Heizöl wir getankt. Die Energiepreise steigen rasant (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance / Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa | Patrick Pleul)

Knappheit und Hamsterkäufe

Hohe Energiepreise belasten Privathaushalte, Wirtschaft und Bauern in RLP

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Matthias Weber

Seit Beginn des Krieges in der Ukraine steigen die Energiepreise rasant an - auch in Rheinland-Pfalz. Ein Problem für Privathaushalte, Wirtschaft und Bauern.

2,008 Euro kostete der Liter Superbenzin der Sorte E10 am Montag im Schnitt an deutschen Tankstellen, der Liter Diesel sogar 2,032 Euro. Das teilte der ADAC mit. Auch die Preise für Heizöl und Gas steigen seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine und die wirtschaftlichen Sanktionen gegen Russland kräftig an.

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Autofahrer aus der Region Trier fahren wegen der weiter steigenden Spritpreise derzeit wieder zunehmend zum Tanken nach Luxemburg. Der dortige Mineralölverband teilte mit, in Luxemburg sei das Tanken im Schnitt etwa 30 bis 50 Cent pro Liter günstiger. Das ziehe Kunden aus dem Grenzgebiet an.

Händler berichten von Hamsterkäufen

Die hohen Energiepreise sorgen offenbar auch bei den Heizöl-Kunden in Rheinland-Pfalz für Unruhe. "Es gibt Hamsterkäufe", sagt Svenja Arenz vom Koblenzer Heizölunternehmen Arenz auf SWR-Anfrage. Viele wollten offenbar ihre Tanks noch komplett auffüllen, es würden 500 oder 800 Liter bestellt, "das ist nicht der übliche Heizöleinkauf".

Auch Petra Müller von Heizöl Müller in Trier erklärt, "es wird viel mehr gekauft als sonst". Ihr Unternehmen verkaufe pro Person nur noch höchstens 2.000 Liter, damit alle etwas bekämen. Es gebe aber auch viele Menschen, die könnten angesichts der hohen Preise nur noch geringe Mengen ordern.

"Neulich hat eine ältere Dame am Telefon bitterlich geweint und gesagt, sie könne es sich nicht mehr leisten zu tanken. Da muss irgendjemand helfen."

Von Hamsterkäufen berichtet auch Marco Pokorny von Heizöl Dengler aus Ellerstadt an der Weinstraße. Es gebe aber auch viele, die "leerlaufen" - bei denen der Tank also komplett leer sei. "Die kaufen dann 500 oder 1.000 Liter", sagt Pokorny. Insgesamt gebe es aktuell mehr Bestellungen als sonst, es könnten aber nicht alle Kunden beliefert werden, "weil wir von den Zwischenhändlern nur begrenzt Ware bekommen".

Reserven bei Öl und Gas

Natürlich seien Privathaushalte und Wirtschaft von den Preiserhöhungen betroffen, sagt Alexander Winkler aus der SWR-Wirtschaftsredaktion. Frieren müsse aber zunächst einmal niemand. Deutschland habe eine strategische Ölreserve und auch die Gastanks seien zum Teil gefüllt.

Auch Stadtwerke, Energiekonzerne und Verbände beteuern, dass es bis zumindest bis zum Sommer keine dramatischen Folgen für Verbraucher geben werde - und zwar auch dann nicht, wenn Russland seine Gas- und Ölexporte stoppen würde. "Die Gasspeicher sind im Moment so gefüllt, dass wir uns nicht vor einem Embargo fürchten müssen", sagte Marie-Luise Wolff, Vorstandsvorsitzende des Darmstädter Versorgers Entega, tagesschau.de.

Sorge bei der Industrie

Auch die Industrie blickt mit großer Sorge auf die hohen Energiepreise. "Wirtschaftlich könnte die Lage für energieintensive Branchen sehr problematisch werden, sollte Gas in Europa knapp werden", sagt Hauptgeschäftsführer Wolfgang Große Entrup vom Verband der Chemischen Industrie (VCI). "Den Chemieunternehmen drohen in diesem Fall explodierende Preise für Erdgas bei einem ohnehin historisch extrem hohen Preisniveau."

Der weltgrößte Chemiekonzern BASF musste allein im letzten Quartal des vergangenen Jahres infolge der höheren Gaspreise Mehrkosten in Höhe von etwa 800 Millionen Euro verkraften. Vorstandschef Martin Brudermüller sagte bei der Bilanzvorlage Ende Februar, er rechne nicht mit einer schnellen Erholung.

