In Sozialen Netzwerken wird und wurde immer wieder vor Plünderungen von Geschäften und privaten Häusern im Flutgebiet gewarnt. Die Polizei kann solche Berichte nicht bestätigen. Die Verwüstung dieser berufsbildenden Schule wurde von der Flut und nicht von Plünderern verursacht. (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa | Thomas Frey)

Fake News, gut gemeinte Warnungen und echte Diebstähle

Berichte über Plünderungen im Flutgebiet: Was ist da dran?

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In Medien und Sozialen Netzwerken ist seit der Flutkatastrophe immer wieder von Plünderungen im Hochwassergebiet zu lesen. Was ist da dran und woher kommen die Berichte?

"Plünderungen bei Nacht" - Es sind Schlagzeilen wie diese der "Bild"-Zeitung, die beim Lesen Empörung und Wut triggern. Menschen in Not, denen das Hochwasser fast alles genommen hat, werden von Kriminellen auch noch die letzten Habseligkeiten und Wertgegenstände geraubt.

Zwar lieferte die Boulevardzeitung zu dieser "unglaublichen Geschichte" vor zwei Wochen keine weiteren Informationen, doch finden sich Berichte über Plünderungen und Diebstähle im Flutgebiet auch in anderen Medien - hier allerdings mit konkreten Beispielen und meist mit einer Einordnung durch die Polizei:

Medienberichte: Werkzeug, Elektrogeräte und Juweliergeschäft "geplündert"

So meldete etwa die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" Anfang September, dass eine Gruppe Osteuropäer an einer Sammelstelle für Freiwillige jede Menge Werkzeug und Arbeitskleidung stehlen wollte. Als vermeintliche Helfer getarnt, hätten sie das Material in zwei Kleintransporter geladen. Auf Nachfrage des Organisators wurde jedoch schnell klar, dass sie keinesfalls auf dem Weg an die Ahr waren.

Die "Berliner Morgenpost" titelte am 5. August "Raubzug im Katastrophengebiet - wie Plünderer Not ausnutzen" und berichtete von Fällen in Nordrhein-Westfalen. Die "Deutsche Presseagentur" (dpa) schrieb eine Woche nach der Flut von "dreisten Dieben", die Elektrogeräte aus einer Lagerhalle entwendet haben. Und "TV Mittelrhein" berichtete in seinem Onlineauftritt von "mutmaßlichen Plünderern in einem Juweliergeschäft" und von Menschen, die unmittelbar nach der Flut angefangen hätten, in den Ahr-Thermen zu plündern.

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Polizei: Können Informationen über Plünderungen nicht bestätigen

Lars Brummer von der Pressestelle des Polizeipräsidiums Koblenz kann Berichte über Plünderungen nicht bestätigen. Es habe Einzelfälle von Eigentumsdelikten im Flutgebiet gegeben. "Wir haben aber bewusst darauf verzichtet, von Plünderungen zu sprechen, weil man sich da eher Gangs aus Filmen vorstellt, die mit Stühlen eine Schaufensterscheibe einwerfen und einen Laden ausräumen", erklärt der Polizeihauptkommissar. Juristisch entspräche eine Plünderung dem Tatbestand eines schweren Landfriedensbruches. So etwas habe es im Ahrtal aber nicht gegeben.

Allen Meldungen über verdächtige Personen im Flutgebiet sei die Polizei aber nachgegangen. Meist hätten die Kolleginnen und Kollegen aber berechtigte Personen angetroffen, die beispielsweise abends mit Taschenlampen noch einmal nach ihren Häusern geschaut hätten.

230 registrierte Eigentumsdelikte im Ahrtal

Seit der Flut am 15. Juli wurden im Polizeipräsidium Koblenz bis Anfang September im Zusammenhang mit der Flutkatastrophe rund 230 Eigentumsdelikte erfasst. Aus dem Innenminsterium heißt es dazu, dass die Ermittlungen größtenteils nicht abgeschlossen seien und der Verdacht einer Straftat möglicherweise nicht in allen Fällen aufrecht erhalten werden könne.

Der größte Teil der registrierten Delikte bezieht sich den Angaben nach auf den Diebstahl von Fahrzeugen, die nach der Flut aber in der Mehrzahl auf örtlichen Sammelplätzen wieder aufgefunden wurden. In rund zehn Fällen seien Werkzeuge der Arbeitsgeräte wie Stromaggregate entwendet worden.

