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Der Streit um mehr Wechselunterricht in Rheinland-Pfalz spitzt sich zu. Nur in wenigen Städten haben Schulen umgestellt. Eltern, Schüler, Lehrer und die CDU-Opposition erhöhen den Druck auf das Bildungsministerium.

Die Landesregierung gibt dem Präsenzunterricht bisher den Vorrang. "Die Schulen sind nicht die Hotspots und nicht die Treiber der Pandemie", erklärte Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) am Dienstag erneut. Dem SWR sagte sie, man halte sich daran, was Bund und Länder beschlossen hätten, nämlich einen Wechselunterricht ab einer Inzidenz über 200. Es bleibe dabei, dass der Präsenzunterricht für die Schülerinnen und Schüler ganz wichtig sei, und zwar in allen Altersklassen, so die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK).

Zahlen des Landesuntersuchungsamtes zeigten, dass in den Schulen in Rheinland-Pfalz nur sehr wenige Übertragungen des Virus stattfinden, so Hubig. Und seit es eine Maskenpflicht ab der 5. Klasse gebe, stagniere die Tendenz oder gehe weiter nach unten. Das zeige, dass man auf dem richtigen Weg sei. Es gebe auch viele Rückmeldungen von Eltern, Lehrern und Schülern, die für einen Präsenzunterricht seien.

Langzeitstudie vom Spätsommer bis Dezember

Vom 17. August bis zum 4. Dezember 2020 wurden dem Landesuntersuchungsamt von den Gesundheitsämtern 232 sogenannte Indexfälle unter Schülerinnen und Schülern oder Kitakindern gemeldet, das sind die Erstinfizierten. Für diese 232 Kinder, Jugendlichen oder Erwachsenen konnten 8.371 Kontaktpersonen der Kategorie 1 ermittelt werden. Von diesen 8.371 Kontaktpersonen wurden 7.378 mittels PCR auf eine Infektion getestet. In 37 Einrichtungen mit einem Erstinfizierten konnte eine Übertragung festgestellt werden. Insgesamt wurden 81 Personen angesteckt. Das entspricht einer Ansteckungsrate von 0,97 Prozent. Zum Vergleich: Bei Haushaltskontakten liegt diese laut Landesuntersuchungsamt bei 18,8 Prozent.

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Wissenschaftler der Leopoldina für Aufhebung der Schulpflicht

Die Schulen könnten "ein wesentlicher Teil des Infektionsgeschehens" sein. So sieht es dagegen die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina in einer aktuellen Empfehlung. Sie fordert die Aufhebung der Schulpflicht ab der kommenden Woche bis Weihnachten. Und für den Wiederbeginn des Unterrichts ab dem 10. Januar empfehlen die Wissenschaftler bundesweit einheitliche Regeln für einen Wechselunterricht in den weiterführenden Schulen, die ab einem bestimmten Infektionswert greifen sollen.

CDU: Hubigs Position "unhaltbar und unverantwortlich"

Die CDU-Landtagsfraktion verschärft den Ton gegenüber der Ministerin. Hubigs bisherige Vorgehensweise, Studien so zu interpretieren, dass Schulen quasi "Nullrisikogebiet" seien, sei "schlichtweg unhaltbar und unverantwortlich", so die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Anke Beilstein. Hubig solle auf wissenschaftliche Erkenntnisse hören. Ihr "Mantra", Schulen seien kein Ort der Ansteckung gehe an der Wirklichkeit vorbei.

Es sei unbestritten, dass Präsenzunterricht die beste Unterrichtsform ist, erklärte Beilstein. Aber um Präsenzunterricht dauerhaft möglich zu machen, müssten präventiv alle Wege beschritten werden, die das Infektionsrisiko minimierten. Dazu gehöre nun einmal auch Wechselunterricht. Hubigs Zögern und die Hinhaltetaktik bis zu den Weihnachtsferien leisteten einen Beitrag dazu, dass die Infektionszahlen nicht sinken.

Wie die CDU-Fraktion beruft sich auch der Philologenverband auf eine Expertenanhörung des Bildungsministeriums vom Montagabend. Der Leipziger Forscher Markus Scholz habe darauf hingewiesen, dass die Altersgruppe der bis zu 15-Jährigen in der jüngsten Welle der Pandemie "viel stärker betroffen" gewesen sei als im Frühjahr. Die Vorsitzende des Philologenverbands, Cornelia Schwartz sagte, es gebe "keine andere Wahl als Wechselunterricht", wenn vollständige Schulschließungen vermieden werden sollten. Hubigs Vorgehen findet sie "fahrlässig".

Laut einer Studie des Landesuntersuchungsamtes ist die Infektionsgefahr jedoch für Kinder und Jugendliche in Rheinland-Pfalz zu Hause weitaus höher als in Kitas und Schulen; in Schulen und Kitas liege sie bei weniger als einem Prozent, im häuslichen Kontext dagegen bei rund 19 Prozent.

Auch Landeselternbeirat sieht sich nach Expertenanhörung bestätigt

Nach der Expertenanhörung mit Hubig sieht sich dennoch auch der Landeselternbeirat in seiner Forderung nach mehr Wechselunterricht "vollinhaltlich bestätigt".

"Wir fordern die schnellstmögliche Verkleinerung der Lerngruppen" - so heißt es bereits in einer Online-Petition, die mittlerweile fast 29.000 Eltern, Schüler und Lehrer unterzeichnet haben. Und weiter heißt es dort: "Wir fordern die Möglichkeit des Hybridunterrichts im Schichtbetrieb – mit Sicherung der Betreuung für berufstätige Eltern."

Landeselternsprecher Reiner Schladweiler kritisierte am Dienstag erneut, dass es weiterhin keine ausreichenden Lösungen gibt, um die Schüler in den Klassenräumen vor dem Coronavirus zu schützen. Die Politik habe es verschlafen über Alternativen zu Masken und Lüften nachzudenken. In den Schulen fehle es an Plexiglasscheiben und Raumluftreinigern. Es müsse zwar das Ziel sein, den Schulunterricht auch während der Pandemie aufrecht zu erhalten, dies könne jedoch nicht auf Kosten der Gesundheit gehen, sagte Schladweiler dem SWR.

Wechselunterricht nur in Corona-Hotspots

Bisher ist es in Rheinland-Pfalz so, dass es nur in Hotspots mit durchschnittlich mehr als 200 Neuinfektionen innerhalb von sieben Tagen je 100.000 Einwohner kleinere Klassen und Wechselunterricht geben soll. In Speyer gibt es seit dem 2. Dezember an den weiterführenden Schulen Wechselunterricht. Das Konzept sieht dort vor, dass die Schülerinnen und Schüler der Klassen 8 bis 10 täglich zwischen zuhause und der Schule wechseln. In den Klassen 11 und 12 soll dieser Wechsel wochenweise stattfinden. Auch einige Schulen in Mainz haben inzwischen umgestellt.

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