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Zwar können sich vor allem große Konzerne mit verschiedenen, langjährigen Lieferverträgen vor kurzzeitigen Preiskapriolen schützen. Doch selbst der langfristigste Vertrag läuft irgendwann mal aus.

Auf SWR-Anfrage teilte die BASF am Dienstag mit, derzeit erfolge die Belieferung mit Erdgas an allen europäischen Standorten der BASF noch bedarfsgerecht. Der hohe Anteil des russischen Erdgases - "30 bis 40 Prozent an den Gaslieferungen in der EU und 50 Prozent in Deutschland" - seien aber nicht zu ersetzen. Deshalb würde sich der Konzern darauf einstellen, die Produktion zu kürzen.

Boehringer sieht schwierige Lage

Auch der Pharmahersteller Boehringer Ingelheim spricht von einer "weltweit schwierigen Lage", die Kostensteigerungen mit sich bringen werde. Im Stammwerk in Ingelheim sei die Situation aber weniger schwierig, sagt Unternehmenssprecher Matthias Reinig auf SWR-Anfrage - und verweist auf das werkseigene Biomasseheizkraftwerk.

Im September vergangenen Jahres hatte der Konzern mit dem Bau eines neuen Biomasseheizkraftwerks am Standort Ingelheim begonnen. Damit will Boehringer sich weiter unabhängiig vom Energiemarkt machen und zudem die standorteigenen CO2-Emissionen deutlich reduzieren. Das neue Kraftwerk soll 2023 den Betrieb aufnehmen.

Land fordert Hilfsprogramm für die Wirtschaft

Die rheinland-pfälzische Wirtschaftsministerin Daniela Schmitt (FDP) hatte vor einer Woche darauf hingewiesen, dass die rheinland-pfälzische Industrie im Bundesvergleich energieintensiv sei. "Dies ist Folge unserer Wirtschaftsstruktur. Unsere Unternehmen sind bereits erfolgreich energieeffizienter geworden – jetzt brauchen Sie aber eine Brücke in Form eines Hilfsprogramms, um so die steigenden Energie- und Rohstoffkosten kurzfristig in Griff zu bekommen", sagte die Ministerin.

Auch Landwirtschaft leidet unter Kriegsfolgen

Der Krieg in der Ukraine wirke sich auch auf die Landwirtschaft in
Rheinland-Pfalz aus. Das sagte Landwirtschaftsstaatssekretär, Andy Becht (FDP), am Donnerstag im Agrar-Ausschuss des Landtags.

Es sei mit weiteren Preissteigerungen bei allen Agrarrohstoffen, Dünge- und Futtermitteln zu rechnen, so Becht. Diese Entwicklung werde auch bei den Verbrauchern an der Supermarktkasse ankommen. Die Kostensteigerungen stellten die Höfe in Rheinland-Pfalz vor enorme zusätzliche Herausforderungen. Auch die Kosten für die Milchproduktion würden weiter steigen, prognostiziert Becht.

Abgeordnete aller Fraktionen forderten die Landesregierung
auf, stillgelegte Ackerflächen für die Produktion von
Nahrungsmitteln freizugeben. Zudem müsse sichergestellt werden, dass genügend Saisonarbeitskräfte ins Land kommen.

Beim Landmaschinenhersteller John Deere in Zweibrücken werden nach Bechts Angaben 160 aus Russland oder der Ukraine bestellte Großmähdrescher nicht ausgeliefert oder gebaut werden.

Transportunternehmen warnen vor Einschnitten im ÖPNV

Die rheinland-pfälzische Transportbranche fordert in einem Brief an Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) "schnellstmöglich Unterstützung" von der Landesregierung. Die rasant gestiegenen Spritpreise würden immer mehr zu einer Gefahr für die Wettbewerbsfähigkeit und Existenz mittelständischer Firmen.

"Unsere Unternehmen stehen im knallharten Wettbewerb mit mittel- und osteuropäischen Unternehmen, die in ihren Heimatländern deutlich billiger tanken können", erklärte Heiko Nagel, der Geschäftsführer des Dachverbandes der Mobilitäts- und Logistikbranche Rheinland-Pfalz (Molo), am Dienstag.

Die täglich neuen Höchststände bei den Treibstoffkosten gefährdeten nicht nur Transport- und Logistik-, sondern auch viele Busunternehmen. Durch die Explosion der Dieselpreise drohten "massive Einschnitte" im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) oder der Wegfall von Fahrten von und zu Schulen, sagte Nagel weiter.

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