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Seit 2019 sind E-Scooter in Rheinland-Pfalz erlaubt. Zwei Jahre später setzen Verleiher weiter auf Expansion. Dennoch sind die Roller nicht überall gerne gesehen. Und in Sachen Ökobilanz ist noch viel Luft nach oben.

E-Scooter gehören in vielen rheinland-pfälzischen Städten längst zum Alltagsbild. Allein in Kaiserslautern stellen Anbieter nach Auskunft der Stadt aktuell rund 1.500 der Stehroller zur Verfügung - und das nicht mehr nur in der Innenstadt. Das Angebot werde auch zunehmend auf die Ortsteile ausgeweitet. Es ist durchaus gefragt: "Die E-Scooter werden in Kaiserslautern von den Nutzern, vor allem jüngeren Menschen, gut angenommen", teilt die Stadt mit. Sie würden für Teilstrecken und in Kombination mit anderen Verkehrsmitteln genutzt. "Die Stadtverwaltung Kaiserslautern sieht es daher als positiv an, dass das Angebot in der Stadt besteht" - so das Fazit.

Wild abgestellte E-Scooter sorgen für Ärger

Allerdings gebe es auch immer wieder Beschwerden über E-Scooterfahrer, die betrunken, auf dem Gehweg oder zu zweit führen. Auch rücksichtslos abgestellte Geräte sorgen manchmal für Ärger. Deshalb hat die Stadt mit den Anbietern von Leihgeräten sogenannte Parkverbotszonen vereinbart - zum Beispiel in Parks oder der Fußgängerzone. Man werde die Entwicklung auch in Zukunft beobachten und sich, sofern möglich, gegebenenfalls weitere reglementierende Schritte vorbehalten, heißt es von der Stadt.

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Auch in Ludwigshafen sind Hunderte von E-Scootern unterwegs. "Die Roller sind weder Fluch noch Segen; sie sollten generell sachgemäß verwendet werden, um Unannehmlichkeiten zu verhindern", urteilt die Stadt. Ein Problem sieht man bei der Stadt Ludwigshafen darin, dass viele E-Scooternutzer nicht mit den geltenden Verkehrsregeln vertraut seien.

Regeln für E-Scooter sind oft unklar

Zu diesem Schluss kommt auch die Karlsruher Projektingenieurin Jessica Hobusch, die sich wissenschaftlich mit den E-Scootern auseinandergesetzt hat. So ergab eine von ihr durchgeführte Online-Umfrage, dass auch regelmäßigen Nutzern der Roller zum Beispiel nicht bekannt war, dass sie nicht in Fußgängerzonen und auf Gehwegen fahren dürfen. "Hier fehlt es meiner Meinung nach an Aufklärung der korrekten Verhaltensregeln sowohl vom Bund als auch von den Anbieter*innen selbst, sowie an einer konsequenteren Ahndung von fahrlässigen Nutzer*innen", sagt Hobusch.


Unter anderem durch Unkenntnis komme es dann auch zu Unfällen, so Horbusch. Die Polizei verzeichnete für das vergangene Jahr bundesweit 2.155 Unfälle mit E-Scootern. Fünf Menschen kamen ums Leben. In Rheinland-Pfalz waren es 60 Unfälle, einer davon tödlich. Häufigste Ursachen waren zu hohe Geschwindigkeit und Alkohol.

Polizeigewerkschaft hätte gerne Helmpflicht für E-Scooter

Viele Rollerfahrer seien generell unsicher bei der Bedienung. Darauf weist der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, hin. "Vor allem verkehrsschwächere Menschen wie Ältere, Sehschwache oder Gehbehinderte, aber auch Kinder sind beim Überqueren von Straßen unkalkulierbaren Risiken ausgesetzt." Die DPoIG appelliert angesichts der Unfallzahlen eine Prüfbescheinigung als Voraussetzung für Nutzer sowie eine Helmpflicht für E-Scooter einzuführen.

Bei der Hälfte der Bevölkerung sind E-Scooter unbeliebt, folgt man einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des TÜV Rheinland aus dem vergangenen Jahr. Demnach sprachen sich 47,4 Prozent der Befragten dafür aus, dass den Elektro-Tretrollern die Straßenverkehrszulassung entzogen werden sollte.

Verkehr entlastend, Umweltschonend, bla bla bla Diese E-Scooter schießen hier wie Pilze aus dem Boden. Nur dass so ein Pilz in der Regel keine Menschen zwingt, Slalom zu laufen + Kinderwägen oder Rollstühle auf die Straße drängt, weil Nutzer die einfach kreuz und quer parken.

Verleiher wollen auch in kleineren Städten aktiv werden

Die Verleiher hingegen rechnen mit einer weiter steigenden Nachfrage und wollen ihr Angebot dementsprechend ausbauen. So zum Beispiel das Unternehmen Tier, das aktuell in Rheinland-Pfalz in Kaiserslautern, Mainz und Ludwigshafen Roller zur Verfügung stellt - insgesamt rund 1.500. Das bisherige Fazit des Anbieters ist positiv: "In den letzten zwei Jahren haben sich unsere Tier-Scooter fest als Teil des Mobilitätsmixes etabliert und gerade jetzt im Sommer sehen wir, dass der Bedarf an individuellen Mobilitätsoptionen weiter steigt." In Zukunft sollen weitere Städte in Rheinland-Pfalz mit Leihrollern versorgt werden, auch kleinere Städte seien interessant.

Konkurrent Lime ist aktuell ebenfalls in Mainz, Kaiserslautern und Ludwigshafen zu finden. Ein Unternehmenssprecher teilte dem SWR mit: "Insgesamt sind wir mit der Auslastung in Rheinland-Pfalz sehr zufrieden, was für uns ein klares Zeichen ist, dass unsere Scooter für viele Menschen inzwischen zu einem alltäglichen Fortbewegungsmittel geworden sind." Deutschlandweit habe man zwischen Mai und Dezember vergangenen Jahres mehr als 1,2 Millionen Neukunden verzeichnet.

