STAND
AUTOR/IN

Schwangere gelten in der Corona-Pandemie als besonders gefährdet, werden aber nicht geimpft. Genau das fordern nun aber medizinische Fachverbände und sorgen damit auch in Rheinland-Pfalz für Diskussionen.


Das Papier, das elf Fachverbände aus dem Bereich der Gynäkologie und der Geburtshilfe am 4. Mai veröffentlicht haben, hat es in sich. Einerseits, weil die Forderung der generellen Freigabe von mRNA-Impfstoffen für Schwangere die Position der Ständigen Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut angreift. Diese schreibt in ihrer aktuellsten Impfempfehlung nämlich noch: "Zur Anwendung der COVID-19-Impfstoffe in der Schwangerschaft liegen aktuell keine Daten vor. Die STIKO empfiehlt die generelle Impfung in der Schwangerschaft derzeit nicht."

Schwangere haben deutlich höheres Risiko für schwere Covid 19-Verläufe

Für Aufsehen sorgt das Papier aber auch, weil die Fachverbände die verfügbaren Studien ausgewertet haben, und erschreckende Zahlen zutage fördern: Demnach haben Schwangere, die sich mit dem Coronavirus anstecken, im Vergleich zu nicht-schwangeren, infizierten Frauen ein deutlich höheres Risiko für einen schweren Covid 19-Verlauf. So landen infizierte Schwangere rund sechs Mal häufiger auf einer Intensivstation, eine Beatmung ist etwa 23 Mal häufiger notwendig. Auch das Sterblichkeitsrisiko von Schwangeren mit Covid-19 liegt im Vergleich rund 26 Mal höher.

Audio herunterladen (2,8 MB | MP3)

Drastisch sind dem Papier nach auch die Auswirkungen auf die Geburt. So steigt beispielsweise das Risiko für Frühgeburten durch eine Corona-Infektion um 80 Prozent. Kommt ein schwerer Verlauf hinzu, treten Frühgeburten mehr als vier Mal häufiger auf. Ähnlich sieht es bei den Totgeburten aus. Dazu kommen ein erhöhtes Risiko für Thrombosen, Organschäden aufgrund von Bluthochdruck (Präeklampsie) und weitere Komplikationen für Schwangere und Neugeborene.

Fachverbände: Gebt die mRNA-Impfung für Schwangere frei

Die Schlussfolgerung der Verbände ist eindeutig. Sie empfehlen, "schwangere und stillende Frauen priorisiert mit mRNA-basiertem Impfstoff gegen COVID-19 zu impfen." Diese Auffassung vertritt auch Rüdiger Gaase. Der Wormser Gynäkologe und rheinland-pfälzische Landesvorsitzende des Berufsverbandes der Frauenärzte (BVF) sagt: "Für die Impfung von Schwangeren spricht einerseits das erhöhte Risiko für Komplikationen. Andererseits aber auch der Nestschutz, also dass Mütter bei einer Impfung mit einem mRNA-Impfstoff Antikörper an das Kind weitergeben."

Bei der Frage nach den Risiken für Mütter und ihre ungeborenen Kinder verweist Gaase auf die gemeinsame Empfehlung der Fachverbände. Dort steht, eine mRNA-Impfung bei Schwangeren führe nicht vermehrt zu Fehl-, Tot- oder Frühgeburten, fetalen Wachstumseinschränkungen, Fehlbildungen oder Säuglingstoden. Auch gebe es kein erhöhtes Krankheits- oder Sterblichkeitsrisiko für die Schwangere und ihre Feten durch eine mRNA-Impfung. Bei den Nebenwirkungen seien im Vergleich von geimpften Schwangeren und nicht-Schwangeren keine Unterschiede festgestellt worden.

