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Nach Zahlen des statistischen Bundesamtes ist die Gefahr der Altersarmut in Rheinland-Pfalz und im Saarland am Höchsten. Und es trifft meist Frauen. Eine Betroffene ist Ursula Follmann aus Dernbach in der Pfalz.

Viel hatte sie nie, aber dass sie mal von so wenig Geld leben müsste, hätte Ursula Follmann nicht erwartet. Mit ihren 429 Euro Rente und knapp 70 Euro Zuschuss vom Amt liegt die 67-Jährige deutlich unter dem Schwellenwert zur Armut, der in Deutschland bei 1.061 Euro liegt. Und sie ist dabei kein Einzelfall: Ihr Beispiel ähnelt dem Schicksal vieler anderer Rentner in Rheinland-Pfalz, deren Geld zum Leben nicht reicht.

Denn laut Statistischem Bundesamt ist die Gefahr im Alter arm zu werden nur im Saarland höher als in Rheinland-Pfalz. Jeder sechste Rentner hat demnach zu wenig Geld. Besonders betroffen sind dabei Frauen.

Altersarmut trotz Ausbildung und Minijobs

Dabei haben viele wie Ursula Follmann in ihrem Leben durchaus lange Jahre gearbeitet. Nach einer Ausbildung zur Bürokauffrau und elf Berufsjahren bekam sie Kinder, um die sie sich kümmerte. Doch der Wiedereinstieg in den Beruf gelang ihr danach nicht mehr. "Nach der Grundschule habe ich Computerkurse gemacht, weil ich unbedingt wieder in den Beruf zurück wollte."

Doch obwohl sie sich weiterbildete und nach eigenen Angaben rund 800 Bewerbungen schrieb, klappte es nicht mit einer festen Anstellung. Was ihr blieb, waren verschiedene Aushilfs- und Minijobs. Doch bei Minijobs wird nichts in die Rentenkasse gezahlt - einer der Gründe für Altersarmut.

Warum Rheinland-Pfalz besonders betroffen ist

Warum es gerade in Rheinland-Pfalz, dem Land mit den laut Deutschem Gewerkschaftsbund (DGB) meisten Minijobbern, solche Probleme gibt, erklärt Susanne Wingertszahn, Geschäftsführerin beim DGB Rheinland-Pfalz: "Aus meiner Sicht hat es drei Gründe. Zum einen, dass die Menschen in Rheinland-Pfalz eher in Bereichen arbeiten, wo niedrigere Löhne bezahlt werden."

Zum anderen gehe auch in Rheinland-Pfalz die Tarifbindung zurück, so die Gewerkschafterin. "Das heißt, zunehmend mehr Betriebe zahlen nicht nach Tarif, das waren vor 20 Jahren noch 50 Prozent, heute ist es noch ein knappes Drittel der Betriebe, die nach Tarif bezahlen." Und letztendlich seien gerade Frauen betroffen, weil sie oft eine unterbrochene Erwerbsbiographie haben - zum Beispiel durch die Erziehung der Kinder, wie der Fall von Ursula Follmann zeigt.

Ohne Lebensmittel von der Tafel kaum zu schaffen

Bis vor zwei Jahren ging die 67-Jährige noch putzen, um wenigstens etwas dazu zu verdienen. Doch irgendwann schaffte sie auch das nicht mehr. Ohne die Lebensmittel der Tafel würde sie heute nicht auskommen. "Was man da nicht ausgeben muss, spart man sich dann zusammen." Zum Beispiel für den Fall, dass sie sich einmal etwas zum Anziehen oder Schuhe kaufen will. Dabei hat sie gelernt, mit den Lebensmitteln der Tafel hauszuhalten: "Ich komme alle 14 Tage, das reicht mir. Und wenn man das ordentlich daheim verpackt und einfriert, dann kommt man so hin", sagt Follmann.

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Rentnern unterhalb der Armutsgrenze steht eine Grundsicherung zu. Die hat auch Ursula Follmann beantragt - der Briefwechsel dazu füllt einen ganzen Aktenordner. Immerhin 68 Euro bekommt sie nun zusätzlich, ein Betrag der ihr hilft. Trotzdem weiß sie von anderen Senioren, dass vielen der Aufwand dafür zu hoch ist. "Gerade mit der Bürokratie sind viele überfordert."

In manchen Fällen kann das sogar zur Obdachlosigkeit führen, schildert Follmann, die seit acht Jahren ehrenamtlich für Obdachlose in Landau kocht. Zur Essensausgabe kommen dort immer häufiger auch alte Menschen. Der DGB in Rheinland-Pfalz hat daher klare Forderungen an die Landesregierung, um gezielt auch Rentner im Land zu unterstützen. So fordert DGB-Geschäftsführerin Wingertszahn mehr Netzwerke und Beratungsstellen für ältere Menschen - gerade im ländlichen Raum.

Mögliche Maßnahmen: Tarifbindung, höherer Mindestlohn, steuerfreie Renten

Auch bei der Tarifbindung sieht sie Nachholbedarf: "Wir haben zu wenig Tarifbindung in Rheinland-Pfalz, da kann das Land mit dafür sorgen, dass Tarifverträge für allgemeinverbindlich erklärt werden, das heißt, für alle zählen." Dafür könne sich das Land zudem auch auf der Bundesebene einsetzen.

Die Linken stellen sich hierbei hinter die Gewerkschaften und fordern eine deutliche Anhebung des Mindestlohnes. Auch die AfD schreibt sich die Bekämpfung der Altersarmut auf die Fahnen, will zum Beispiel die Besteuerung der Renten aufheben.

All das könnte helfen, damit Ursula Follmanns Wunsch in Erfüllung geht: Dass es Frauen in Rheinland-Pfalz zukünftig besser geht als ihr.

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