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Seit Jahren machen Kliniken in Rheinland-Pfalz ihre Kreißsäle dicht. Dazu kommt der Hebammenmangel im Land. Das wollen alle Parteien ändern. Doch nicht alle Vorschläge wirken konkret.

Der jüngste Einschnitt trifft werdende Mütter im Westerwald. Seit dem 1. Februar ist die Geburtsstation des Cura-Krankenhauses in Bad Honnef geschlossen. Der Verlust der Station von zuletzt 700.000 Euro pro Jahr war dem Betreiber zu hoch.

Zwar liegt Bad Honnef in Nordrhein-Westfalen, doch Schwangere aus dem nahegelegenen rheinland-pfälzischen Rheinbreitbach müssen nun statt sieben bis zu 50 Minuten Autofahrt einplanen, um die nächste Klinik in Neuwied zu erreichen.

Geburtshilfekliniken in Rheinland-Pfalz schließen

Das Sterben von Geburtshilfeeinrichtungen ist jedoch auch in Rheinland-Pfalz deutlich zu spüren. Laut Gesundheitsministerium wurden in den vergangenen zehn Jahren 19 von 49 Geburtshilfekliniken geschlossen – ein Minus von 39 Prozent. Einer IGES-Studie im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums zufolge nahm die Anzahl der Geburtskliniken in Rheinland-Pfalz zwischen 1991 und 2017 sogar um 52 Prozent ab. Das ist die zweitschlechteste Wert im Ländervergleich.

Als Hauptgrund für Schließungen führen kleinere Krankenhäuser im ländlichen Raum, die besonders häufig betroffen sind, niedrige Fallpauschalen an. Gepaart mit den wenigen Geburten in den Häusern sei kostendeckendes Arbeiten unmöglich, heißt es immer wieder.

Den Schließungen steht jedoch eine steigende Zahl an Geburten in Rheinland-Pfalz entgegen: Für 2011 führt das Statistische Landesamt 31.081 Neugeborene auf, die aktuellsten Geburtenzahlen von 2019 liegen bei 37.173 Kindern.

Kritik: Zu wenige Studienplätze für Hebammen

Dazu kommt der Mangel an Hebammen in Rheinland-Pfalz - sowohl in den Kreißsälen als auch in der außerklinischen Hebammenversorgung. Eine Prognose im Auftrag des rheinland-pfälzischen Gesundheitsministeriums ergab für das Jahr 2025 einen Mangel von 59 Hebammen und Entbindungspflegern.

Um den Beruf attraktiver zu machen, läuft seit 2020 die Umstellung der bisherigen Ausbildung auf ein Studium. Damit setzt Deutschland als letztes Land eine EU-Richtlinie um, die eine Vergleichbarkeit der Abschlüsse ermöglichen soll. Zudem hat der Bundestag im vergangenen November ein Hebammenstellen-Förderprogramm verabschiedet, das mehr Stellen schaffen soll.

In Rheinland-Pfalz sind laut Hebammenverband bislang 40 Hochschulplätze für Hebammen pro Jahr ab Herbst 2021 geplant. Das sei zwar begrüßenswert, jedoch nicht ausreichend. Mindestens 40 weitere Studienplätze seien notwendig.

Problematik ist in der Landespolitik präsent

Der rheinland-pfälzischen Landespolitik ist die Gesamtproblematik bekannt. Allein in der aktuellen Legislaturperiode verzeichnet die Parlamentsdatenbank Opal zu den Schlagworten Hebammen und Geburtshilfe 103 Treffer bei Anfragen und Dokumenten.

Auch die Landesregieurng nimmt seit Jahren Stellung zur Thematik und verweist neben dem Studiengang auf den Runden Tisch Geburtshilfe oder die Unterstützung von Hebammenzentralen. Spürbar verbessert hat sich die Situation jedoch nicht.

Parteien präsentieren im Landtagswahlkampf Lösungsvorschläge

Im heraufziehenden Landtagswahlkampf präsentieren die im Landtag vertretenen Parteien auf SWR-Anfrage Vorschläge, wie sie die Geburtshilfe in Rheinland-Pfalz zukünftig verbessern wollen.

So strebt die SPD eine "familienzentrierte Geburtshilfe" an, die Familien vor, während und nach der Geburt berät. Dazu soll das Programm "Guter Start ins Kinderleben" des Landes beibehalten werden. In den beteiligten Geburtskliniken stünden speziell geschulte Familienhebammen sowie Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger zur Seite. Diese unterstützen die Familien frühzeitig dabei, mit der neuen Situation nach der Geburt ihres Kindes und mit möglichen neuen Herausforderungen gut umzugehen. Was konkret verbessert werden soll, bleibt unklar.

CDU will mehr Handlungsspielräume für Geburtskliniken

Die CDU stellt die Krankenhäuser in den Mittelpunkt und wirbt für eine gezielte Förderung von gynäkologischen und geburtshilflichen Abteilungen. Zudem will sie die Hebammenzentralen im Land, die geburtsbegleitende Familienberatungen, Geburtsvor- und Nachbereitungskurse und die Vermittlung von Hebammen übernehmen, stärken und ausbauen.

Die Grünen werden konkreter und werben damit, die Akademisierung des Hebammenberufs zügig umzusetzen. Für jeden Ausbildungsplatz, der wegfalle, soll ein Studienplatz entstehen. Außerdem wollen sie ein Geburtshilfestärkungsgesetz beschließen, vorhandene Geburtsstationen im Land erhalten und ein flächendeckendes Netz von Hebammenzentralen aufbauen.

Geburtshäuser wollen die Grünen ebenso fördern wie Niederlassungen von Hebammen. Zudem soll der Personalschlüssel in Kreißsälen verbessert werden und die Bezahlung von Hebammen steigen. Eine weitere Idee: mehr hebammengeleitete Kreißsäle.

FDP: Bezahlung der Hebammen an akademische Ausbildung anpassen

Auch die FDP will die bestehenden Geburtsstationen in Krankenhäusern erhalten, besonders in den ländlichen Regionen von Rheinland-Pfalz. Dazu fordert die Partei eine separate Kalkulation von relevanten Fallpauschalen, um die Unterfinanzierung der Kinderabteilungen zu beenden. Um die Situation von Hebammen zu verbessern sei es zudem wichtig, dass es genügend Studienplätze für angehende Hebammen geschaffen würden, und ihre Bezahlung an den akademischen Ausbildungsweg angepasst werde, heißt es von der FDP.

Die AfD will mit bedarfsgerechten Investitionen finanzielle Schieflagen der Kliniken und Schließungen von geburtshilflichen Abteilungen verhindern. Dazu will sich die Partei für eine Evaluation der sogenannten Sicherstellungszuschläge einsetzen. Diese bekommen Krankenhäuser, die für die regionale Basisversorgung notwendig sind, aber - aufgrund der geringen Fallzahlen - relevante Abteilungen nicht kostendeckend finanzieren können.

Ebenso soll der Zuschlag den Hebammen zur Deckung der gestiegenen Haftpflichtversicherungsprämien erhalten überprüft werden. Die AfD schlägt außerdem vor, die Zahl der Studienplätze deutlich auszuweiten, hebammengeleitete Kreißsäle einzurichten und den Betreuungsschlüssel zwischen Hebamme und Müttern zu verbessern.

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