STAND

Gesundheitsexperten verzeichnen einen wachsenden Alkohol- und Tabakkonsum in der Corona-Krise. Zeitgleich müssen Beratungsangebote für Süchtige in Rheinland-Pfalz reduziert werden.

Etwa ein Viertel der Menschen mit ohnehin problematischem Alkoholkonsum trinkt seit Corona noch mehr. Das ergab eine Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Forsa. Als Gründe werden Stress durch Kontaktbeschränkungen, die unsichtbare Bedrohungslage, Kurzarbeit, geschlossene Schulen, Kindergärten und Kinderbetreuungseinrichtungen vermutet.

Auch in der Gesamtbevölkerung hat sich der Alkoholkonsum während der Corona-Krise offenbar verändert. Eine weitere Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim belegt insgesamt einen steigenden Alkoholkonsum während der Corona-Krise bei einem Drittel der befragten Menschen.

Patienten berichten: "Ich habe Angst um mich"

Diese Veränderung bemerken auch Therapie-Einrichtungen in Rheinland-Pfalz. "Wir spüren eine stärkere Ernsthaftigkeit und einen Druck bei den Patienten, die Therapie anzugehen", sagt Thomas Korte, ärztlicher Direktor und Chefarzt an der Fachklinik Eußerthal in der Südpfalz. "Die Patienten berichten ganz direkt: 'Ich habe Angst um mich, ich muss was tun in Zeiten von Corona, sonst stürze ich noch mehr ab.'"

Es sei spürbar, dass Menschen mit einem riskanten Alkoholgebrauch in der Corona-Pandemie mehr konsumierten, so Korte. Die Menschen berichteten von einem Gefühl, stärker mit der Abhängigkeit konfrontiert zu sein, wenn sie aktuell in der Isolation lebten oder zurzeit keine Arbeit hätten.

Landesstelle für Suchtfragen: Gruppenangebote weggebrochen

Die Corona-Pandemie verstärkt die Situation Suchtkranker dabei in vielerei Hinsicht: Der Grund seien die Hygienebestimmungen, die niederschwellige Therapieangebote für Suchtkranke erschwerten, berichtet Andrea Ehses von der Landesstelle für Suchtfragen Rheinland-Pfalz.

"Gruppenangebote wurden reduziert und ein Großteil der Angebote laufen jetzt über Telefon oder das Internet", so Ehses. Es meldeten sich derzeit viele Menschen, die schon früher in der Beratung waren und längere Zeit abstinent lebten. "Aufgrund der aktuellen Belastung geraten sie nun unter Druck und in Sorge, rückfällig zu werden."

Enges Zusammenleben verdeutlicht Sucht

Außerdem würden sich Menschen bei den Beratungsstellen melden, die sich Sorgen um Angehörige machen, bei denen sie einen verstärkten Konsum feststellen, der vorher nicht so aufgefallen sei und jetzt im engen Zusammenleben mit der Familie deutlich würde.

Die aktuelle Situation sei sehr schwierig für viele Menschen, sagt Ehses: "Die Gruppenangebote der Selbsthilfe sind weggebrochen. Aber gerade da ist es wichtig, dass es die Onlineberatung gibt. Nur so schaffen wir aktuell überhaupt Kontakt."

Bewältigungsmechanismus für Krisenzeiten

Als Ursache für den gesteigerten Alkoholkonsum nennt Sucht-Experte Michael Falkenstein Langeweile und Stress während der Corona-Krise. Für viele seien Rauschmittel gerade in Krisenzeiten eine Art Bewältigungsmechanismus, da sie entspannten und vermeintlich Ängste vertrieben.

"Die große Gefahr dabei ist, dass aus dem vermehrten Konsum während einer schweren Phase eine Gewohnheit wird und dadurch ein noch höheres Risiko für eine Abhängigkeit entsteht", so Falkenstein.

Vor den Gefahren der Corona-Pandemie für Suchtkranke warnte zuletzt auch die Bundesdrogenbeauftragte Daniela Ludwig (CSU). Elementar wichtig sei aktuell, dass Beratungsstellen, niedrigschwellige Hilfsangebote und Suchtkliniken für alle Bedürftigen offen blieben. Der Bedarf sei größer denn je.

Rheinland-Pfalz

Aktuelle Lage im Land Live-Blog zum Coronavirus in Rheinland-Pfalz: Unternehmen aus Rheinhessen bekommt Zulassung für Selbsttests

Das Coronavirus bestimmt weiter das öffentliche Leben in Rheinland-Pfalz. Mit dem Start in den März sind in Rheinland-Pfalz einige Lockerungen der Corona-Regeln in Kraft getreten. Die aktuelle Entwicklung hier im Blog.  mehr...

Forum High im Lockdown – Steigt die Sucht mit der Krise?

Norbert Lang diskutiert mit:
Philip Gerber, Sozialarbeiter
Prof. Dr. Christoph Möller, Kinderpsychiater
Prof. Dr. Heino Stöver, Sozialwissenschaftler  mehr...

SWR2 Forum SWR2

Mannheim

Alleinlebende besonders betroffen Suchtberatung Mannheim: Gefahr bei Alkohol- und Internet-Konsum

Die Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie können bei einigen Menschen Suchtverhalten auslösen oder verstärken. Die Mannheimer Suchtberatungsstelle hat in diesen Tagen viel zu tun.  mehr...

STAND
AUTOR/IN