Kind chattet im Internet. Cybergrooming wird ein immer größeres Problem. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / empics | Dominic Lipinski)

Vermehrt Fälle - auch durch Corona

Cybergrooming: So können Sie Kinder vor Übergriffen im Netz schützen

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AUTOR/IN
Jana Klimczak

In Rheinland-Pfalz werden Kinder im Internet zunehmend sexuell belästigt. Nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie vermehren sich die Fälle etwa von Cybergrooming.

Es beginnt meist vermeintlich harmlos. Eine Chatnachricht von einem anderen Nutzer im Netz. Der neue Kontakt ist freundlich, zeigt Verständnis für Probleme, macht Komplimente oder kleine Geschenke wie Likes oder virtuelles Spielgeld.

Im Laufe der Zeit wird das Gespräch intimer: Kinder und Jugendliche werden nach sexuellen Erfahrungen gefragt. Sie werden aufgefordert, Bilder und Videos von sich zu schicken, sich live vor der Webcam auszuziehen - oder gar sich persönlich mit dem vermeintlich neuen Freund zu treffen.

Große Gefahr: Messenger und Chats

Die Gefahr droht überall dort, wo es online die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme gibt - auf beliebten Plattformen wie TikTok, Snapchat, Instagram - oder Messengern wie WhatsApp. Aber auch bei Online-Spielen mit Chatfunktion wie Minecraft, FIFA oder Fortnite.

Das Internet macht es Kriminellen viel einfacher als vormals, an Minderjährige heranzutreten. Die Täter geben sich online als Gleichaltrige aus, mit falschem Namen und falschem Profilbild und versuchen sich das Vertrauen von Kindern und Jugendlichen zu erschleichen.

Wie kann ich mein Kind vor Cybergrooming schützen?

Vertrauensbasis aufbauen und im Gespräch bleiben
Eine Vertrauensbasis zu schaffen ist laut der Jugenschutzbeauftragten der Stadt Mainz, Doreen Becker, das A und O. "Dadurch entsteht eine andere Art von Beziehung. Es passiert mehr an Austausch und das Kind geht früher zu den Eltern", so Becker. Auch das Fachportal klicksafe, das von der Medienanstalt Rheinland-Pfalz koordiniert wird, rät dazu, regelmäßig nach Online-Erlebnissen zu fragen - und Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, dass sie sich bei Problemen jederzeit an die Eltern wenden können, ohne sich schämen oder Strafen fürchten zu müssen.

Plattformen gemeinsam auswählen und anmelden
Zudem rät Doreen Becker Eltern unbedingt, sich mit der Welt des Kindes, den Plattformen, Apps und Spielen auseinanderzusetzen und gemeinsam altersgerechte Angebote auszuwählen. Beim Anmelden sollten die Eltern helfen, so klicksafe. So könne man sich die Datenschutz- und Privatsphärebestimmungen ansehen und entsprechend einstellen, beispielsweise Standortdienste ausschalten. Außerdem solle man die Kinder darauf aufmerksam machen, dass sie einen Online-Chat jederzeit abbrechen können - und sie mit Melde- und Blockiersystemen vertraut machen.

Über Risiken aufklären und für Datenschutz sensibilisieren
Grundsätzlich ist es wichtig, Kinder und Jugendliche für einen vorsichtigen Umgang mit privaten Daten zu sensibilisieren. Das eigene Alter, der Wohnort oder die Schule sollten im Chat nicht verraten, keine Bilder und Videos verschickt werden. Die Webcam ausgeschaltet bleiben. Klicksafe rät außerdem dazu, Sicherheitsregeln für die Online-Kommunikation zu vereinbaren und mit Kindern zu besprechen, bei welchen Warnzeichen sie misstrauisch werden sollten - etwa, wenn Fremde im Netz Geschenke versprechen oder privat weiter chatten wollen.

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Bei Verdacht: Anzeige erstatten

Nach Angaben des Landeskriminalamtes ist es wichtig, bei Verdacht die Person zu blockieren und sie beim Betreiber von Webseite oder App zu melden. Als spätere Beweismittel sollten Screenshots des Chat-Verlaufs gemacht und schließlich Anzeige bei der Polizei erstattet werden.

Laut Klicksafe kontaktieren die Täter nicht nur einzelne Kinder und Jugendliche, sondern verschicken "massenhaft" Chatnachrichten. "Selbst wenn man selbst der Gefahr entgangen ist, kann man durch Melden innerhalb der Plattform oder auch eine Anzeige bei der Polizei verhindern, dass Täter*innen andere Kinder und Jugendliche missbrauchen", heißt es auf der Webseite.

