Künftig ohne Facebook und Twitter: Robert Habeck (Foto: dpa Bildfunk)

Experte zum Facebook-Aus des Grünen-Chefs "Habeck hat aus Selbstschutz sehr reflektiert gehandelt"

Grünen-Chef Habeck hat seine Social-Media-Accounts gelöscht. Ein richtiger Schritt? "Das kann man jetzt noch nicht beurteilen", sagt Publizist Simon Kruschinski von der Uni Mainz. Schlammschlachten gebe es auch anderswo.

Herr Kruschinski, Grünen-Chef Robert Habeck hat angekündigt, seine Accounts bei Facebook und Twitter zu löschen. Ist das sinnvoll?

Darauf gibt es keine einfache Antwort. Um zu einer Antwort zu gelangen, ist es einerseits wichtig, sich die Nutzungslogiken der einzelnen Kanäle anzuschauen. Twitter ist ein Medium, in dem Themen unter Eliten wie Journalisten oder Politikern diskutiert werden, aber der Großteil der Deutschen nutzt es generell und auch zur politischen Information kaum. Und auch bei den meisten Facebook-Usern steht die Politik nicht an erster Stelle.

Andererseits muss man sich anschauen, welche Funktion Twitter für Politiker hat: Will man am Diskurs teilnehmen, will man ein Image prägen, will man eine Partei repräsentieren oder will man sich Meinungen einholen. Und schließlich muss man bei dem Menschen Habeck auch fragen: Wird der Verzicht das bewirken, was er anstrebt? Bekommt er die angestrebte Umkehr hin, wird er fokussierter oder reflektierter? Erst dann kann man zu einem Urteil über die Löschung seiner Profile kommen.

Wäre es nicht besser gewesen, Habeck hätte das Problem benannt, dann aber erklärt, künftig vorsichtiger zu agieren?

Ich glaube, Robert Habeck hat da aus Selbstschutz zwar schnell, aber dennoch reflektiert gehandelt. Er hat sich über die Auswirkungen von Twitter und Facebook auf sein Handeln und seine Person Gedanken gemacht. Das muss man respektieren. Persönlich bin ich aber der Meinung, man sollte das Kampffeld Social Media nicht denen überlassen, die am lautesten schreien und die Löschung seiner Accounts als Erfolg feiern. Ich hätte mir gewünscht, dass Habeck bei Facebook und Twitter bleibt, weil dort eine intellektuelle und sprachlich starke Stimme verloren geht. Und auch ohne soziale Netzwerke: Politische Schlammschlachten haben schon immer stattgefunden – zu jeder Zeit. Dem kann man sich nicht entziehen.

Hält Habeck das durch oder wird er seine Entscheidung bald revidieren?

Das sehe ich völlig offen. Er wird seine Accounts aber sicher eine Zeitlang ruhen lassen, denn sonst sieht das wie eine Niederlage aus. Beispielsweise besitzen Bundeskanzlerin Angela Merkel, Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Alexander Gauland bis heute keinen Twitter-Account und sind dennoch in der Öffentlichkeit sichtbar. Sie nutzen eben andere Medien oder setzen Themen, sodass im Internet über sie geredet wird.

Der Publizist Simon Kruschinski (Foto: Pressestelle, SWR, Bild: Richard Lemke)
Der Publizist Simon Kruschinski Pressestelle Bild: Richard Lemke

Gibt es denn Menschen, die ein Politiker nur noch mit Facebook und Twitter erreichen kann?

Nein. Auch die Internetöffentlichkeit erreicht man über andere Kanäle. Die Menschen nutzen heutzutage vielerlei Medien, um sich zu informieren. Zwar zeigen Studien, dass Jüngere deutlich stärker soziale Netzwerken nutzen, aber auch die bekommen Informationen noch über andere Kanäle. Und bei den Älteren spielen klassische Massenmedien sowieso eine viel größere Rolle.

Kann Habeck mit diesem Verzicht einen Trend auslösen und auf Nachahmer hoffen?

Ich gehe nicht davon aus, dass es in nächster Zeit viele Nachahmer gibt. Aktuell haben Facebook und Twitter noch einen zu großen Nutzen für politische Akteure – in vielerlei Hinsicht. Aber Studien zeigen, dass eine Sättigung erreicht ist und die Nutzerzahlen nicht mehr steigen bzw. jüngere Menschen auf andere Plattformen umsteigen. So blicken durch die jüngsten Probleme und Skandale bei Twitter und insbesondere Facebook immer mehr User kritischer auf ihre Nutzung. Die Menschen hinterfragen langsam, was mit ihren Daten eigentlich passiert und dass Facebook sie ausnutzt, um Geld zu verdienen. Die Entwicklung von Plattformen ist so schnell und dynamisch, sodass es durchaus sein kann, dass sich in den kommenden Jahren immer mehr Menschen von den aktuellen Plattformen entfernen und zu anderen wechseln.

Das heißt, Habeck könnte doch noch zum Vorreiter werden?

Es ist natürlich möglich, dass man sich an diesen Tag zurückerinnert. Aber ich bezweifele, dass Habeck der unfreiwillige Anführer einer sozialen Netzwerkrevolte ist. Das hat dann ganz andere Gründe.

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