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Bei Kindern verlaufen Corona-Infektionen oft mild. Dennoch kann es zu Langzeitfolgen kommen und manchmal sogar zu einer besonders gefährlichen Folgeerkrankung, wie ein Fall aus Speyer zeigt.

Bei Muhammed aus Speyer wurde im vergangenen November eine Corona-Infektion festgestellt: Der Verlauf war mild, lediglich einen Tag lang habe er sich etwas schlecht gefühlt, erzählt der Neunjährige. Er schien alles gut überstanden zu haben. Sechs Wochen später verschlechterte sich plötzlich sein Zustand. Zuerst bekam Muhammed starke Bauchschmerzen. In der Nacht wachte er dann mit hohem Fieber, Übelkeit und Kopfschmerzen auf. "Ich konnte fast nichts mehr machen", erzählt der Junge dem Politikmagazin Zur Sache Rheinland-Pfalz.

Sechs Wochen nach Corona-Infektion auf die Intensivstation

Weil es immer schlimmer wurde, kam Muhammed ins Krankenhaus. Dort waren die Ärzte zunächst ratlos: Erst ging man von einer Magen-Darm-Erkrankung aus, später von einer Blinddarmentzündung. Immer mehr Symptome kamen dazu: Hautausschlag, Wassereinlagerung, steifer Nacken. Sein Zustand war so schlecht, dass er auf die Intensivstation kam.

Kontrolle beim Arzt: Der hört beim neunjährigen Muhammed nach seiner PIMS-Erkrankung die Lunge ab. (Foto: SWR)
Der neunjährige Muhammed muss wegen seiner PIMS-Erkrankung nach wie vor regelmäßig zur ärztlichen Kontrolle.

Erst am zweiten Tag auf der Intensivstation stand fest: Muhammed hat PIMS - eine besonders gravierende Spätfolge einer Coronavirus-Infektion bei Heranwachsenden. Muhammed war das erste Kind in Rheinland-Pfalz mit dieser Diagnose. Zu seinem Aufenthalt im Krankenhaus sagt Muhammed: "Es war das Schlimmste, was ich je erlebt habe. Hätten die Ärzte mir nicht geholfen, wäre ich schon weg. Mein Herz hat gar nicht mehr richtig geschlagen."

Rund zwei Wochen musste der Junge im Krankenhaus bleiben. Seit Mitte Januar ist er zwar wieder zuhause, aber er fühlt sich immer noch schlapp. Das Treppensteigen fällt ihm schwer, auch das Atmen unter der Maske, außerdem leidet er unter Schlafstörungen und Konzentrationsmangel. Auch sein Herz wird noch überwacht - aufgrund der geringen Wahrscheinlichkeit, dass es noch zu einer Entzündung kommt.

PIMS-Fälle schon in mehreren Städten in Rheinland-Pfalz

Nach Muhammed in Speyer wurden in Rheinland-Pfalz inzwischen auch PIMS-Fälle aus Ludwigshafen, Kaiserslautern, Trier, Wittlich, Bad Kreuznach, Worms, Koblenz und Neuwied gemeldet. Die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) hat bislang deutschlandweit 281 Fälle von PIMS bei Kindern erfasst. Die meisten müssen auf der Intensivstation behandelt werden. Todesfälle gab es laut DGPI in Deutschland bislang nicht.

Aber: "Nur knapp die Hälfte der betroffenen Kinder und Jugendlichen sind bei der Entlassung aus dem Krankenhaus komplett PIMS-frei. Viele haben noch Restsymptome und manche tragen sogar dauerhafte Schäden davon", erklärt David Beck aus der SWR-Wissenschaftsredaktion. Generell seien Jungen gefährdeter, die Krankheit zu bekommen, obwohl sich Mädchen und Jungs ungefähr gleich häufig mit dem Coronavirus infizierten.

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PIMS tritt immer erst einige Wochen nach einer Corona-Infektion auf. Die PIMS-Wellen hinken den Infektionswellen also hinterher. "Das bedeutet, dass wir in den kommenden Wochen wieder mit einem Anstieg der PIMS-Fälle rechnen müssen", so Beck.

Bei Fieber nach Corona-Infektion besser schnell ins Krankenhaus

"PIMS in Folge von COVID kannten wir nicht, das ist was Neues", beschreibt Ulrich Merz die noch recht unklare Lage. Er ist Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am St. Marien- und St. Annastiftskrankenhaus in Ludwigshafen. Er rät allen Eltern: Sollten Kinder und Jugendliche nach einer überstandenen Covid-Infektion hohes Fieber oder Hautausschlag bekommen - nicht zögern, sondern gleich zum Kinderarzt oder ins Krankenhaus fahren und auf PIMS untersuchen lassen.

Bestehe Verdacht auf PIMS, könne man versuchen, dies mit dem Nachweis von COVID-Antikörpern zu bestätigen, so Merz. Bei 85 Prozent der Kindern seien die Antikörperwerte erhöht. Denn PIMS sei eine Immunantwort des Körpers auf die Corona-Infektion. Ein PCR-Test hingegen falle meist negativ aus.

Trotz mildem Corona-Verlauf - Spätfolgen treffen auch Kinder

Seit Wochen steigen die nachgewiesenen Corona-Fälle bei Kindern und Jugendlichen. Das zeigen Daten des Robert Koch-Instituts. "Da sehen wir eine Veränderung gegenüber 2020, wo wir dachten, Kinder sind gar nicht betroffen. Das muss man jetzt revidieren", so Merz. Gut 50 Prozent der Kinder zeigen bei einer Infektion keine Symptome. Vor Spätfolgen wie PIMS oder auch Long Covid sind sie allerdings dadurch nicht gefeit.

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Genaue Statistiken zu Long Covid bei Kindern fehlen noch

Kinder und Jugendliche scheinen immerhin seltener von Long Covid betroffen zu sein als Erwachsene, sagt SWR-Wissenschaftsredakteur David Beck. "Genaue Zahlen gibt es nicht, aber Schätzungen gehen davon aus, dass ungefähr fünf Prozent der Infizierten unter langanhaltenden Symptomen leiden. Bei Erwachsenen könnten es mehr als 30 Prozent sein. Das dürfte auch daran liegen, dass das Risiko bei schweren Krankheitsverläufen größer zu sein scheint und solche Verläufe sind bei Kindern einfach sehr selten."

Um Folgeerkrankungen zu verhindern, hilft im Endeffekt nur eins: Ansteckungen vermeiden. Eine Impfung ist aktuell für Kinder nicht möglich, denn momentan sind die Impfstoffe nicht für Kinder und Jugendliche zugelassen. Die Studien liefen noch, erklärt Beck. "Biontech hat in den USA bereits für Jugendliche ab zwölf eine Zulassung beantragt - auch in Europa soll ein Antrag bald folgen."

Eltern sollen sich zum Schutz der Kinder impfen lassen

Deshalb sei es umso wichtiger, dass sich Kontaktpersonen von Kindern impfen lassen, sagt der rheinland-pfälzische Landesvorsitzende des Berufsverbands Kinder- und Jugendärzte, Lothar Maurer. Eltern, Erzieher und Lehrer seien die ersten Infektionsquellen für Kinder. "Gerade Kinder unter zwölf stecken sich fast immer nur von Erwachsenen an - und nicht untereinander." Solange die Kontaktpersonen also nicht alle geimpft seien, müsse man vorsichtig bleiben. Im Juni soll die Impfpriorisierung laut Bundesregierung aufgehoben werden. Maurer sagt: "Ich kann nur allen Eltern empfehlen, sich zu impfen, um ihre Kinder mitzuschützen."

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