Verkehrsministerium: "E-Scooter nicht mehr wegzudenken"

Eine grundsätzlich positive Bilanz nach zwei Jahren E-Scootern zieht das rheinland-pfälzische Verkehrsministerium: "E-Scooter sind vor allem in den rheinland-pfälzischen Oberzentren Teil des Verkehrsangebots geworden und im Grunde auch nicht mehr hieraus wegzudenken", heißt es auf SWR-Nachfrage. Das Potenzial der E-Scooter liege vor allem darin, das Problem der "letzten Meile" im ÖPNV zu lösen - also die Frage, wie ich von der Haltestelle zum Zielort gelange. "Zukunftsvision" sei es, dass der E-Scooter zum ÖPNV-Ticket gleich dazugebucht werden könne. "E-Scooter können somit dazu beitragen, dass der ÖPNV attraktiver wird und ein Verzicht aufs Auto eher erwogen wird, so das Verkehrsministerium.

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Inwiefern E-Scooter tatsächlich zu einer positiveren Ökobilanz beitragen, dazu gibt es nach Auskunft des Verkehrsministeriums aktuell noch keine Erkenntnisse für Rheinland-Pfalz. Das Ministerium verweist aber auf wissenschaftliche Untersuchungen, die "zeigen, dass Sharing-Angebote wie Car-Sharing, aber auch Bike- und Scooter-Sharing (...) positive Auswirkungen auf das Verkehrsgeschehen haben und die Umwelt entlasten können."

Mobilitätsstudien in Rheinland-Pfalz stehen noch aus

Der Verleiher Tier gibt an, zwar Kunden regelmäßig zu ihrem Mobilitätsverhalten zu befragen, es sei aber "zwei Jahre nach der Einführung bzw. Zulassung der E-Scooter noch zu früh, um Aussagen zu treffen". Scooter-Verleiher Lime verweist darauf, dass bundesweit täglich 120 Millionen Fahrten im Auto zurückgelegt würden. Ein Viertel davon sei unter zwei Kilometer lang. "Die Durchschnittsstrecke von Limes E-Scootern liegt bei 1,9 Kilometer. Rein theoretisch könnten also allein mit E-Scootern jeden Tag 30 Millionen Pkw-Fahrten ersetzt werden", so ein Lime-Sprecher.

In Kaiserslautern soll es 2023 wieder eine Mobilitätsuntersuchung geben. Dann soll auch erstmals beurteilt werden, ob E-Scooter wirklich Autofahrten ersetzen und somit zu einer besseren Umweltbilanz beitragen können. Bislang gebe es noch keine zuverlässigen Rückschlüsse. Auch aus Ludwigshafen fehlen belastbare Untersuchungen. Aktuell sei jedoch kein sichtbarer Einfluss der E-Roller auf das Mobilitätsverhalten zu erkennen: "Aus Gesprächen bzw. Umfragen mit Anbietern und Nutzer*innen ist bekannt, dass eher ein Fußweg oder eine ÖPNV-Fahrt durch E-Roller ersetzt wird und das E-Roller für zusätzliche 'Spaßfahrten' Verwendung finden."

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Deshalb sei es wünschenswert, die Angebote in Zukunft auch in Randgebieten weiter auszubauen, sagt das Umweltbundesamt: "Hier kann es durchaus sinnvoll sein, die zu lange Strecke zur Bahn schnell mit dem E-Scooter anstatt mit dem Auto zu überbrücken". Ansonsten ist das Bundesamt in seinem aktuellen Fazit zurückhaltend: Derzeit seien E-Scooter kein Gewinn für die Umwelt, da sie statt den Autoverkehr eher den Rad- und Fußverkehr ersetzten. Umweltbelastend sei zudem die Produktion der Akkus für die Scooter und die kurze Lebensdauer der Geräte.

Die Karlsruher Projektingenieurin Jessica Hobusch stellte in ihren Untersuchungen auch positive Entwicklungen fest. So entferne sich der E-Scooter bei steigender Nutzung immer mehr davon, ein pures Spaßobjekt zu sein: "Insbesondere für jüngere Menschen scheint es zu einem 'richtigen' Verkehrsmittel zu werden." Zudem hätten sich die Modelle der Sharing-Anbieter weiterentwickelt, stellt Hobusch fest. Die ersten Modelle seien noch nicht für den Sharing-Betrieb konzipiert gewesen, konnten häufiger Nutzung und Witterung schlecht standhalten. "Inzwischen lassen die meisten Anbieter*innen ihre E-Scooter eigens für den Sharing-Betrieb entwickeln, sodass diese durch eine robustere Bauweise sicherer und langlebiger sind."

Neue E-Scooter sind umweltfreundlicher als erste Generation

Im Vergleich zur Anfangsphase habe sich auch die Treibhausgasbilanz des E-Scooter-Sharing inzwischen verbessert. Darauf weist die Deutsche Energie-Agentur (Dena) in einer neu erschienenen Studie hin. Am Beispiel der Stadt Berlin wird festgestellt: Während die Treibhausgasbilanz zum Zeitpunkt der Markteinführung schlechter ausfiel als bei der Nutzung konventioneller Pkw, könnten E-Scooter nach dem innovativsten Szenario künftig eine geringere Umweltbelastung als der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) aufweisen." Grund für die Besserung sei unter anderem eine inzwischen verlängerte Lebensdauer der Geräte oder der Einsatz von Wechselakkus. Die Scooter müssen dann nicht mehr zu Ladestationen transportiert werden.

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