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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) will ab dem 15. Oktober Antigen-Schnelltests auf das Coronavirus bereitstellen - jeden Monat neun Millionen. Sie sollen vor allem dem Gesundheitswesen, aber auch Veranstaltern helfen. Aber in welchem Verhältnis stehen Aufwand, Nutzen und Sicherheit?

Ein großes Problem während der Corona-Pandemie besteht für viele Branchen darin, dass sich die Rahmenbedingungen oft schlagartig ändern. Ein Beispiel ist das gerade erst beschlossene Beherbergungsverbot von Gästen aus deutschen Risikogebieten. Die Touristen müssen aktuelle Negativtests vorlegen. Doch das Infektionsgeschehen ist dynamisch, der eigene Wohnort plötzlich Risikogebiet.

Das macht etwa den ohnehin gebeutelten Jugendherbergen zu schaffen. Viele Gäste hätten teilweise kurzfristig stornieren müssen, sagt Jacob Geditz, Vorstandsvorsitzender der Jugendherbergen in Rheinland-Pfalz und im Saarland dem Politikmagazin Zur Sache Rheinland-Pfalz. "Das tut weh." Vor allem, weil die Politik zuvor doch die Bürger dazu aufgerufen habe, in Deutschland Urlaub zu machen. "Das muss ein Ende haben. Es muss klare Regelungen geben. Alles andere ist nur Flickwerk."

Wissenschaftler bei Bioscentia sind skeptisch

Geditz schätzt, dass die meisten Jugendherbergsleiter bereit dafür sein würden, Corona-Schnelltests durchzuführen, um so den Gästen einen Aufenthalt bieten zu können - wenn die Tests einfach zu machen seien.

Genau das bezweifelt der Ingelheimer Labordienstleister Bioscentia. Bei der Anwendung seien Fehler möglich, zum Beispiel bei der Entnahme der Proben. Für einen richtig durchgeführten Schnelltest müsse, genau wie beim PCR-Test, ein Rachenabstrich genommen werden. Das könnte für medizinische Laien schwierig sein.

Hinzu komme: Ein Antigentest sei weniger empfindlich und spezifisch als ein Labortest. "Die Schnelltest werden uns mit Sicherheit in bestimmten Situationen einen zusätzlichen Nutzen geben", erklärt Bioscentia-Geschäftsführer Oliver Harzer. Aber man müsse sich auch bewusst machen: "Erst wenn schon eine erhebliche Menge an Viruslast bei einem Patienten vorliegt, geben die Tests ein zuverlässiges Ergebnis."

Schnelltests nicht immer sinnvoll

Der Test sei etwa gut geeignet, um bei symptomatischen Patienten festzustellen, ob sie eine Erkältung oder sich eben doch mit Sars-CoV-2 angesteckt hätten. Gesunde Menschen, bevor sie zum Beispiel Angehörige im Pflegeheim besuchen, schnell mal testen - das sei nicht ratsam. "Menschen, die noch keine sehr hohe Viruslast haben - wie das ja in der Frühphase der Infektion ist - die würden wir übersehen."

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Die Erwartung des Mediziners an die Politik: Bewusstsein für die Risiken schaffen, die trotz Schnelltests bestehen blieben. Es müsse klar differenziert und kommuniziert werden, in welchen Situationen die Tests gemacht werden könnten: Steht der Besuch einer Person an, die zur Risikogruppe gehört? Geht es darum, am Schulunterricht teilzunehmen oder in der Freizeit eine Veranstaltung zu besuchen?

Nürburgring: Corona-Tests vor Formel 1-Rennen durchgeführt

Am Nürburgring kamen im Rahmen des Formel 1-Rennens PCR-Tests vor Ort zum Einsatz. Sie wurden dort umgehend ausgewertet und teilweise per Kurier in ein Labor gebracht - so lag binnen einer Stunde ein Ergebnis vor. Kommen durften zum Rennen Gäste, die aus Risikogebieten anreisten, nur dann, wenn sie einen negativen Corona-Test vorweisen konnten, der maximal 48 Stunden alt war. Für alle, die keinen Test vorweisen konnten, gab es ein eigenes Testcenter am Ring. 50 bis 60 Schnelltests pro Stunde konnten laut den Organisatoren dort durchgeführt werden.

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Die Kommunikation dieser Maßnahmen und die Bereitschaft, sie zu ergreifen, habe für viel Verständnis gesorgt, berichtet ein Sprecher des Unternehmens. Die Schnelltests hätten Besuchern, deren Ticket aufgrund ihres Wohnorts gesperrt war, die Möglichkeit gegeben, doch noch teilnehmen zu können. Aus Sicht der Veranstalter war entscheidend, dass genug Personal da war, um die Tests zu machen und auszuwerten. Sie brächten zwar einen erhöhten Aufwand mit sich, aber böten auch die Chance, Veranstaltungen trotz Corona möglich zu machen.

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