Drei Dachdecker decken ein Dach (Foto: picture-alliance / dpa)

Tiefststände bei Arbeitslosenquote Vollbeschäftigung in acht Landkreisen - ein Jobwunder?

Acht Landkreise in Rheinland-Pfalz können sich mit dem Etikett "Vollbeschäftigung" schmücken. Was steckt hinter dem Jobwunder - vielleicht ein Etikettenschwindel?

In ganz Rheinland-Pfalz ist die Arbeitslosigkeit seit vielen Jahren rückläufig. 2005 lag sie noch bei 8,8 Prozent, aktuell meldet die Arbeitsagentur für November eine Quote von 4,1 Prozent. Ab einem Wert von drei Prozent spricht die Bundesagentur für Arbeit von Vollbeschäftigung. Mittlerweile haben acht Landkreise diesen Zustand erreicht.

Der Primus inter Pares ist der Eifelkreis Bitburg-Prüm. Hier, im äußersten Westen von Rheinland-Pfalz, herrscht seit zehn Jahren Vollbeschäftigung, mittlerweile nähert sich die Quote der Zwei-Prozent-Grenze.

Schild am Jobcenter Bitburg-Prüm im Eifelkreis in Rheinalnd-Pfalz (Foto: SWR)
Das Jobcenter ist auch in Zeiten sogenannter Vollbeschäftigung nicht überflüssig

Was steckt hinter diesen Zahlen? Der Chef des Jobcenters Bitburg-Prüm, Markus Regnery, zählt im Gespräch mit dem Politikmagazin Zur Sache Rheinland-Pfalz mehrere Gründe für die Arbeitsmarktlage in seinem Bereich auf:

  • Unternehmensstruktur mit großen, kleinen und mittleren Unternehmen
  • günstige geographische Lage - Nähe zu Trier, Luxemburg, Kölner Raum
  • keine saisonalen Ausschläge, weil Tourismus nicht dominant ist
  • neue Beschäftigungsmöglichkeiten durch technischen Fortschritt
  • flexible Menschen, die wegen ländlicher Struktur große Pendelzeiten in Kauf nehmen
Markus Regnery leitet das Jobcenter Bitburg-Prüm im Eifelkreis in Rheinland-Pfalz (Foto: SWR)
Markus Regnery leitet das Jobcenter Bitburg-Prüm

Als besonderen Erfolg wertet Regnery den starken Anstieg der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungen: "Diese sind in den letzten zehn Jahren um zwölf Prozent angestiegen." Arbeitslos sind der Geschäftsführer des Jobcenters und seine Kollegen allerdings trotzdem nicht. "Bei Vollbeschäftigung herrscht viel Bewegung am Arbeitsmarkt", erklärt Regnery. Unternehmen fangen Produktiosnspitzen oft durch Befristungen auf, deswegen gebe es tendenziell viele Wechsel, bei denen die Jobcenter ins Spiel kämen.

Die Kurve für die Arbeitslosenquote im Eifelkreis Bitburg-Prüm fällt seit Jahren kontinuierlich (Foto: Pressestelle, Statistik Bundesagentur für Arbeit)
Die Kurve für die Arbeitslosenquote im Eifelkreis Bitburg-Prüm fällt seit Jahren kontinuierlich Pressestelle Statistik Bundesagentur für Arbeit

Vollbeschäftigung - ein Wort, das in die Irre führt

Traumzahlen am Arbeitsmarkt? Expertin Lena Becher vom Institut für Sozialpolitik und Arbeitsmarktforschung der Hochschule Koblenz (ISAM) genießt den Begriff Vollbeschäftigung mit Vorsicht.

Arbeitsmarktexpertin Lena Becher (Foto: SWR)
Arbeitsmarktexpertin Lena Becher

Eine allgemeingültige Defintion der Vollbeschäftigung mit einem allseits akzeptierten Prozentsatz gibt es nicht. Die Bundesagentur für Arbeit (BfA) schließt sich nach eigenen Angaben der "vorherrschenden Meinung" an, nach der man bei einer Arbeitslosenquote von drei Prozent oder weniger von Vollbeschäftigung spricht. Die Bundeszentrale für politische Bildung sieht Vollbeschäftigung bei zwei Prozent oder weniger erreicht.

Letztlich ist es jedoch eher unerheblich, ob man bei unter drei oder zwei Prozent von Vollbeschäftigung spricht. Es geht vielmehr darum, dass die Zahl, so wie sie heute erfasst wird, nach Meinung von Becher nicht tauglich ist, weil sie zu viele nicht arbeitende Menschen nicht erfasst und zugleich kein Indikator für die Qualität von Arbeit ist.

Arbeitslosenquote erfasst zu viele Menschen nicht

Zu den Menschen, die nicht arbeiten, aber nicht von der Arbeitslosenquote erfasst werden, gehören laut Becher zum Beispiel:

  • Menschen in Maßnahmen wie Fortbildung oder Bewerbungstraining
  • krankgeschriebene Menschen
  • Menschen über 58, ohne Vermittlungsangebot in letzten 12 Monaten

Mit Blick auf die acht rheinland-pfälzischen Landkreise mit dem Etikett Vollbeschäftigung sagt die Wissenschaftlerin, dass es zwar wenige Arbeitslose gebe. Das sei aber nicht gleichbedeutend mit vielen Beschäftigten, denn diese arbeiten unter Umständen nicht in dem Landkreis selbst - so wie in der Randlage des Eifelkreises viele Menschen nach Luxemburg oder Köln pendeln.

Vollbeschäftigung - aber zu schlechten Konditionen?

Die erreichte Vollbeschäftigung sage außerdem nichts über die Qualität der Arbeit aus: "Auf den ersten Blick scheint alles prima. Die Menschen sind keine Arbeitslosen mehr, aber man weiß nicht, ob sie als Leiharbeiter oder Teilzeitbeschäftigte arbeiten oder wie viel Geld sie verdienen", kritisiert Arbeitsmarktexpertin Becher.

"Vollbeschäftigung lässt sich dem Wähler gut verkaufen"

Becher bezweifelt, dass Vollbeschäftigung das richtige politsche Ziel ist. Man könne es dem Wähler zweifelsfrei gut verkaufen. Aber man schaue dann nur auf das "Angebot" von Arbeitslosen und nicht auf die Nachfrage von Arbeitskräften. Die Qualität der Arbeit spiele keine Rolle und man verliere die Menschen vollkommen aus dem Blick, die selbst bei einer guten Arbeitsmarktlage keinen Zugang zum Arbeitsmarkt haben. Davon gebe es bundesweit immerhin trotz des gesunden Arbeitsmarktes zwischen 700.000 und 800.000.

"Besser als Vollbeschäftigung wäre das Ziel "gute Arbeitsverhältnisse", meint Becher. Die Politik sollte darauf schauen, dass Arbeit langfristig existenz- und alterssichernd ist und ihre Ziele dementsprechend formulieren. Von den Menschen in Vollzeit könnten zwar die meisten davon leben. "Aber in Rheinland-Pfalz gibt es immerhin auch 5.000 Vollzeitbeschäftigte, die mit Hartz IV aufstocken müssen, Azubis ausgenommen. Und nochmal 12.000 Teilzeitbeschäftigte müssen ebenfalls aufstocken", gießt Becher Wasser in den Wein mit dem Etikett Vollbeschäftigung.

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