Viele Menschen sind zur Gedenkfeier für die Opfer der Flutkatastrophe am 14. Juli 2022 gekommen. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Landrätin Weigand: "Wir sind heute zusammengekommen, um gemeinsam zu trauern"

So beging RLP den Jahrestag der Flut im Ahrtal

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In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 regnete es so viel, dass kleine Flüsse und Bäche zu reißenden Strömen wurden und das Leben von tausenden Menschen im Land für immer veränderten.

Hunderte Häuser wurden weggespült, ganze Dörfer in nur einer Nacht zerstört, jahrzehntelang aufgebaute Infrastruktur kaputt gemacht und am Schlimmsten: 135 Menschen starben in den Wassermassen. Die Informationen und Bilder, die aus dem Ahrtal, Trier-Ehrang und vielen anderen Orten kamen, schockten ganz Rheinland-Pfalz. Die Betroffenen verloren ihre Häuser, ihr Hab und Gut, ihre Existenzgrundlagen und viele geliebte Menschen.

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Schnell begann der Wiederaufbau mit tausenden freiwilligen Helfern. Seit einem Jahr wird unermüdlich daran gearbeitet, die Flutgebiete wieder aufzubauen. Nun, genau ein Jahr nach der Flutkatastrophe, wurde innegehalten und der Verluste dieser einen Nacht gedacht.

Die zentrale Gedenkfeier in Bad Neuenahr-Ahrweiler
Der Besuch von Bundespräsident Steinmeier
Übersicht über die Veranstaltungen am und nach dem Jahrestag

Das zentrale Gedenken in Bad Neuenahr-Ahrweiler

Die zentrale Gedenkveranstaltung für die Flutopfer im Kurpark Bad Neuenahr-Ahrweiler begann mit Musik, während viele Menschen rund um die Bühne standen. Dann eröffnete Landrätin Cornelia Weigand (parteilos) die Veranstaltung, indem sie an die 134 Toten und zwei Vermissten im Kreis Ahrweiler erinnerte. "Unsere Trauer braucht Raum, sie darf sich den Raum nehmen, wann immer sie möchte. Wir sind heute zusammengekommen, um gemeinsam zu trauern", so Weigand. Viele Anwohner hätten angesichts anfänglicher Versprechungen von rascher und unbürokratischer Hilfe erst gedacht, der Aufbau gehe schneller. Nun zerrten die Verzögerungen an den Nerven. "Das polarisiert", warnte Weigand. Die Gesellschaft im Ahrtal dürfe nicht "auseinanderbrechen".

Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) ergänzte: "Ich kann nur erahnen, was der Jahrestag heute an Gefühlen auslöst. Es wäre vermessen zu sagen: 'Ich kann es nachfühlen', aber ich kann verstehen, dass viele so empfinden und ich kann mitfühlen, weil das Leid und die Trauer um die Toten und die Verwüstung so groß ist". Das Gedenken mache deutlich, dass die Menschen nicht allein seien. "Ganz Rheinland-Pfalz, ganz Deutschland und weit darüber hinaus schaut hierher, nicht nur heute. Das Versprechen der ersten Tage nach der Katastrophe gilt: Das Ahrtal ist nicht vergessen", so Dreyer.

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Eine ganz andere Art der Rede hielt Guido Orthen, Bürgermeister von Bad Neuenahr-Ahrweiler. Er führte ein Zwiegespräch mit einer Seele. "Wer bist du, der da mit mir spricht?" "Ich bin eine Seele, habe bis zur Flutnacht mitten unter euch gelebt. Hatte einen Namen, eine Familie, Freunde. Die Flut hat mich mitgenommen und mit mir 133 weitere Seelen." - So begann Orthen als Vertreter der Bürgermeister der betroffenen Orte. Er thematisierte, dass die Menschen nicht alleine seien, aber auch müde, enttäuscht, erschöpft, dass der Wiederaufbau nicht so schnell voran gehe, wie gewünscht. "Das macht uns manchmal mürbe, manchmal wütend", sagte er, als er in seinem Namen sprach.