"Da sind die Menschen, die das so empfehlen, einfach sehr großzügig umgegangen mit den Daten"

Fred Zepp, der ehemalige Direktor des Zentrums für Kinder- und Jugendmedizin der Uniklinik Mainz, berät und entscheidet als Stiko-Mitglied über die Impfempfehlungen der Kommission. Für ihn ist die Forderung der Verbände nicht schlüssig. "Bei der Morbidität, also dem höheren Erkrankungsrisiko einer Schwangeren, stimme ich den Berichten zu. Aber die Aussage, es gibt keine Risiken im Verlauf der Schwangerschaft für das ungeborene Kind, kann man einfach nach vier Monaten Einsatz eines Impfstoffes überhaupt noch nicht beurteilen", erwidert er entschieden.

Man habe bislang keine Möglichkeit gehabt, eine Schwangerschaft, die letztlich über neun Monate dauere, im Zusammenhang mit den Covid 19-Impfungen zu beobachten. Sein Resümee: "Da sind die Menschen, die das so empfehlen, einfach sehr großzügig umgegangen mit den Daten, die bisher da sind."

Bei ihren Schlussfolgerungen berufen sich die Fachverbände unter anderem auf die systematische Nachbeobachtung geimpfter Schwangerer im US-amerikanischen V-safe Pregnancy Register. In diesem waren Ende April 100.599 Frauen registriert, die einen mRNA-Impfstoff in der Schwangerschaft erhalten hatten. Davon wurden 4.711 Schwangerschaften analysiert.

Konfrontiert man Zepp damit, geht er ins Detail: Das Register sei ein passives Meldeprogramm aus dem man nur ablesen könne, dass unter den 100 Millionen geimpften Menschen in den USA rund 100.000 Schwangere gewesen seien. "Über die meisten dort erfassten Frauen wissen wir sehr wenig, außer, dass sie in der Schwangerschaft geimpft wurden und offensichtlich keine direkten Nebenwirkungen berichtet haben." Angaben über den Verlauf der Schwangerschaften oder mögliche Komplikationen lägen nur für knapp 4.000 Fälle vor und nur bei 827 zum Ende der Schwangerschaft geimpften Frauen lägen Angaben zum neugeborenen Kind vor.

Das sei aber keine ausreichende Zahl an Untersuchungen, auf deren Grundlage die Stiko eine generelle Impfempfehlung für Schwangere aussprechen könne. Die Experten der Fachverbände könnten aufgrund ihrer Einschätzung zwar zu einem solchen Schluss kommen. "Die Stiko darf und soll aber nur auf Grundlage von Daten, also evidenzbasiert, empfehlen und da muss man feststellen: In den großen Zulassungsstudien wurden keine Schwangeren geimpft und es gibt bisher noch keine Studien, in denen eine vollständige Schwangerschaft beobachtet wurde", sagt Zepp.


Er empfiehlt deshalb in einer Art "Kokonstrategie" nahe Familienangehörige zu impfen, um einen gewissen Schutz zu erzeugen. In Ausnahmefällen, etwa bei Vorerkrankungen, können Schwangere derzeit aber auch schon geimpft werden. Zepp schränkt jedoch ein: "In diesen Fällen muss die Schwangere aber sehr sehr sorgfältig darüber aufgeklärt werden, welche Risiken es gibt, und was wir noch nicht wissen." Insbesondere könne man heute noch nicht abschätzen, was die Impfung für das ungeborene Kind bedeute. Beispielhaft nennt Zepp die Frage, ob der Impfstoff über die Plazenta zum ungeborenen Kind gelangen könne und was das für dessen Immunsystem bedeute. "Diese Fragen hat bisher niemand beantwortet", so der Mediziner.

Problem Impfschäden: Wer haftet, wenn etwas schief geht?

Praktizierende Ärzte wie Rüdiger Gaase stehen dabei jedoch vor einem ganz anderen Problem: "Ohne die Impfempfehlung der Stiko und vor allem ohne die Aufnahme von Schwangeren in die Impfverordnungen gibt es keine Haftungsabsicherung für den impfenden Arzt", so der Wormser Gynäkologe. Im Falle von Impfschäden, die - das gibt Gaase zu bedenken - nur sehr selten aufträten, läge das Risiko bei Ärzten und Patientinnen.

