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Die rheinland-pfälzische Bioethik-Kommission kommt bei der Bewertung der sogenannten Genschere zu einem anderen Ergebnis als der Deutsche Ethikrat. Der hatte Eingriffe ins Erbgut bei klinischen Anwendungen als kritisch bewertet und ein internationales Moratorium empfohlen. Medizinische Chancen sollten gefördert und nicht verhindert werden, so der rheinland-pfälzische Justizminister Mertin.

Mit der sogenannten Genschere Crispr/Cas19 kann das Erbgut fast jeden Lebewesens, einschließlich des Menschen, verändert werden, ohne dass fremde Gene eingebaut werden müssen. Die Methode wird deshalb auch als Genom-Editierung bezeichnet. Über die Folgen der Technologie hat die Bioethik-Kommission des Landes drei Jahre lang beraten. Jetzt liegt ein Abschlussbericht vor. Ein Moratorium bei Eingriffen ins Erbgut sei weder "zielführend" noch "durchsetzbar", teilte Justizminister Herbert Mertin (FDP) am Dienstag bei der Vorstellung mit.

Der Deutsche Ethikrat hatte im vergangenen Jahr eine Stellungnahme zur Genscheren-Technik veröffentlicht. Darin hieß es, solche Verfahren seien derzeit aufgrund der Risiken unzulässig, ethisch aber nicht grundsätzlich auszuschließen. Mertin sagte, Deutschland müsse sich Gedanken machen, wie das Thema gesetzlich geregelt werden könne. Der internationale Entwicklungsdruck lasse es nicht zu, dass in Deutschland der Gesetzgeber weiter warte, nationale Antworten zu finden.

Mertin: Chancen fördern, statt verhindern

Auch wenn zum gegenwärtigen Stand der Forschung ein Keimbahneingriff noch nicht vertretbar sei, könnten nach Auffassung der Kommission Fälle denkbar sein, in denen schweres menschliches Leiden durch eine entsprechende Therapie vermieden werden kann, ohne dass unvertretbare Risiken zu befürchten wären, erklärte der Minister. Die möglichen Chancen sollten eher gefördert als verhindert werden. Voraussetzung sei, dass schwere Nebenfolgen ausgeschlossen werden können. Ein praktisches Regierungshandeln werde sich aus dem Bericht nicht ableiten, erklärte der Minister.

Ethisch sehr umstrittenes Verfahren

Zum Einsatz kommt die Genschere bisher beispielsweise in der Pflanzenzucht. So kann durch das Entfernen bestimmter Erbgut-Abschnitte etwa die Resistenz gegen eine bestimmte Krankheit erreicht werden.

Ethisch wird das Verfahren seit seiner Vorstellung im Jahr 2012 heiß diskutiert. Denn ob die Schere an der richtigen Stelle schneidet und das Erbgut wirklich wie gewünscht verändert wird, weiß der Forscher im Falle der Pflanze erst, wenn sie im Gewächshaus steht.

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Kommission prüft soziale, rechtliche und wirtschaftliche Fragen

Dem Gremium gehören rund 20 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Ethik, Theologie, Medizin, Natur- und Rechtswissenschaften sowie Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Gewerkschaften und zuständigen Landesministerien an. Es soll die Landesregierung frühzeitig über die Einordnung neuer Technologien und ihre möglichen Folgewirkungen beraten. Dabei geht es auch um die sozialen, wirtschaftlichen und rechtlichen Perspektiven.

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