Anwohnerinnen sprechen über ihre Erlebnisse und Gefühle des vergangenen Jahres

Nach weiteren musikalischen Einlagen von Künsterinnen und Künstlern vor Ort gab es eine Schweigeminute, in der auf einer Leinwand alle Namen der Verstorbenen als Sterne auf einen Himmel über der Silhouette des Ahrtals zogen. Dann kamen die Betroffenen selbst zu Wort.

Name eines Verstorbenes mit Stern, der in den Himmel steigt (Foto: SWR)
Für jeden in der Flutnacht Verstorbenen wurde ein Stern in den Himmel über das Ahrtal geschickt.

"Wir wohnen in Sinzig im Grünen Weg, 50 Meter von der Ahr entfernt. Bis vor einem Jahr wohnten wir dort mit der Gewissheit der Großeltern: 'Die Ahr kütt not in de Jarden, die woar noch nie in de Jarden', dann kam das Unvorstellbare und sie kam sogar ins Haus", begann der erste Redebeitrag. Sie hatten das Glück gehabt, evakuiert worden zu sein und dass niemand verletzt wurde. "Dann brach eine zweite unfassbare Welle über uns hinein: Die der Hilfe und der Solidarität, die uns getragen hat und noch immer trägt." Eine weitere Rednerin ergänzte: "Wir waren fassungslos, sprachlos und leer. Das Gefühl: Die Existenz ist weg. Das, was noch da war, war zerstört", doch sie seien schnell entschlossen gewesen: "Wir lassen uns von dieser Flut nicht unterkriegen".

"Was uns heute am meisten fehlt: Zum Beispiel die Fotoalben mit Erinnerungen an Kindsheitstage und Menschen, die verstorben sind."

"Wenn die Kinder nicht gesagt hätten, wir müssen gehen, hätte ich durch das Fenster geschaut und das Wasser gesehen. So mussten wir von den Nachbarn aus sehen, wie das Wasser die Fenster eindrückte", berichtete eine Anwohnerin. "Ich glaube, wir haben nur funktioniert, richtiges Denken war kaum möglich." Überragend seien die Helfer gewesen, die einfach angepackt hätten. Die Flut habe die Erkenntnis ins Bewusstsein gerufen, "mit wie wenig man zufrieden sein kann". "Was uns heute am meisten fehlt: Zum Beispiel die Fotoalben mit Erinnerungen an Kindsheitstage und Menschen, die verstorben sind."

"Ich bin so dankbar auch für die schönen Erlebnisse, die man nach der Flut erfahren hat: Die Helfer, die Hilfe, durch die man wieder Hoffnung geschöpft hat."

Die Leiterin des Seniorenheims Altenburg berichtete, dass sie gemeinsam mit 10 Mitarbeitern alle Bewohnerinnen ins Dachgeschoss gerettet habe und bis Freitagabend dort geblieben sei. Dabei habe sie sehen müssen, wie ihr eigenes Haus gegenüber vom Wasser verschluckt wurde. "Ich bin so dankbar auch für die schönen Erlebnisse, die man nach der Flut erfahren hat: Die Helfer, die Hilfe, durch die man wieder Hoffnung geschöpft hat", sagte sie nun ein Jahr später.

Das Programm von Bundespräsident Steinmeier

Frank-Walter Steinmeier hat zwar nicht an der zentralen Gedenkveranstaltung in Bad-Neuenahr-Ahrweiler teilgenommen, war aber am Vormittag im Ahrtal unterwegs und traf sich mit Betroffenen der Flutkatastrophe. Zunächst sprach er mit Wilfried Laufer, dessen Weinstube in Altenahr zerstört wurde und am Freitag wieder öffnen wird. Steinmeier hatte Laufer bei der Gedenkveranstaltung auf dem Nürburgring am 2. September vergangenen Jahres kennengelernt. Laufer erzählte dem Bundespräsidenten damals, dass er gemeinsam mit seinem Vater das Weinlokal betrieben hatte und der Vater in der Flutnacht gestorben war.

