Eine teilweiße schon geöffnete Monatspackung der Antibabypille liegt auf einem Waschbecken. (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Annette Riedl)

60 Jahre Antibabypille

Nach dem Babyboom: "Pillenknick" in Rheinland-Pfalz

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AUTOR/IN
Anna-Lara Weidinger
Anna-Lara Weidinger ist Autorin bei SWR Aktuell in Rheinland-Pfalz (Foto: SWR)

Vor 60 Jahren kam in Deutschland die erste Antibabypille auf den Markt. In Rheinland-Pfalz spiegelt sich der so genannte Pillenknick in der Bevölkerungsentwicklung wider.

Seit seiner Gründung 1947 erlebte Rheinland-Pfalz einen Babyboom, der 1963 einen Höhepunkt erreichte: Knapp 68.000 Kinder kamen in diesem Jahr zur Welt. Doch Mitte der 60er-Jahre machte sich der sogenannte Pillenknick bemerkbar – mit der Einführung der Antibabypille 1961 war die Empfängnisverhütung etabliert.

Heute Normalität, 1961 eine Sensation

Die Antibabypille hat für Millionen von Frauen eine neue Form der Freiheit in Bezug auf sexuelle Selbstbestimmung geschaffen. Durch das Hormonpräparat war Verhütung deutlich sicherer und die Familienplanung einfacher. Was damals noch neu war und zu hitzigen Diskussionen führte, ist heute für viele Frauen zur Normalität geworden.


Katholische Kirche: Verhütungsmittel "Sünde"

Über Langzeitfolgen oder Risiken des Hormonmittels, über die heute rege diskutiert wird, war zum Zeitpunkt der Einführung wenig bekannt, auch wenn es bereits medizinische Bedenken gab. Entschiedener wehrte sich die katholische Kirche: Der damalige Papst Paul VI. verurteilte 1968 die Geburtenkontrolle durch künstliche Verhütungsmittel gar als Sünde.

Der Erfolgsstory der Pille hat das keinen Abbruch getan. Das beliebte Verhütungsmittel enthält heute deutlich weniger Hormone als die ursprüngliche Antibabypille und ist in verschiedenen Ausführungen erhältlich. Trotzdem birgt es Nebenwirkungen, so dass inzwischen immer weniger junge Frauen in Deutschland mit der Pille verhüten.

Viele Frauen greifen heute zu Alternativen

Laut einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) ließen sich im Jahr 2019 31 Prozent der gesetzlich versicherten Mädchen und jungen Frauen bis 22 Jahren die Pille verschreiben, während es 2010 noch 46 Prozent waren. "Das kann mit einem stärkeren Bewusstsein dafür zu tun haben, dass die Pille kein Lifestyle-Präparat ist, sondern in den Hormonhaushalt eingreift und auch Nebenwirkungen haben kann", sagt Eike Eymers, Ärztin im Stab Medizin des AOK-Bundesverbandes.

Generell erhöhen einige, wenn auch nicht alle, hormonellen Verhütungsmittel das Risiko für venöse Thromboembolien (VTE), also für ein Blutgerinnsel in einer Vene, insbesondere für tiefe Beinvenenthrombosen, Armvenenthrombosen und auch für Hirnvenenthrombosen.

Diskussion über Pille und Astrazeneca-Impfung

Im Rahmen der Diskussion um die Gesundheitsrisiken bei Corona-Impfungen mit dem Astrazeneca-Impfstoff wurde diese Problematik zuletzt noch einmal präsent: Wie Übergewicht könne auch die Einnahme einer Antibabypille unter Umständen das Gesundheitsrisiko erhöhen.

Zu diesem Schluss kam unter anderem der Pharmakologe und Vorsitzende der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, Wolf-Dieter Ludwig, im Gespräch mit dem SWR: "Wenn solche Risikofaktoren vorliegen, würde ich eventuell raten, sich mit dem Impfstoff eines anderen Herstellers impfen zu lassen." Allerdings würde er allen anderen raten, sich weiterhin Astrazeneca verabreichen zu lassen.

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