. Und für die Frauen gibt es mehr Zeit, mehr Selbstbestimmung und weniger medizinische Interventionen."

Auch in Rheinland-Pfalz gibt es Pläne für solche Säle, wie das Gesundheitsministerium auf SWR-Anfrage bestätigt. So gebe es am Herz-Jesu-Krankenhaus Dernbach Bestrebungen, einen Hebammenkreißsaal einzurichten. Bei der letzten Sitzung des "Runden Tisches Geburtshilfe" Ende 2019 sei das Modell diskutiert und überwiegend positiv bewertet worden. Ein ähnliches Betreuungsmodell für Entbindende werde seit 2019 am Diakonissen-Stiftungskrankenhaus Speyer angeboten.

Mainzer Oberärztin: In der Geburtshilfe muss oft sofort entschieden werden

Und die Mediziner und Geburtshelfer? Dr. Sabine Berghof vom Katholischen Klinikum in Mainz (nicht die Klinik von Magdalena Werner) bestätigt, dass das Thema auf der Tagesordnung steht. "Man merkt das auf den Kongressen und Tagungen, dass das dort behandelt wird", sagt die Oberärztin im SWR-Interview. Losgelöst von dem konkreten Fall erklärt sie, es könne immer wieder eine Diskrepanz geben zwischen dem, was Frauen als gewaltsam empfinden und was ein Geburtshelfer als medizinisch notwendig ansieht. Geburtshilfe sei ein Fach, in dem oft sofort entschieden werden müsse, was als nächstes passiert. "Und wir dürfen nicht alle mütterlichen Wünsche respektieren, wenn dadurch das Kind gefährdet wird."

Kommunikation zwischen Frauen und Kliniken verbessern

Berghof glaubt, dass in der Kommunikation mit gebärenden Frauen einiges besser werden kann. In der Facharzt-Ausbildung gehe es inzwischen auch um Gesprächsführung, Psychosomatik und wie man Patienten besser ins Boot hole. Im Gegenzug könnten auch die Frauen oder Eltern nach einer Geburt auf die Klinik zukommen. "Dafür haben wir eine Sprechstunde, da holen wir die Akte heraus und können darüber sprechen, warum etwas anders gelaufen ist als es sich die Frauen vorgestellt haben oder warum sie etwas als gewaltsam empfunden haben."

"Schwere Geburt" noch einmal Thema im SWR-Bürgertalk

Gelegenheit zum Reden wird es zu dem Thema auch nochmal im SWR geben. Denn aufgrund der großen Resonanz greift der SWR-Bürgertalk dieses Thema noch einmal auf.

Interview mit Mainzer Ärztin "Ist das Kind gefährdet, müssen wir intervenieren"

Nach dem SWR-Bürgertalk über Gewalt bei Geburten haben viele Frauen ihre Erlebnisse im Kreißsaal geschildert. Im SWR-Interview spricht nun eine Oberärztin aus Sicht der Geburtshelfer über das Thema.  mehr...

STAND
AUTOR/IN