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Aus Hygienegründen ist Einweg in Corona-Zeiten Trumpf. Alles wird gefühlt doppelt und dreifach verpackt, Wegwerfen hat Hochkonjunktur. Aber explodieren die Müllmengen in Rheinland-Pfalz wirklich?

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Schon zu Beginn der Pandemie machte der Müll Schlagzeilen: Die Deponien, die noch offen hatten, mussten teils kilometerlange Schlangen Ausmist-Wütiger abarbeiten. Die Menschen investierten die durch die Corona-Beschränkungen neu gewonnene Zeit ins Entrümpeln ihrer Keller und das Aufhübschen ihrer Gärten.

Mehr Biomüll durch bessere Mülltrennung

Die Zentrale Abfallwirtschaft Kaiserslautern (ZAK) musste zeitweise der zwei- bis dreifachen Menge an Garten- und Parkabfällen Herr werden, sagt Vorstand Jan Deubig im Gespräch mit dem SWR. Doch auch beim Haushaltsmüll änderten sich in Kaiserslautern die Mengen - zumindest teilweise. Beim Restmüll - in dem korrekterweise auch Einweg-Mundschutze und -handschuhe landen müssten - wurde laut Deubig keine Veränderung festgestellt. Allerdings wuchs die eingesammelte Menge an Biomüll an.

In Mainz ist die Entwicklung im März und April - den Monaten, in denen alles anfing - identisch. Deubig vermutet, dass die Erklärung hierfür eine ganz einfache ist: "Wenn die Restmülltonne voll ist, ist sie voll. Die Leute haben wohl einfach besser getrennt. Dadurch fiel mehr Biomüll an, während die Restmüll-Menge gleichblieb".

Gut, aber was ist mit den Einweg-Verpackungen? Wie ist die Entwicklung beim Kunststoffmüll, der im Gelben Sack landet? Da verweist Deubig auf die ziemlich komplizierte Struktur bei der Entsorgung dieser Abfälle: auf die diversen Dualen Systeme, die in Deutschland um den Plastikmüll konkurrieren und in deren Auftrag private Entsorgungsbetriebe den Müll einsammeln.

Zehn Prozent mehr Verpackungsmüll

Die Firma Becker aus Enkenbach-Alsenborn ist so einer - ein Betrieb, der in weiten Teilen Rheinhessens und der Pfalz für Verpackungsmüll zuständig ist. Und die Pfälzer bestätigen die Vermutung: Seit Beginn der Pandemie ist die Müllmenge angestiegen. Um zehn Prozent, schätzt Becker-Prokurist Marc Grutza. Und das ziemlich konstant über die Dauer der Corona-Beschränkungen hinweg.

Die Verpackungen, die die Firma Becker einsammelt, landen unter anderem bei Der Grüne Punkt in Köln. Das ist eine der Firmen, die im Dualen System Deutschlands den Verpackungsmüll verarbeitet. Hier hat man für ganz Rheinland-Pfalz eine Steigerung von zehn Prozent erfasst. Auch die Entsorgungsbetriebe in Mainz und Trier bestätigen den Trend und melden vor allem für den April bei den so genannten Leichtverpackungsabfällen Zuwachsraten im niedrigen zweistelligen Bereich.

Verbraucher machen viel mehr Müll als die Gastronomie

Aber müssten sich nicht auch die teils wochenlang geschlossenen Restaurants und Imbisse auf die Müllmenge auswirken? Und zwar mit dem gegenteiligen Effekt? Dass die Zahlen trotzdem anstiegen - auch dafür haben die Müll-Experten eine so simple wie schlüssige Erklärung: Während Gastronomen in großen Mengen einkauften, in großen Gebinden oder Gefäßen, kauften die Menschen für den privaten Gebrauch viele, viele kleine Verpackungen - so dass in der Summe durch die Vielzahl der zusätzlichen Einkäufe bei gleichzeitig teils komplett ausfallender Gastronomie mehr Verpackungsmüll anfiel, heißt es vonseiten des Grünen Punkts.

Das Umweltbundesamt teilt diese Ansicht: "Zuhause fallen kleinere Portionsgrößen an, dadurch werden meist materialintensivere Verpackungen benötigt als in der Gastronomie." Und man befürchtet aufseiten der Behörde, dass eine Zunahme der "To Go"-Angebote seit Wiederanlaufen der Gastronomie das Problem noch verschärfen könnte.

Keine Atempause im Sommer?

Ob das so kommt oder ob sich die Lage in den nächsten Wochen wieder entspannt, bleibt abzuwarten. Auch die Müllbranche ist ein Saisongeschäft. Im Sommer, wenn die Menschen in den Urlaub fahren, sinkt die Menge für gewöhnlich deutlich. Auch diese Delle könnte in diesem Jahr aber ausfallen - analog zu den Urlauben vieler Menschen.

Das Umweltbundesamt hat immerhin für Städter einen Tipp zur Verpackungsmüll-Vermeidung: Häufiger mal in einen Unverpackt-Laden gehen. Auch wenn das aktuell eher ein Tropfen auf einem heißen Stein zu sein scheint.

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