Auch Zepp weiß, dass mit einer Stiko-Empfehlung der Staat die Haftung in solchen Fällen übernehmen würde. Er verweist darauf, dass derzeit eine Änderung des Infektionsschutzgesetzes vorbereitet werde. In dem Gesetzentwurf von CDU/CSU und SPD heißt es: "Es wird klargestellt, dass der Anspruch auf Versorgung bei Impfschäden auch bei gesundheitlichen Schädigungen durch Schutzimpfungen gegen das Coronavirus SARS-CoV-2 gilt."

Diese Änderung wird laut Zepp zwar im Zusammenhang mit Astrazeneca-Impfungen für jüngere Menschen diskutiert. Er sagt aber: "Ich würde erwarten, dass man den Fall der Schwangerschaft wahrscheinlich genauso betrachtet." Damit könne man den Menschen und den Ärzten bis zu einer generellen Impfempfehlung Sicherheit geben.

Wann ist mit der Impfempfehlung für Schwangere zu rechnen?

Weil andere Staaten wie die USA, Israel oder Frankreich Schwangere bereits impfen, rechnet Rüdiger Gaase fest damit, dass auch Deutschland eine Impfempfehlung für Schwangere herausgeben wird. "Im Herbst wird das kommen", sagt er.

Auf die Frage nach dem Wann will sich Zepp nicht einlassen. Er sagt aber: Bei der Entscheidung sei die Stiko weder zwingend an die Studie von Pfizer/Biontech gebunden, die ihren Impfstoff bereits an Schwangeren testen, noch hänge er krampfhaft an den neun Monaten. Wenn weitere Studien zu Impfungen in der Schwangerschaft vorlägen oder sich aus den Erhebungen zum Beispiel in den USA oder England weitere Erkenntnisse ergäben, könne man die generelle Empfehlung sicherlich beraten, sagt Zepp und betont: "Wichtig ist, dass man tatsächlich eine ausreichend hohe Zahl von Schwangerschaften bis zur Geburt beobachtet und mit dem Verlauf bei Schwangerschaften ohne Impfung vergleichen kann."

Das Thema habe in den wöchentlichen Sitzungen der Stiko oberste Priorität und werde regelmäßig diskutiert. So könne, wenn man es irgendwann tatsächlich empfehlen könne, auch schnell eine entsprechende Empfehlung auf den Weg gebracht werden. In einer Stellungnahme aus dem rheinland-pfälzischen Gesundheitsministerium zum Thema heißt es, man wolle auf diese Empfehlung warten, bevor man die öffentliche Impfempfehlung anpasse.

Hamburg: Häufung auf Intensivstation Uniklinik: Immer mehr Schwangere erkranken schwer an Corona

An der Hamburger Universitätsklinik liegen immer mehr schwer erkrankte schwangere Corona-Patientinnen. Einige Mediziner raten nun, Schwangere gegen das Virus zu impfen. Aber wie gefährlich ist das?  mehr...

Corona-Pandemie Corona-Risikogruppe: Impfung auch für Schwangere?

Aus medizinischer Sicht könnte die Corona-Impfung für Schwangere durchaus sinnvoll sein – das zeigen schwere Covid-19-Verläufe von schwangeren Frauen zum Beispiel am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Mögliche Risiken der Impfung für Mutter und Kind werden aber noch erforscht.  mehr...

Rheinland-Pfalz

Internationaler Hebammentag Hebammen in Rheinland-Pfalz: "Da bekommt man Bauchschmerzen"

Zu wenige Hebammen, mehr Arbeit und viel mehr Papierkram: Der Job der Hebammen in Rheinland-Pfalz ist stetig schwieriger geworden. Die seit mehr als einem Jahr andauernde Corona-Pandemie macht es ihnen zusätzlich schwer.  mehr...

Rheinland-Pfalz

Aktuelle Lage im Land Corona-Live-Blog in RP: FFP2-Masken für Kinder im Gespräch

Die Sieben-Tage-Inzidenz geht in Rheinland-Pfalz deutlich zurück, doch das Coronavirus ist weiter das bestimmende Thema im Land. Die aktuelle Entwicklung hier im Blog.  mehr...

STAND
AUTOR/IN