Wer eine Psychotherapie braucht, muss mit bis zu fünf Monaten Wartezeit rechnen (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Klaus Rose/OKAPIA)

Lange Wartezeiten Krankenkassen blockieren oft Weg zu schneller Psychotherapie

Die Krankenkassen verhalten sich nach Recherchen des SWR-Politikmagazins "Zur Sache Rheinland-Pfalz" bei der Bewilligung von Psychotherapien in Rheinland-Pfalz offenbar teilweise gesetzeswidrig. Das Motiv soll die Vermeidung von Kosten sein.

In Rheinland-Pfalz beträgt die durchschnittliche Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz 19 Wochen. Wenn ein Betroffener nachweisen kann, dass er die Hilfe dringender braucht, sind die gesetzlichen Krankenkassen nach dem Sozialgesetzbuch verpflichtet, auch eine Therapie bei einem Privat-Therapeuten zu zahlen.

Psychotherapeutenkammer: Extrem angespannte Situation

Seit einigen Jahren werden diese Anträge aber in vielen Fällen von den Krankenkassen abgewiesen, zeigen Recherchen des SWR-Politikmagazins "Zur Sache Rheinland-Pfalz". "Da geht es oft einfach darum, Kosten zu sparen", sagt Sabine Maur, Vorsitzende der rheinland-pfälzischen Psychotherapeutenkammer.

"Dabei würde eine solche Privat-Kostenübernahme die extrem angespannte Situation entspannen und die Wartezeiten auf einen Therapieplatz in akuten Fällen deutlich verkürzen." Belastbare Fallzahlen gibt es nicht, da die Krankenkassen diese seit 2014 nicht mehr veröffentlichen müssen.

Krankenkassen lehnen mehr Anträge ab

Eine Untersuchung im Auftrag der Landestherapeutenkammer zeigt aber, dass die Bewilligungsquote in den letzten drei Jahren von 81 Prozent auf 47 Prozent zurückgegangen ist.

Der Verband der Ersatzkassen (vdek), unter dem die meisten Krankenkassen organisiert sind, weist im Interview mit "Zur Sache Rheinland-Pfalz" die Verantwortung von sich: "Die Kostenübernahme von Privattherapie ist lediglich ein 'Notausgang' für Patientinnen und Patienten, wenn ansonsten keine Behandlungsmöglichkeit existiert."

Krankschreibungen nehmen zu

Beschwerden von Betroffenen, die beklagen, dass die Kosten nicht übernommen würden, nehmen zudem laut externen Fachstellen in den letzten Jahren zu. Psychische Erkrankungen sind inzwischen der zweithäufigste Grund für Krankschreibungen in Rheinland-Pfalz.

Ein Grund: In den letzten Jahren sei die gesellschaftliche Akzeptanz von psychischen Erkrankungen besser geworden, so Maur, und die Rheinland-Pfälzer trauten sich öfter, professionelle Hilfe anzunehmen. Allerdings hätten es Politik und Krankenkassen in den vergangenen Jahren versäumt, auf den gesellschaftlichen Wandel zu reagieren und mehr Plätze in der Psychotherapie zu schaffen.

Neue Psychotherapieplätze ab 2020

Zwar soll Rheinland-Pfalz nach Berechnungen der Landestherapeutenkammer im nächsten Jahr rund 50 neue Psychotherapieplätze bekommen, "bedarfsgerecht wäre aber das Dreifache", betont Maur. "Wir befürchten, dass dann die Wartezeiten immer noch nicht bedeutsam reduziert werden."

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