Kinder stärken und zu Botschaftern machen

Für Jugendschutzbeauftragte Doreen Becker ist es vor allem wichtig, die Kinder nach einer solchen Erfahrung zu stärken. "Sie sollen erkennen, dass so etwas jedem passieren kann und sie damit nicht alleine sind."

Gleichzeitig würde sie die Kinder ermutigen, ihren Freundinnen und Freunden davon zu berichten, zu "Botschaftern" für das Thema zu werden. Das sei auch eine Form der Prävention und erfülle die Kinder oftmals auch mit Stolz: "Wir denken, dass wir so ganz viele andere Kinder erreichen, die dann vorsichtiger sind."

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Einwirkung auf Kinder im Internet nimmt zu - auch in RLP

Die Internetkriminalität nimmt in Rheinland-Pfalz stetig zu. Das zeigt etwa die Polizeiliche Kriminalstatistik von 2021. Dazu gehört unter anderem die Verbreitung von kinderpornografischen Dateien - aber auch das Einwirken auf Kinder im Internet, etwa mit Schriften oder pornografischen Abbildungen.

Die Anzahl dieser Fälle hat sich in den vergangenen fünf Jahren in Rheinland-Pfalz mehr als vervierfacht. Das zeigen Zahlen des Landeskriminalamtes, die dem SWR vorliegen. 2017 wurden demnach noch 43 solcher Fälle erfasst, 2021 waren es 185. Das Phänomen Cybergrooming als solches wird allerdings nicht explizit in der Kriminalstatistik des Landes ausgewertet.

In den ersten sechs Monaten diesen Jahres wurden nach Angaben des LKA 66 Fälle in der Statistik verzeichnet, bei denen Kinder im Internet belästigt wurden - unter anderem mit pornografischen Inhalten bis hin zur Vorbereitung des sexuellen Missbrauchs. Expertinnen und Experten gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer beim Cybergrooming deutlich höher liegt. Denn das Thema ist sehr schambehaftet und nicht alles wird zur Anzeige gebracht.

Corona-Pandemie begünstigt Online-Bekanntschaften

Auch der Fachbereich Kinder und Jugendschutz der Stadt Mainz erhält zunehmend Anfragen zum Thema Cybergrooming. "Es kommen vorwiegend Eltern, deren Kinder im Internet auf ein Fakeprofil reingefallen sind", erklärt die Jugendschutzbeauftragte Doreen Becker gegenüber dem SWR. Ein Grund: die Corona-Pandemie. Die Kontakte seien deutlich eingeschränkt gewesen, die Bereitschaft auf neue Bekanntschaften einzugehen größer, die Kinder vermehrt im Internet.

Im Amt für Jugend und Familie in Mainz habe es bislang vor allem Fälle von Mädchen im Alter von 11 bis 13 Jahren gegeben. Der Gefahren seien sich die Kinder nicht bewusst, im Gegenteil: "Die Mädchen sind richtig verliebt, die haben Herzen in den Augen", beschreibt Becker. Diese seien im Internet von vermeintlich Gleichaltrigen angeschrieben und vor allem angeflirtet worden. "Und das finden sie erstmal toll", so die Jugendschutzbeauftragte.

Auch wenn der vermeintlich neue Verehrer nach Nacktbildern frage, würden die Kinder nicht unbedingt misstrauisch. Die Eltern seien in der Regel durch Zufall auf die Chats gestoßen und hätten sich dann an das Jugendamt gewandt.

Studie: Viele Kinder von Cybergrooming betroffen

Auch Untersuchungen belegen die Zunahme solcher Fälle im Netz. Für eine Studie im Auftrag der Landesanstalt für Medien in NRW wurden mehr als 2.000 Kinder und Jugendliche zwischen 8 und 18 Jahren in ganz Deutschland befragt. Fast ein Viertel gab dabei an, schon einmal im Netz von einem Erwachsenen zu einem Treffen aufgefordert worden zu sein.

Jedem sechsten Kind wurde von älteren Onlinekontakten eine Gegenleistung versprochen, wenn sie Bilder oder Videos von sich verschicken. Jedes siebte Kind wurde aufgefordert, sich vor einer Webcam auszuziehen oder die Handykamera anzuschalten. Die Studie zeigt auch: Jungen und Mädchen sind fast gleichermaßen betroffen, Mädchen etwas häufiger.

Weitere Hilfsangebote und Informationsmaterial zu Cybergrooming:

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