"Ich habe bei meinem letzten Besuch im Ahrtal versprochen: 'Wir werden Euch nicht vergessen'. Auch deshalb bin ich heute hier, dieses Versprechen einzuhalten, zu sehen, was ist vorangekommen, wo fehlt es noch und Danke zu sagen", so Steinmeier. Er bewundere den Mut der Betroffenen und unzähligen Helfern, die das Ahrtal wieder aufbauten. Er hoffe, dass dieses Positivbeispiel auch andere Betroffene motiviere, weiterzumachen.

Im Gespräch mit Menschen an der Ahr: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l.) und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (r.)  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Thomas Frey)
Im Gespräch mit Menschen an der Ahr: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l.) und die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (r.) picture alliance/dpa | Thomas Frey

Auch in Dernau traf Steinmeier auf Menschen, die er bereits kennengelernt hatte

Anschließend tauschte er sich mit Dreyer, Lokalpolitikern und Helferinnen über die aktuelle Lage im Ahrtal aus. Die Landrätin des Kreises Ahrweiler, Cornelia Weigand, forderte unter anderem ein vereinfachtes Baurecht, um dringend notwendige Infrastrukturmaßnahmen schneller umsetzen zu können. Seelsorgerinnen und Vertreter von Hilfsorganisationen machten deutlich, dass mehr Personal benötigt werde, um die Menschen im Ahrtal bei ihrer Traumabewältigung zu unterstützen. 

Auch bei seinem zweiten Stopp in Dernau besuchte er Flutopfer, bei denen Steinmeier schon kurz nach der Katastrophe war und die alles verloren hatten. Maik Rönnefahrts Schreinerei wurde komplett zerstört, heute sehe man fast keine Spuren der Flut mehr, bilanzierte Steinmeier. Die hochmoderne Schreinerei könne sich seitdem energetisch nahezu autark versorgen und spiele bei den Wiederaufbauarbeiten im Ahrtal, insbesondere für Privathaushalte, eine wichtige Rolle.

Der Bürgermeister von Dernau, Alfred Sebastian, berichtete beim Treffen mit Steinmeier, "dass die Stimmung langsam kippt". Der Wiederaufbau sei auch eine Frage des Alters: Junge Anwohner schauten eher nach vorne und bauten wieder auf, ältere Bürgerinnen zögerten. Sebastian sprach auch die Verseuchung vieler Häuser mit Heizöl in der Flut an: Erst vergangene Woche habe in Dernau ein Ehepaar im Alter von Mitte 80 erfahren müssen, dass sein Haus nach fehlgeschlagenen Rettungsversuchen nur noch abgerissen werden könne.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l.) und Ministerpräsidentin Malu Dreyer in der Schreinerei Rönnefarth in Dernau (Foto: SWR)
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (l.) und Ministerpräsidentin Malu Dreyer in der Schreinerei Rönnefarth in Dernau.

Übersicht über die weiteren Termine am und nach dem Jahrestag

Am Jahrestag und in den kommenden Tagen gibt es noch weitere dezentrale Gedenkveranstaltungen in den Kommunen. In der Ortsgemeinde Dorsel wird ein Gedenkstein enthüllt, in Antweiler gibt es ein Gedenken in Form einer Lichterandacht. Insul plant eine Menschenkette und in Schuld gibt es nach einem Gottesdienst ein gemeinsames Erinnern am Trafo-Turm. Im Sinziger Stadtteil Bad Bodendorf gibt es ein gemeinsames Gedenken und ein Konzert. Fast überall werden außerdem Gedenkgottesdienste angeboten und die Kirchen öffnen bis in die Nacht ihre Türen für Betroffene. Auch in der Region Trier gibt es Gedenkveranstaltungen, ebenso in Nordrhein-Westfalen, wo ebenfalls Menschen in den Fluten starben.

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