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Am 10. Juni tritt in Rheinland-Pfalz eine neue Corona-Verordnung in Kraft. Sie besagt auch, dass Chöre nun wieder gemeinsam proben dürfen - wenn auch mit Vorsichtsmaßnahmen.

Alle neuen Lockerungen hat Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) am Dienstag nach einem Treffen mit Vertretern der kommunalen Spitzenverbände in Rheinland-Pfalz verkündet. Der Chorverband Rheinland-Pfalz habe selbst einen sehr strengen Plan vorgelegt, um die Proben wieder durchführen zu können. Auch Blasmusik sei dann wieder möglich, ergänzte Fritz Brechtel, zweiter Stellvertretender Vorsitzender des Landkreistages.

Singen in geschlossenen Räumen besonders gefährlich?

Gemeinsames Singen galt bei den schon geschehenen Lockerungen bisher als besonders schwierig: Im März infizierten sich bei einer Probe des Berliner Domchors mehr als 50 Mitglieder mit dem Coronavirus. Experten empfohlen daraufhin, gemeinschaftliches Singen in Räumen zu vermeiden. Das Risiko einer Ansteckung schätzte auch die Deutsche Stimmklinik als hoch ein: Die ansteckenden Tröpfchen könnten besonders weit fliegen und tiefer in die Lunge eindringen.

Knapp 3.500 Amateurchöre gibt es laut Angaben des Chorverbands in Rheinland-Pfalz. Seit dem 16. März können sie nicht mehr gemeinsam proben und auftreten. Der Verband weist in dem Hygienekonzept, das er der Landesregierung vorlegte, auf den "erheblichen wirtschaftlichen Schaden" für die Vereine hin. Man sehe eine "in Teilen auch existenzielle" Gefährung der Chorlandschaft.

Auch wenn die Chöre "auf vielfältigste Weise und mit größter Kreativität" ihre Proben digital durchführten, sei ersichtlich, "welch große und grundsätzliche Bedeutung gerade der 'analoge' Kontakt' habe". Also wurde ein Konzept erarbeitet, um eine "vorsichtige Wiederaufnahme des Präsenzprobenbetriebes bei größtmöglichem Infektionsschutz zu ermöglichen", heißt es in dem Schreiben weiter.

Hygienekonzept folgt Empfehlungen einer Studie

Das Hygienekonzept, das nun umgesetzt werden soll, bezieht sich auch auf eine Risikoeinschätzung der Hochschule für Musik Freiburg und einer Studie der Bundeswehruniversität in München. Diese war Anfang Mai zu dem Schluss gekommen, dass die Luft beim Singen nur im Bereich eines halben Meters vor dem Mund in Bewegung versetzt werde. Eine Virusausbreitung über diese Distanz hinaus sei "äußerst unwahrscheinlich."

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Sendedatum
Sendezeit
10:05 Uhr
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SWR2

Beim Singen werde kein großes Luftvolumen stoßartig ausgestoßen wie beim Niesen oder Husten. Trotzdem sei ein Sicherheitsabstand von 1,5 Metern ratsam und eine versetzte Aufstellung der Sänger empfehlenswert. Da die Untersuchungen mit professionellen Musikern durchgeführt wurden, hat der Chorverband in seinem Konzept hinsichtlich der Abstandsregeln für Amateurmusiker höhere Standards angelegt.

Diese Regeln gelten ab 10. Juni

Probenräume

Die Probenräume müssen dem Konzept zufolge regelmäßig durchlüftet werden. Deshalb soll schon bei der Auswahl der Räumlichkeiten darauf geachtet werden, dass dies möglich ist. Außerdem werden die Räume mit stationären Desinfektionsstationen ausgestattet. Gebrauchsgegenstände wie Instrumente und Stühle mit Armlehnen müssen vor der Probe desinfiziert werden.

Sitzordnung

Auch für die Anordnung der Stühle, die bei mehreren Reihen versetzt aufgestellt werden sollen, gibt es Regeln: Neben einer verbindlichen Sitzordnung muss zu den anderen Sängern nach vorne, nach hinten sowie zu den Seiten hin ein Abstand von drei Metern eingehalten werden. Die Größe der Gruppe muss also an die Größe des Raumes angepasst werden, damit die Abstandsregeln eingehalten werden - nach Möglichkeit sollen die Proben im Freien stattfinden.

Dauer und allgemeine Vorsichtsmaßnahmen

Die Dauer der Proben wird mit dem Konzept eingeschränkt: Nicht länger als 30 Minuten je Gruppe sollen sie dauern, dann wird 15 Minuten gelüftet. Die Tür zum Probenraum bleibt so lange offen, bis alle Sänger einzeln den Raum betreten und umgehend zu ihrem Platz gegangen sind. Trinken oder Essen ist nicht erlaubt. Und: Wenn gerade nicht gesunden wird, muss sogar während der Probe ein Mundschutz (oder ein Gesichts-Schutzvisier) getragen werden.

Teilnehmen darf man nur, wenn man keine Krankheitszeichen zeigt, die auf eine Infektion mit dem Coronavirus schließen lassen - aber vielleicht ist dann auch in Zukunft eine Teilnahme per Live-Stream möglich, um nicht ganz auf das gemeinsame Musizieren verzichten zu müssen.

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Bei einer Wiederaufnahme von Chorproben nach Aufhebung des Verbots ab Anfang Juni sei ein Abstand von zwei Metern beim Chorsingen empfehlenswert, so Bernhard Richter vom Freiburger Institut für Musikermedizin in SWR2 zur Auswertung neuerer Studien zur Verbreitung des Coronavirus. Das Institut empfehle außerdem Singen in möglichst hohen und großen Räumen wie beispielsweise Kirchen. Auch eine möglichst gute Durchlüftung senke das Risiko beträchtlich. Am besten sei natürlich Singen im Freien, weil die freigesetzten Aerosole dort nahezu immer sofort unschädlich gemacht würden. Vollständig ausschließen lasse sich ein Risiko aber auch nicht unter Beachtung aller Vorsichtsmaßregeln.
Prof. Bernhard Richter ist einer der Leiter des Instituts für Musikermedizin an der Universitätsklinik Freiburg, HNO-Arzt und selbst Sänger.
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