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Keine Plünderungen aber 24 Anzeigen in Flutgebieten rund um Trier

Auch im Polizeipräsidium Trier vermeidet man das Wort Plünderungen. Den Angaben nach sind in Trier-Ehrang und den überfluteten Gemeinden entlang der Sauer bis Anfang September 24 Strafanzeigen erstattet worden, darunter Eigentums- und Betrugsdelikte sowie Nötigungen. "Plünderungen, wo Geschäfte oder Häuser leergeräumt wurden, gab es nicht", sagt Hauptkommissar Karl-Peter Jochem, der stellvertretende Leiter der Pressestelle.

Zu den Diebstählen, die gemeldet wurden, gehört beispielsweise der von der dpa beschriebene Fall entwendeter Elektrogeräte aus einer Lagerhalle in Wittlich. In Trier-Ehrang stahlen Unbekannte Bargeld und persönliche Gegenstände aus einer Wohnung, die die Eigentümerin wegen des Hochwassers verlassen musste. In Metzdorf an der luxemburgischen Grenze wurden unter anderem der Diebstahl eines Notstromaggregats, mehrerer Pressluftflaschen und einer Kfz-Batterie zur Anzeige gebracht.

Warnungen in Sozialen Netzwerken vor Plünderern im Katastrophengebiet

In Sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Twitter wurde unmittelbar nach der Flut und wird bis heute immer wieder vor Plünderern gewarnt. So werden etwa in öffentlichen Gruppen wie "Hochwasserhilfe für den Großraum Eifel" oder "Eifel für Eifel" Kennzeichen von Fahrzeugen gepostet, deren Fahrer verdächtigt werden, Dinge zu klauen. Ein weiteres Beispiel ist der Aufruf eines Nutzers, nachts Straßen auszuleuchten, "da es nachts dort wohl öfter zu Plünderungen und Diebstahl kommt".

So wie in diesem Post möglicherweise das Wort "wohl" signalisiert, dass es hier nicht um bestätigte Fakten geht, sind es auch in vielen anderen Fällen Geschichten vom Hörensagen oder Aufrufe, wachsam zu sein, die geschrieben und massenhaft geteilt werden.

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Doch warum hält sich das Bild von den Plünderungen? Hauptkommissar Brummer aus Koblenz führt viele Meldungen der ersten Wochen nach der Flut darauf zurück, dass tausende Helfer im Flutgebiet unterwegs gewesen seien, die von außerhalb kamen. Da sei es für Anwohner und Polizei kaum möglich gewesen, bei jedem Pickup mit Bautrockner auf der Ladefläche zu überprüfen, ob es sich um einen Helfer handelt.

"Bei den meisten steht der Hilfsgedanke im Vordergrund. Man hat etwas gehört und warnt mal lieber mit", vermutet er. Dass speziell vor Plünderungen gewarnt werde, liege vielleicht auch daran, dass bei dem Begriff in den Köpfen direkt ein Bild entstehe, das aus Filmen oder Medien bekannt sei.

Sein Kollege Jochem aus Trier ruft dazu auf, nicht ungeprüft Nachrichten auf Facebook zu teilen. Das sei hoch problematisch, weil das oft unbegründet Ängste schüre, die schwer wieder einzufangen seien.

Plünderung eines Supermarktes stellt sich als einzelner Diebstahl heraus

Die Dynamik, die das Weitererzählen dabei entwickeln kann, lässt sich exemplarisch auch an einem Fall aus Altenahr zeigen. Den SWR erreichte nach der Flut die Nachricht, in Altenahr sei ein Supermarkt von der Freiwilligen Feuerwehr in eine Grundschule verlegt worden, weil es zu Plünderungen gekommen sei.

Eine Nachfrage vor Ort ergab, dass der Supermarkt von den Brandschützern selbst aufgebrochen worden sei, um die Menschen an den von der Außenwelt abgeschnittenen Sammelstellen mit Lebensmitteln, Kleidung und Toilettenpapier versorgen zu können. Ein Anwohner habe im Anschluss mehrere volle Einkaufswagen vom Supermarkt in sein eigenes Haus gefahren. Da er nicht von der Flut betroffen gewesen sei, hätten mehrere Privatpersonen eine Anzeige gestellt.

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